Impfpflicht

Warum es egoistisch ist, sein Kind nicht impfen zu lassen

Eine Arzthelferin bereitet in einer Arztpraxis eine Masernimpfung vor.

Eine Arzthelferin bereitet in einer Arztpraxis eine Masernimpfung vor.

Foto: Lukas Schulze / dpa

Berlin  Der Streit um Impfungen wird derzeit hysterisch geführt – dabei geht es um sehr viel mehr als nur um das eigene Kind. Ein Kommentar.

Wer kennt sie noch, die eiserne Lunge? An dieses Gerät wurden Kinder angeschlossen, die nach einer Polio-Infektion, der sogenannten Kinderlähmung, erkrankten und nicht mehr allein atmen konnten. Wenn sie überlebten, blieben sie oft körperbehindert. Und wer erinnert sich noch an Diphtherie, die Krankheit, die Ärzte früher oft mit einem Luftröhrenschnitt behandeln mussten?

Es ist den flächendeckenden Impfungen zu verdanken, dass diese grausamen Krankheiten in Deutschland kein Thema mehr sind. Die Pocken – eine der gefährlichsten Infektionen überhaupt – gelten sogar als ausgerottet. Insofern erschüttert es schon, wie leichtfertig manche Eltern diesen medizinischen Fortschritt ignorieren und verhindern, dass auch bei den Kinderkrankheiten eine Herdenimmunität erreicht wird – denn die würde auch Säuglinge oder andere geschwächte Personen schützen, die nicht geimpft werden dürfen.

In sozialen Medien schieben Impfgegner Argumente, die immerhin die Gesundheit der gesamten Bevölkerung im Blick haben, schlicht beiseite und verbreiten diffuse Ängste. Regelrecht hysterisch werden längst widerlegte Theorien verbreitet, wonach Impfungen zu Autismus führen.

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Haltung resultiert aus eigenem Wohlstand

Dazu passt der Trend, mit sich und der Welt „ganz natürlich“ im Einklang zu sein: Einen Arzt bei der Geburt? Ein Krankenhaus gar? Braucht ein Teil der Eltern nicht. Sie haben offenbar nicht mehr vor Augen, wie hoch noch vor Jahrzehnten die Zahl der Mütter war, die im Kindbett starben. Und wie viele lebensbedrohliche Krankheiten ein Kind überstehen musste, um das Schulalter zu erreichen. Sie haben vergessen, dass von acht Geschwistern oft nur die Hälfte überlebte, weil es keine Antibiotika gab oder eben Impfungen.

Wie reagieren Impfgegner eigentlich auf Berichte aus Entwicklungsländern, in denen gegen Cholera, Kinderlähmung, Masern, Kinder- und Müttersterblichkeit mit Hilfe der Weltgemeinschaft gekämpft wird? Ob sie spenden, die natürlichen Verhältnisse loben oder das Elend ignorieren – ihre Haltung, die aus dem eigenen Wohlstand heraus resultiert, kann nur zynisch sein, denn gerade Impfgegner gehören zu den gut gebildeten und verdienenden Schichten.

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Hype ums Kind treibt sonderbare Blüten

Die 2500 Euro Strafe, die Gesundheitsminister Spahn jetzt androht, werden sie womöglich nicht von ihrer Verweigerungshaltung abbringen. Natürlich ist die Sorge der Impfgegner auch verständlich: Immerhin werden den Kindern Mehrfachimpfstoffe gespritzt. Sie weinen danach oft und/oder bekommen Fieber.

Es fällt schwer, dies den Kindern zuzumuten – zumal oft genug gerade erst eine Mittelohrentzündung überstanden ist oder eine Pseudo-Krupp-Attacke. Und doch ist die Verweigerung der Impfung eine Art innerfamiliäres Kreisen um sich selbst – und das greift nicht nur im medizinischen Bereich um sich.

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Der Hype ums Kind, das zwar nicht geimpft, dafür aber von allen vermeintlich schädlichen Einflüssen ferngehalten wird, treibt sonderbare Blüten. Zu Fuß in die Schule? Viel zu gefährlich. Lieber fahren Eltern den Nachwuchs mit dem SUV – auch wenn sie dabei Zufahrtswege verstopfen und andere Kinder gefährden. Ein Monatsticket für Bus und Bahn? Lieber nicht, wer weiß, wer da so alles mitfährt.

Es gibt kein Gesundheits- oder Bildungssystem, kein Verkehrskonzept und kein Stadtplanungsprogramm, das es diesen „Helikoptereltern“ recht machen kann. Vielleicht hilft der Rat: Einfach mal tief durchatmen, wenn der Arm nach Impfung gegen Masern anschwillt, das Schulessen nicht schmeckt, der Bus voll ist. Das mag lästig sein, gehört aber zum Alltag. Im Falle der Masern-Impfung nützt es sogar der ganzen Gesellschaft. (Birgitta Stauber)

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