Klimawandel

Weltklimarat warnt vor knapper Nahrung bei Überbevölkerung

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Genf.  Die Erderwärmung ist derzeit weltweit ein großes Thema. Ein Sonderbericht des Weltklimarats befasst sich nun mit den Konsequenzen.

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Klimaforscher aus aller Welt warnen in einem neuen Sonderbericht des Weltklimarats IPCC vor zunehmenden Dürren und Hitzewellen, dem Verlust an fruchtbaren Böden und drohender Nahrungsmittelknappheit auf einem überbevölkerten Planeten.

Die Auswirkungen der globalen Erwärmung auf die Landflächen seien deutlich spürbar, heißt es in einer Zusammenfassung, die an die politischen Entscheidungsträger gerichtet ist und die an diesem Donnerstag in Genf veröffentlicht wurde. Ganze Klimazonen hätten sich nach Norden verschoben. In den Tropen könnte ein neues Heißklima entstehen, in dem der Anbau von Nahrungsmitteln kaum mehr möglich sei. Politik und Umweltverbände sprechen in ersten Reaktionen von einem Weckruf: Der Klimawandel werde zur Existenzfrage.

Wälder und Böden sind Klimarisiko und Chance zugleich

Laut dem Bericht des Weltklimarats IPCC haben sich die Landflächen der Erde seit dem Ende des 19. Jahrhunderts um rund 1,5 Grad Celsius erwärmt. Das ist weit mehr als der globale Durchschnitt. Die Erwärmung der Landmassen schreitet somit wie befürchtet sehr viel schneller fort als in den Meeren, die sich langsamer aufheizen als Landflächen.

200 Wissenschaftler aus 30 Ländern haben die daraus entstehenden Folgen für die Ökosysteme an Land erstmals analysiert und den Forschungsstand zusammengetragen. In sieben Kapiteln der Studie beschreiben die Forscher, wie der Mensch durch Waldzerstörung und Übernutzung der natürlichen Ressourcen die Umweltfolgen noch verstärkt und somit zum Treiber des Klimawandels wird.

„Doch der IPCC-Bericht zeigt zugleich, dass eine nachhaltige Nutzung von Wäldern und Böden sowie die Änderung unseres Ernährungsverhaltens eine Chance ist, den Folgen des Klimawandels zu begegnen“, sagte der Klimaforscher Prof. Hans-Otto Pörtner, Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts am Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung.

Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch hat sich mehr als verdoppelt

Mehr als 70 Prozent der eisfreien Landfläche der Erde und zwei Drittel der globalen Waldfläche werden derzeit vom Menschen genutzt, schreiben die Autoren. Diese Nutzung sei allerdings nicht nachhaltig.

Allein ein Viertel bis zu einem Drittel der natürlichen Ressourcen verbrauche der Mensch für die Erzeugung von Nahrung, Futtermittel, Fasern, Nutzholz und Energie. Durch das konventionelle Pflügen von Böden etwa gehe bis zu 1000 Mal mehr Boden verloren als neu gebildet werde.

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Seit 1961 habe sich der Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch mehr als verdoppelt. Gleichzeitig würden derzeit 25 bis 30 Prozent der erzeugten Lebensmittel verschwendet oder ungenutzt verloren gehen, heißt es in dem Papier.

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Landwirtschaft und Waldzerstörung starke Treiber des Klimawandels

Landwirtschaft und Waldzerstörung sind starke Treiber des Klimawandels, stellen die Autoren des Berichts fest. Wälder seien wichtig für die Stabilisierung des Klimas, weil sie als sogenannte Senken das Klimagas Kohlendioxid binden.

Sie können jedoch zum Risiko werden: 22 Prozent der menschlichen Treibhausgasemissionen stammten vor allem aus Waldrodungen und – in Form von Methan und Stickoxiden – aus der Landwirtschaft.

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Auch Böden hätten eine zentrale Bedeutung, stellt der Bericht fest. Eine halbe Milliarde Menschen lebt in Regionen, in denen die Wüstenbildung voranschreitet. Dürren und Starkregen wiederum würden Erosion und somit den Verlust fruchtbarer Böden sowie Ernteeinbußen vorantreiben.

Forscher: Hitzewellen werden wohl zum Normalfall

Die Folgen der globalen Erwärmung rollen über die Landflächen: Die Auswirkungen seien deutlich spürbar, schreiben die Forscher. Die gemäßigte Klimazone, in der auch Europa liegt, sei weiter nach Norden gewandert. Diese Verschiebungen wirkten sich auch auf die Ernährungssicherheit aus. In den gemäßigten Breiten seien die Erträge etwa von Mais, Baumwolle und Weizen gestiegen, während sie rund um den Äquator zurückgegangen sind.

