Sucht

WHO stuft PC-Spielsucht als Krankheit ein - Experten bremsen

Impressionen von der Gamescom. Wer sich und das Spielen unter Kontrolle hat, läuft keine Gefahr süchtig zu werden.

Impressionen von der Gamescom. Wer sich und das Spielen unter Kontrolle hat, läuft keine Gefahr süchtig zu werden.

Foto: dpa

Essen  Die Weltgesundheitsorganisation will Computerspielsucht als Krankheit anerkennen. Bei der Bewertung des Vorhabens gibt es unter Fachleuten zwei Fronten.

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Viele Eltern verzweifeln, wenn ihr Nachwuchs ständig online ist. Wenn übermäßiges Zocken zur dauerhaften Abschottung von der realen Welt führt, brauchen die Betroffenen Hilfe. Doch bislang wird die Sucht nach PC-Spielen nicht als psychische Störung anerkannt.

Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) will das nun ändern und die Spielstörung als offizielle Krankheit anerkennen. Das lässt die neue Vorabversion ihrer global verwendeten Klassifikation von Krankheiten (ICD) erkennen. Darin ist erstmals von einer „Gaming Disorder“ (Spielstörung) zu lesen, gemeinsam mit der schon länger geführten "Gambling Disorder" (Glücksspielstörung, etwa an Automaten oder im Casino).

Anerkennung als Krankheit hätte weitreichende Folgen

Diese Einstufung als Krankheit hätte weitreichende Folgen, weil sich Ärzte und Krankenkassen daran orientieren – auch in Deutschland. Ganz praktisch könnte die neue Fassung der Klassifikation dazu führen, dass Krankenkassen etwa die Behandlung von Personen bezahlen müssten, die ein Arzt für „spielgestört” hält.

Die aktuellen Zahlen sind beunruhigend: Laut einer DAK-Studie ist in Deutschland jeder zwölfte Junge süchtig nach Computerspielen. Während bei männlichen 12 bis 25-Jährigen 8,4 Prozent die Kriterien für eine Abhängigkeit zutreffen, sind es bei Mädchen und jungen Frauen lediglich 2,9 Prozent. 1531 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene wurden nach ihrem Spielverhalten befragt.

Die Krankenkasse DAK befürwortet die Klassifizierung der Computerspielsucht als Krankheit: "Nur wenn es eine genaue Definition und eine Therapieleitlinie gibt, können die Betroffenen vernünftig diagnostiziert und zielgerichtet behandelt werden." Zudem könnte mehr Geld in die Therapieforschung fließen.

Das sagen die Befürworter

Zu den Befürwortern des WHO-Vorhabens gehört Sucht- und Sozialtherapeut Ulf Weidig, der in der Alexianer Bürgerhaushütte Duisburg süchtige Menschen therapiert, gehört zu den Befürwortern des WHO-Vorhabens. "Bei stoffgebundenen Süchten, wie der Alkoholsucht, entstehen ähnliche Effekte wie bei den stoffungebundenen Süchten, worunter auch die Spielsucht fällt," begründet Weidig die Notwendigkeit der Aufnahme in die Liste der Krankheiten.

Mit der Anerkennung würde ein öffentliches Bewusstsein und mehr Sensibilität für dieses Thema geschaffen werden. Bisher mussten sich Ärzte mit der Hilfsdiagnose "Impulskontrollstörung" behelfen. Darunter fielen allerdings beispielsweise auch Kaufsüchtige. "Es wäre hilfreich, wenn wir keine Umwege gehen müssten und es eine eigene Diagnose gebe", sagt Weidig.

Mehrheit geht verantwortungsvoll mit Spielekonsum um

Michael Knothe vom Verband Medienabhängigkeit e.V., zuständig für den Bereich Rhein-Ruhr, betont, dass es ihnen nicht darum gehe das Spielen zu verteufeln: "Die große Mehrheit geht verantwortungsvoll mit den Spielen um, aber es gibt eben auch exzessive Spieler." Mit der Anerkennung der Sucht als Krankheit würde die Versicherung Kosten übernehmen. "Außerdem täte es Deutschland gut, wenn wir mehr Therapien und Beratungsangebote hätten und bereits Kindern in der Schule Medienkompetenz beibringen", plädiert Knothe.

Neben der Computerspielsucht nehme Chat-Sucht und Online-Sexsucht zu. Auch in virtuellen Realitäten (VR) sieht er eine wachsende Suchtgefahr. Ähnliche Befürchtungen hegt Frank Langer von der Suchthilfe Direkt in Essen: "Durch die ständige Weiterentwicklung der Technik wird der Sog dieser Spiele immer stärker." Die hohe und im Gegensatz zu Drogen, legale Verfügbarkeit verschärfe die Gefahr der Suchterkrankung und der Rückfälligkeit.

Kritik an den Plänen der WHO

Einige Ärzte und Wissenschaftler kritisieren jedoch die Pläne der WHO. In einem Schreiben an die WHO bezweifeln Dutzende, dass auffälliges Spielverhalten auf eine Störung zurückgeführt werden sollte. Wissenschaftliche Untersuchungen über die Sucht fehlten. Die Mediziner sprechen von Panikmache und warnen vor unnötigen Therapien und einer Stigmatisierung von eigentlich gesunden Kindern und Jugendlichen.

Einer, der dieses Schreiben an die WHO unterschrieben hat, ist der Kommunikationswissenschaftler und Online-Forscher Thorsten Quandt. „Ich bezweifele nicht, dass es exzessive Nutzer von PC-Spielen gibt, die Hilfe brauchen, aber die Festlegung als eigenständige Krankheit halte ich für verfrüht“, sagt Quandt, der an der Uni Münster forscht und lehrt.

Es gebe keinen wissenschaftlichen Konsens über die Entstehung der Suchtauswirkungen. Quandt kritisiert zudem die Abgrenzungsschwierigkeit. „Wir könnten von Internetsucht sprechen, aber was genau ist das und wo fängt es an, wo hört es auf?“ Auch ökonomische Interessen würden mit der Festlegung als Krankheit vertreten: „Sicherlich wird mit dem Vorhaben der WHO auch ein Markt für medizinische und psychologische Dienstleistungen geschaffen.“

Auswirkungen für Spielehersteller

Auch die Spielehersteller versuchen sich zu wehren: Die neue Einstufung könnte dazu führen, dass sie für gesundheitliche Schäden haften müssen. Daher hat der US-Verband Entertainment Software Association (ESA), zu der unter anderem EA, Sony und Nintendo gehören, versucht, die Aufnahme der Gaming-Disorder in die Vorabversion der ICD zu verhindern - jedoch ohne Erfolg.

"Natürlich versuchen die Spielehersteller den Suchtfaktor der Spiele zu potenzieren. Es könnte sein, dass die Hersteller mit der Klassifizierung als Krankheit Hilfsangebote schaffen müssten, was paradox wäre", sagt Knothe vom Verband Medienabhängigkeit e.V. Ob die WHO die Gaming Disorder tatsächlich in den Katalog der Krankheiten aufnehmen wird, ist noch unklar. Die finale Version wird erst Mitte des Jahres veröffentlicht werden.

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