Ostermärsche

Warum die Ostermärsche trotz weltweiter Krisen klein bleiben

1984 war die Friedensbewegung ein Massenphänomen: Zehntausende demonstrierten gegen die Aufrüstung. Foto:dpa

1984 war die Friedensbewegung ein Massenphänomen: Zehntausende demonstrierten gegen die Aufrüstung. Foto:dpa

Essen.   Ostern protestieren Aktivisten traditionell für den Frieden. Jüngste Eskalationen geben reichlich Anlass – doch ein Ansturm wird nicht erwartet.

Da war der Giftgasanschlag in Syrien, dann Nordkoreas Drohung mit der Atombombe, der Terror in Stockholm und jetzt in Dortmund – allein der Monat April gibt wohl ausreichend Anlass, um dieser Tage für den Frieden auf die Straße zu gehen. Bundesweit rufen dazu Initiativen am Osterwochenende auf. „Nein zu Krieg und Terror!“, heißt es auf Flugblättern für den traditionellen Ostermarsch, der auch im Ruhrgebiet am Karsamstag beginnt.

Mit einem Ansturm rechnen die Organisatoren der ruhrgebietsweiten, dreitägigen Aktion indes nicht: Vielleicht zwei- bis dreitausend Teilnehmer werden erwartet, heißt die Prognose. So wie in den Vorjahren. Trotz unruhiger Zeiten schwächelt die Friedensbewegung.

Protest aus eigener Betroffenheit heraus

Von Duisburg über Essen, Gelsenkirchen, Herne, Bochum und Dortmund zieht der Protestzug bis Ostermontag durchs Revier. Bernd Brack aus Essen gehört seit über dreieinhalb Jahrzehnten zu den Organisatoren und zum Essener Friedensforum. Es habe immer Hochs und Tiefs in der Bewegung gegeben, beschwichtigt er. „Die Menschen gehen auf die Straße, wenn sie selbst von etwas betroffen sind“, sagt er.

Wie Anfang der 80er-Jahre, als Brack zur Friedensbewegung fand. Das Wettrüsten des Kalten Krieges hatte an Fahrt gewonnen, nachdem die Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert war und Mittelstreckenraketen in Osteuropa in Position gebracht hatte. Die Nato beschloss ihrerseits, mit Atomsprengköpfen besetzte Raketen in Westeuropa aufzustellen. Dass sie auch in Deutschland stationiert werden sollten, befeuerte die Skepsis in der Bevölkerung gegen das atomare Wettrüsten. Die zersplitterte Friedensinitiative schwoll zu einer neuen Massenbewegung an.

„Die Menschen sind heute mündiger“

In Bonn gingen im Herbst 1981 rund 300 000 Gegner auf die Straße, Brack war dabei. „Wir waren uns sicher nicht in allen Punkten einig“, so der Essener. „Aber in ei­ner Sache wollten wir alle das Gleiche. Das motivierte und verband.“ Vielleicht sei das der Unterscheid zu heute, überlegt Brack: „Die Leute sind mündiger, sie hinterfragen mehr.“ Sie seien dadurch auch weniger bereit, Meinungsverschiedenheiten in einzelnen Punkten zu überbrücken, um für ein übergeordnetes gemeinsames Ziel einzustehen.

Für den 17-jährigen Jurek Macher, Friedensaktivist und Landesschülervertreter, ist das auch eine Folge davon, dass die Konflikte komplizierter werden. „Man muss sich nur Syrien angucken, wie viele Parteien an diesem Krieg ihren Anteil haben“, sagt Macher. Daraus entstehe auch eine gewisse Ohnmacht etwa bei Jüngeren: Zwar seien sicher viele gegen den Krieg, aber auch gegen den Terror, der bekämpft wird.

Jeder Konflikt hat seine Bewegung

Sabrina Zajak forscht am Bochumer Institut für soziale Bewegungen. Die Juniorprofessorin sagt: „Früher war die Friedensbewegung größer, weil es den einen großen Konflikt gegeben hat.“ Den gebe es heute trotz der gefühlten Bedrohungslage nicht. Vielmehr seien es viele einzelne Anlässe, auf die Menschen direkt reagierten.

Beispielhaft nennt sie die Wahl des US-Präsidenten Trump, durch die sich Rechtspopulisten in Europa gestärkt sahen. Dagegen gründete sich in Deutschland die Pro-Europa-Initiative „Pulse of Europe“, die inzwischen in über 100 Städten Ableger hat. Oder Syrien: Statt großer Anti-Kriegs-Demonstrationen haben sich zig Hilfsgruppen in den Städten gegründet, die Flüchtlingen vor Ort halfen. „Engagement wird anders kanalisiert, es müssen nicht immer Friedensläufe sein“, sagt die Soziologin.

Ist die Zeit der Märsche also vorbei? Zajak glaubt das nicht. Jede Bewegung brauche Riten. Und nur weil Friedensthemen derzeit weniger Menschen mobilisieren, müsse das nicht so bleiben. 2003 etwa gab es große Proteste gegen den Irak-Krieg.

Bernd Brack aus Essen sieht sich und seine Mitstreiter daher wie Statthalter. „Wir sind ein harter Kern, der die Bewegung erhält.“ Sollte es dazu kommen, dass wieder mehr Menschen gegen Krieg protestieren wollen, seien sie jedenfalls bereit.

>> AB 1961 AUCH IN NRW

  • Ihren Ursprung haben die Ostermärsche in Großbritannien. Als die britische Regierung den Bau einer Wasserstoffbombe plante, demonstrierten Zehntausende drei Tage lang. Der erste deutsche Ostermarsch fand 1960 in Norddeutschland statt, ab 1961 auch in NRW. Unter dem Eindruck der Kubakrise 1962 wurden die Märsche zur Massenbewegung. Sie versandete zunächst in den 68er-Unruhen.

  • Der Ostermarsch 2017 geht nach Anti-Atom-Protesten in Gronau mit 250 Teilnehmern am Karsamstag in Duisburg weiter: ostermarsch-ruhr.de

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