Hitzewellen seien in den meisten Regionen der Erde häufiger und heißer geworden.

Dem Bericht zufolge werden sie vor allem in Zentraleuropa, rund um das Mittelmeer, dem südlichen Amazonasgebiet sowie dem südlichen Afrika zunehmen. „Wir müssen davon ausgehen, dass im Zeitraum 2030 bis 2052 und angesichts einer globalen Erwärmung um 1,5 Grad jene Hitzewellen, wie wir sie derzeit erleben, zum Normalfall werden“, so Klimaforscher Pörtner.

Die Autoren des IPCC-Berichts mahnen zur Eile. Klimaschutzmaßnahmen müssten in allen Bereichen schnell erfolgen. Die Aufforstung von Wäldern und die Produktion von Bioenergie seien ein Weg,um die globalen CO2-Emissionen zu senken. Das aber könne gleichzeitig die Produktion von Nahrungsmitteln gefährden. Dieses Risiko müsse ausgewogen werden.

Entwicklungsminister Müller fordert zusätzliche Investitionen in Klimaschutz

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) nannte den IPCC-Bericht ein „Alarmsignal“ und forderte zusätzliche Investitionen in den Klimaschutz. „Auch in Deutschland müssen wir unsere Anstrengungen vergrößern und im kommenden Jahr zusätzlich 500 Millionen Euro in den internationalen Klimaschutz investieren – entweder aus dem Nationalen Klimafonds oder aus dem Bundeshaushalt“, sagte Müller unserer Redaktion. „Die Kanzlerin muss auf dem UN-Gipfel im September diese internationalen Klimamittel zusagen können.“

Ernährungssicherung und Klimaschutz seien die Überlebensfragen der Menschheit. „Es wird immer schwieriger, die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, vor allem in Afrika“, so Müller. Steige die globale Erwärmung auf zwei Grad, sei die Lebensgrundlage von Hunderten Millionen Menschen bedroht. „Wir müssen jetzt handeln und den Menschen ein Überleben in ihrer Heimat sichern. Wir müssen den Menschen helfen, sich an den Klimawandel anzupassen – durch eine nachhaltige und innovative Landwirtschaft.“ Die neue EU-Kommission und die gesamten internationale Zusammenarbeit müssten diese Aufgaben zum Schwerpunkt machen.

Müller mahnte zudem mehr Waldschutz an. „Das Abholzen von Regenwäldern verursacht elf Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes“, sagte er. „Alle vier Sekunden wird die Fläche eines Fußballfelds abgeholzt – vor allem für riesige Soja- und Palmölplantagen. Das müssen wir sofort stoppen. Die EU sollte nur noch nachhaltiges Soja und Palmöl importieren.“

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Umweltministerin Schulze setzt auf Reform der EU-Agrarsubventionen

„Der Bericht des Weltklimarats zeigt: Klimaschutz ist eine Existenzfrage für uns Menschen, denn der Klimawandel gefährdet unsere Ernährungs- und Lebensgrundlagen“, sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Die Land- und Forstwirtschaft sei ein Opfer dieser Entwicklung, aber zugleich auch ein wichtiger Verursacher und damit ein Teil der Lösung beim Klimaschutz.

„Die Art, wie die Menschheit mit dem Land umgeht, kann das Klima schützen oder schädigen. Der Bericht zeigt uns, dass Klimaschutz in der Land- und Forstwirtschaft machbar ist und zugleich soziale, wirtschaftliche und ökologische Vorteile bringt“, sagte Schulze weiter. „ Die anstehende Reform der EU-Agrarförderung ist eine gute Gelegenheit, in Europa die richtigen Anreize für mehr Klimaschutz in der Landwirtschaft zu setzen.“

Umweltstiftung WWF: Wir müssen weg von Überproduktion und Überkonsum

Die Umweltstiftung WWF spricht von einem Teufelskreis: „Die Klimakrise verstärkt Probleme für unsere Landnutzung und Ernährungssicherheit massiv – während unsere Art und Weise der Landnutzung wiederum die Klimakrise anheizt“, sagte Rolf Sommer, Landwirtschafts-Experte beim WWF. „Bei der Landwirtschaft müssen wir weg von einem System der Überproduktion und des Überkonsums, bei dem für das Futter unserer Schweine in Deutschland Regenwald und Grasland in Südamerika Plantagen weichen müssen“, so Sommer.

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