Ausbildung

Chef der IHK NRW fordert mehr Tempo bei Azubi-Ticket

Seit Jahresanfang ist der Remscheider Unternehmer Thomas Meyer  Präsident der IHK NRW, Dachorganisation von 16 Industrie- und Handelskammern im Land.

Seit Jahresanfang ist der Remscheider Unternehmer Thomas Meyer Präsident der IHK NRW, Dachorganisation von 16 Industrie- und Handelskammern im Land.

Foto: c) Malte Reiter Fotografie

Düsseldorf.   Thomas Meyer, Präsident der IHK NRW, im Interview über Wirtschaft als Schulfach, den Ruf von Facharbeitern und Asylbewerber als Fachkräfte.

Seit Jahresbeginn ist Thomas Meyer (62) Präsident der Industrie- und Handelskammern (IHK) in NRW. Der Unternehmer aus Remscheid will Image und Rahmenbedingungen von Ausbildungsberufen verbessern. Sein Credo: Facharbeiter stecken häufig Ingenieure in die Tasche, finden aber nicht die angemessene Wertschätzung. Tobias Blasius traf Meyer zum Interview.

Herr Meyer, als neuer Präsident der IHK NRW sind Sie die Stimme der Wirtschaft. Mit welcher Botschaft wollen Sie vernommen werden?

Meyer: Ich will vor allem für ein positives Unternehmerbild werben. Unternehmer zu sein bedeutet für mich, Mut zu zeigen, kreativ zu sein und im Wortsinn etwas zu unternehmen. Dafür brauchen wir in Nordrhein-Westfalen gute Rahmenbedingungen wie ausreichende Flächen, intakte Straßen, Breitbandversorgung in Gewerbegebieten oder gute Schulen.

Der hochgelobten dualen Ausbildung scheint der Nachwuchs auszugehen. Wie wollen Sie mehr junge Leute für eine Lehre begeistern?

Der Facharbeiter-Mangel macht mir Sorgen. Wir brauchen einen Imagewandel bei Ausbildungsberufen. Wenn ich sehe, welch hoch qualifizierte Tätigkeit Facharbeiter zum Beispiel beim Programmieren einer 5-Achs-Fräse leisten, behaupte ich: Die stecken viele Ingenieure in die Tasche. Wir müssen deutlicher machen, dass nicht jeder Abitur braucht und an die Universität gehen muss, um erfolgreich und glücklich zu sein. Aus meinem Unternehmen weiß ich, dass ein Meister häufig mehr als ein Akademiker verdient. Und er ist auch seltener arbeitslos.

Wie kann die Wirtschaft beim Imagewandel helfen?

Das Orientierungsprogramm des Landes „Kein Abschluss ohne Anschluss“ in den achten Schulklassen sollte schnell ausgeweitet werden, damit möglichst viele Jugendliche früh Einblicke in Lehrberufe bekommen. Hier kann noch deutlich mehr passieren. Als Arbeitgeber müssen wir versuchen, alle Ressourcen zu gewinnen. Beispielsweise sollten wir die Potenziale von Frauen, die in Teilzeit arbeiten, besser heben. Ebenso können leistungsschwächere Schüler mit Unterstützung zu guten Facharbeitern werden.

Warum bleiben noch immer Ausbildungsplätze unbesetzt, obwohl Jugendliche eine Lehrstelle suchen?

Es bleibt eine Daueraufgabe, offene Lehrstellen und ausbildungsreife Jugendliche zusammenzubringen. Die Gesamtentwicklung des Lehrstellenmarktes ist positiv. Aber wir brauchen sicher noch mehr Flexibilität, Alternativen zu Wunschort und Wunschberuf anzunehmen. Ich erwarte, dass die Landesregierung mit der schnellen Einführung des versprochenen „Azubi-Tickets“ für den Öffentlichen Nahverkehr Erleichterungen schafft. Klar ist dabei: Nur ein akzeptabler Preis und die Möglichkeiten, Verbundgrenzen im NRW-Nahverkehr problemlos zu überwinden, werden das Ticket attraktiv machen.

Was halten Sie von den Überlegungen, in NRW ein Schulfach „Wirtschaft“ einzuführen?

Wir unterstützen die Landesregierung bei ihren Plänen für die Einführung eines Schulfachs Wirtschaft, das wir ja schon lange gefordert haben. Wir wollen helfen, jungen Leuten grundlegende ökonomische Zusammenhänge zu vermitteln und sie auf ganz lebenspraktische Dinge des Wirtschaftslebens vorzubereiten. Es ist doch merkwürdig, dass Schüler Gedichte in fünf verschiedenen Varianten interpretieren können, aber nicht wissen, wie man eine Steuererklärung erledigt oder was bei Verträgen zu beachten ist.

Welche Hoffnung setzen Sie in die Ausbildung von Asylbewerbern?

Ich hatte nie die Illusion, dass nur Ärzte und Ingenieure aus Syrien kommen oder sich das Demografieproblem auf einen Schlag erledigt haben könnte. Die meisten Zuwanderer müssen erst einmal in zwei bis drei Jahren ausbildungsreif gemacht werden. Das Geld muss man in die Hand nehmen, denn es lohnt sich für alle. Selbst wenn jemand nach Ausbildung und ersten Berufsjahren unser Land wieder verlassen muss, wird er Deutschland das niemals vergessen – und vielleicht einmal unser Kunde.

>> ZUR PERSON

Thomas Meyer (62) ist Ingenieur und geschäftsführender Gesellschafter der „TKM-Group“ in Remscheid. Das Unternehmen ist europäischer Marktführer bei der Herstellung von Maschinenmessern und industriellen Schneidelösungen für nahezu jedes Material. Seit Jahresbeginn ist Meyer Präsident der IHK NRW, der Dachorganisation von landesweit 16 Industrie- und Handelskammern

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