Verteidigungsministerium

18 Jahre in Afghanistan – Warum die Bundeswehr weiter bleibt

Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) in Kabul.

Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) in Kabul.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Kundus.  18 Jahre am Hindukusch, 59 getötete Soldaten – Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer bereitet die Deutschen auf weitere Opfer vor.

Zwei Apache-Kampfhubschrauber patrouillieren über Kundus. Binnen Sekunden können sie jede Raketenstellung unter Beschuss nehmen. Die Taliban wissen das. Die Apaches sollen sie davon abhalten, einen Helikopter anzugreifen, der gerade im Anflug ist.

An Bord: Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). Kundus ist die dritte, letzte, kürzeste und gefährlichste Station ihres dreitägigen Truppenbesuchs in Afghanistan.

16 deutsche Soldaten sind hier gefallen. Kundus ist also der „Ort, der deutlich macht, welch hohen Preis wir bezahlt haben“, sagt AKK, wie Annegret Kramp-Karrenbauer genannt wird. Das Camp wird immer wieder angegriffen, Attentate, Artillerie- und Raketenbeschuss sind die letzten Vorfälle im Juli, August und Oktober.

Ohne die Amerikaner wird Deutschland nicht abreisen

Bei Raketenbeschuss müssen die 100 Soldaten nach den Amerikanern rufen. Sie hätten den Wunsch, sich selbst schützen zu können. Sie nehme diesen Wunsch mit. Und vieles spreche dafür, die neue Drohne Heron TP „auch zu bewaffnen“, erklärt die Ministerin. Eine Vorfestlegung, ein Politikum. Denn die Bewaffnung ist daheim hoch umstritten, schon beim Koalitionspartner, bei der SPD, wird AKK nicht auf ungeteilte Zustimmung stoßen.

Im Norden ist die Sicherheitslage kritisch. Gerade in Kundus ist bei Raketenbeschuss die Vorwarnzeit kurz. Ein früheres Lager wurde 2013 aufgegeben. Drei Kilometer davon entfernt führt die Bundeswehr seit März 2018 mit den Amerikanern ein neues Camp. Quasi auf der anderen Straßenseite sind die afghanischen Streitkräfte stationiert.

Der Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch (seit Dezember 2001) geht ins 19. Jahr. Das Mandat endet im März, die Verlängerung steht Anfang 2020 an. Wie lange noch sollen die 1300 deutschen Soldaten hierbleiben? Was bleibt, wenn die Truppe geht? Was hat sie erreicht? Mit welchen Opfern?

In Kundus rückt der Krieg nahe an die Ministerin – in Mazar-i Sharif könnte man ihn fast vergessen. Zur Mahnung, vielleicht auch zur Verortung führt der Weg nach der Ankunft zum Ehrenhain. Im Schein der Fackeln bläst der Saxofonist „Ich hatt’ einen Kameraden“. 59 Deutsche sind in Afghanistan gestorben, 3560 Todesopfer haben die Alliierten zu beklagen.

Kramp-Karrenbauer will mit den wichtigsten Akteuren reden

Wie viele Kämpfer der afghanischen Regierungstruppen gefallen sind, wird offiziell gar nicht erst kommuniziert. „Schockierend“ ist aus UN-Sicht die Zahl der getöteten Zivilisten. Allein im ersten Halbjahr waren es über 700. So viel zum Blutzoll. In Euro und Cent lassen sich die Kosten des Bundeswehreinsatzes seit 2001 beziffern, bisher nahezu zwölf Milliarden Euro.

Der Besuch der Ministerin fällt in eine Zeit größter Unsicherheit. Der Ausgang der Präsidentschaftswahl im September ist offen; weil die Auszählung „hängt“. Wenn AKK von einer „politisch unklaren Situation“ spricht, meint sie zugleich den Friedensprozess. Die USA haben die Verhandlungen mit den Taliban abgebrochen. Von US-Präsident Donald Trump weiß man, dass die GIs so lange in Afghanistan bleiben sollen, bis es einen „Deal“ (oder einen endgültigen Sieg) gibt, er jedoch die Truppenstärke reduzieren will, von 12.000 auf 8600.

Für ein paar Stunden fliegt Kramp-Karrenbauer am Dienstag von Mazar-i Sharif nach Kabul, um mit den wichtigsten Akteuren zu reden: mit ihrem Amtskollegen ebenso wie mit dem Präsidenten, dem Regierungschef und vor allem dem US-General Austin Scott Miller, dem Oberbefehlshaber der Nato-Operation „Resolute Support“.

Wenn die Amerikaner gehen, dürften alle anderen folgen

Millers Lageanalyse ist ernüchternd. Strategisches Patt. Im Schach würde man eine Partie beenden, hier ist es zum Dauerzustand geworden. Halb Afghanistan ist umkämpft, die Front mäandert durchs Land. Für die Regierungstruppen wie für die Taliban gilt: zu schwach, um zu gewinnen, zu stark, um zu verlieren.

Kanadier wie Franzosen haben ihre Lehren gezogen – und das Land verlassen. So frei fühlt sich AKK nicht. Mit 1300 Soldaten ist Deutschland der zweitgrößte Truppensteller. Die Ministerin gibt die Devise aus „gemeinsam rein, gemeinsam raus“.

Das verschleiert die Machtverhältnisse: Die Amerikaner haben nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center in New York im September 2001 den Krieg angezettelt und ihre Verbündeten in die Pflicht genommen. Wenn die Amerikaner gehen, schlagen auch alle übrigen 37 Partnerstaaten eine Exit-Strategie ein.

Unterdessen wird es immer mühseliger, die Wähler daheim vom Einsatz zu überzeugen. In Orten wie Kundus oder Mazar hat die Bundeswehr ihre politische Unschuld verloren. Längst gilt: Ohne Einbindung der radikalislamischen Taliban keine friedliche Lösung. „Stand heute“ werde die Arbeit hier „fortgesetzt“, sagt AKK. Wie lange die Bundeswehr am Hindukusch bleiben soll, sagt sie nicht. Jedes Enddatum ist schon wieder ein Wagnis.

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