Kommentar

Ein Jahr später: Fünf Lehren aus dem Attentat von Hanau

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Hinterbliebene von Hanau: "Vater des Attentäters macht uns Angst"

Vor einem Jahr tötete ein Rechtsextremist in Hanau neun Menschen. Die Angehörigen beschäftigt der 19. Februar noch immer - sie suchen nach Antworten.

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Berlin  Vor einem Jahr ereignete sich das rechtsextreme Attentat. Der Staat schwächelt weiterhin im Umgang mit Terror, kommentiert unser Autor.

Es sind manchmal nüchterne Zahlen, die eine neue Weltlage mit aller Wucht erklären: Im Jahr 2014 hat Deutschland nicht einmal 200.000 Euro an Opfer von Terror-Anschlägen zahlen müssen. Im Jahr 2020 waren es fast 2,5 Millionen Euro. Seit 2018 bekommen Angehörige von Terroropfern mehr Geld. Doch noch auffälliger: Die Zahlungen wachsen, weil der Terror in Deutschland wächst.

Vor allem die Angriffe von rechts ziehen eine Blutspur durch die vergangenen zwei Jahre: der Mord an CDU-Politiker Walter Lübcke, der Angriff auf die Synagoge in Halle. Und, vor genau einem Jahr, das Attentat in Hanau. Neun Menschen starben durch die Schüsse eines deutschen Täters.

Deutsche Sicherheitsbehörden haben immer noch Schwächen bei Terror-Taten

Schon vor 40 Jahren tötete ein rechtsextremer Täter 13 Menschen auf dem Oktoberfest. Umso mehr erschreckt, dass deutsche Sicherheitsbehörden und die Regierungen noch immer Schwächen offenbaren im Umgang mit Terror-Taten. Der Fall Hanau belegt das schmerzhaft. Wer den Fall analysiert, muss fünf Lehren ziehen:

Erstens, der stärkere Blick auf die Opfer. Familien von Getöteten erzählen auch Monate nach der Tat oft von der ersten Begegnung mit der Polizei. Vor allem wenn die Täter aus Familien mit Zuwanderergeschichte kommen. Sie würden oft nicht als Opfer behandelt, sondern als Verdächtige. Die Ermittler suchen nach Verbindungen der Getöteten zu kriminellen Banden. Sie forschen nach „Milieu-Taten“, warnen die Hinterbliebenen vor Racheakten.

Klar ist, Ermittler müssen in alle Richtungen fahnden. Sie müssen schmerzhafte Fragen stellen. Aber es gilt auch: Deutsche Polizisten brauchen besseres Training im Umgang mit Opfern von Terror-Taten wie in Hanau. Rassismus gibt es überall – in der Polizei hat er noch fatalere Folgen.

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Lehren aus Hanau-Anschlag: Terrorismus ist lokal

Zweitens, mehr Terror-Abwehr in der Fläche. Gewalt von Radikalen passiert oft im Umfeld der Täter: in Halle, in Hanau, in Berlin. Terrorismus ist lokal. Die Sicherheitsbehörden haben zuletzt viel Geld investiert in Sondereinheiten und Spezialkommandos, in bessere Technik, bessere Waffen.

Der Blick aber muss in die Provinz gerichtet werden: Zu den Beamten, die als Erste am Tatort sind. Zu den Leitstellen, die Einsätze in den ersten Stunden nach dem Attentat koordinieren. Hier steht die deutsche Sicherheitsarchitektur auf wackeligem Fundament. In der Tatnacht von Hanau war der Polizei-Notruf für eines der Opfer mehrfach nicht zu erreichen.

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Radikalisierung findet im Netz statt, Waffenbesitz muss härter kontrolliert werden

Drittens, schärfere Kontrolle von Waffenbesitzern: Der Hanau-Attentäter besaß drei Waffen. Ganz legal. Obwohl er psychisch auffällig war, obwohl er zu ungewöhnlich militanten Schießtrainings im Ausland war. Doch niemandem ist etwas aufgefallen. Nicht bei den Waffenhändlern, nicht im Schützenverein, in dem der Täter war. Was hilft: Noch eine engere Prüfung von Ämtern, bevor ein Mensch überhaupt einen Waffenschein besitzen darf. Und ja: Der Datenschutz ist hier zweitrangig.

Viertens, mehr digitale Ermittler: Die Rechtsterroristen von Halle und Hanau eint: Sie radikalisierten sich im Internet, sie propagierten in Chat-Foren. Noch immer sind die sozialen Medien und Messengerdienste für die Polizei eine gigantische Blackbox. Doch gerade hier wachsen Terror-Planspiele. Der Aufbau von Cyber-Ermittlern muss noch stärker im Fokus stehen.

Fünftens, die Polizei nicht für alles verantwortlich machen: Ermittlungen bringen Enttäuschungen. Nicht jede Minute einer Tat lässt sich rekonstruieren, weil Täter schweigen oder tot sind. Es ist der Schmerz, mit dem Angehörige leben müssen. Wir alle können ihnen bei der Trauer helfen: Wenn sich jeder von uns dem Hass von Hetzern und Extremisten entgegenstellt. Laut, unerschrocken.

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