Autor

Warum wir eine neue sexuelle Revolution brauchen

Z

Z

Foto: Getty Images

Berlin  Alexander von Schönburg kennt sich mit Anstand aus. Ein Gespräch über Kleidung, Tinder und die Frage, warum Heiraten nicht privat ist.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Man möchte, wenn man ihm gegenübersitzt, keinen Fehler machen. Lieber unauffällig konsumieren und nicht zu viel durch Gesten über sich verraten. Alexander von Schönburg, 49, ist Experte, wenn es um Manieren, Stil, Werte und Tugend geht.

Und gerade Letztere vermisst er ausdrücklich. Vor allem in Beziehungen. Denn unsere Gesellschaft sei von Selbstsucht, Selbstoptimierung und Beliebigkeit geprägt.

In seinem neuen Buch, „Die Kunst des lässigen Anstands“, empfiehlt der Bestsellerautor wieder mehr Ritterlichkeit, die Rückbesinnung auf Tugenden wie Bescheidenheit, Klugheit und vor allem Treue.

Sie kommen aus dem Büro und tragen keine Krawatte?

Alexander von Schönburg: Was für eine Nachlässigkeit! Im Büro sollte man unbedingt Krawatte tragen. Die Art, wie man sich kleidet, wirkt sich ja darauf aus, wie man sich verhält und wie man wahrgenommen wird. Ich finde, man sollte mal untersuchen, ob die Finanzkrise 2008 auch etwas damit zu tun hatte, dass die Leute in den Banken anfingen, sich leger zu kleiden.

Das fing mit dem Casual Friday an und endete damit, dass die Angestellten mit Freizeitkleidung in die Bank gingen. Der alte Börsenguru André Kostolany hat mir mal gesagt: „Sloppy dressing leads to sloppy thinking.“ („Schlampige Kleidung führt zum schlampigen Denken.“, Anm. d. Red.)

Ihr Buch beginnt mit einem Lob der Ritterlichkeit, sind Sie ein moderner Ritter?

Ach, das wäre ich gern.

Was hat das mit Anstand zu tun?

Die 1960er-Jahre brachten die sexuelle Revolution und mit der politischen Liberalisierung die Befreiung von Normen und Konventionen, das war zunächst etwas Tolles. Aber es hat so weit geführt, dass wir jetzt in einer Zeit ohne jegliche Regeln leben, in einem permanenten Zustand des „Anything goes“. Und das wird weit über das konservative Milieu hinaus als Verlust wahrgenommen.

Unsere Gesellschaft befindet sich auf einer kollektiven Suche nach Werten. Und wenn man mit der Suche beginnt, landet man bei den Rittern, den Gründungsvätern unserer europäischen Zivilisation.

Was heißt ritterlich?

Es hat viel mit dem Umgang der Geschlechter miteinander zu tun. Darüber können Sie jetzt lachen. Aber genau das bedeutet es. Im Hochmittelalter gewannen die Frauen immer mehr an Einfluss und veränderten die Regeln. Das war eine Zäsur, genauso wie die #MeToo-Bewegung heute eine Zäsur unseres Zusammenlebens markiert.

Langsam werden auch die Schattenseiten der sexuellen Revolution der 60er-Jahre offenbar. Diese Verherrlichung der Promiskuität, dieses Jeder-mit-jedem, das wird langsam sichtbar, hat viele Wunden verursacht.

„Alles geht“ also nicht mehr?

Genau. Wir haben alles infrage gestellt, jetzt ist es Zeit, das Alles-infrage-Stellen infrage zu stellen. Komplette Orientierungslosigkeit kann keine Kultur überleben …

Sie sagen Orientierungslosigkeit, andere nennen es Freiheit.

Freiheit macht nur Spaß, solange es etwas gibt, wogegen man sich auflehnen kann. Ein Beispiel: Es ist super, wenn lange Haare, Tattoos und Nasenringe kein Grund für schiefe Blicke mehr sind, aber wenn alle so rumlaufen, Richter, Staatsanwälte Schuldirektoren, dann wird’s langsam unheimlich.

Sie wünschen sich wieder mehr Treue in Beziehungen. Aber jede dritte Ehe wird geschieden, in Großstädten jede zweite. Die Realität geht an Ihren Ansprüchen vorbei.

Es geht darum, wenigstens Gedanken darauf zu verschwenden, was begehrenswert ist, und nicht alles als beliebig anzusehen. Ich kenne Frauen, die sind Mitte 20, haben schon fünf Beziehungen hinter sich, fünf gefühlte Scheidungen mit all den damit verbundenen Traumata. Ich kenne Endvierziger, die wie Raubtiere nach Sexualpartnern Ausschau halten. Ist das ein begehrenswerter Zustand? Ich glaube, es ist Zeit für eine neue sexuelle Revolution.

Warum?

Teilweise wird doch schon infrage gestellt, dass Treue überhaupt eine Tugend ist. In Holland soll es nun ein Ehe-auf-Zeit-Gesetz geben. Also fünf Jahre, und dann ist es automatisch wieder vorbei. Ich habe so etwas Unromantisches noch nie gehört. Jede Liebesdichtung, jeder Schlager, von „Tristan und Isolde“ bis „Marmor, Stein und Eisen bricht“, lebt davon, dass Liebe auf ein unzerbrechliches Bündnis abzielt. Es geht immer um Ewigkeit. Scheitern ist okay, aber dass Ewigkeit nicht einmal mehr als erstrebenswert gilt? Das kann es doch nicht sein.

Sie glauben, der Kick der langen Beziehung ist größer als der der Verliebtheit?

Ich bin seit 20 Jahren verheiratet, und seit 19 Jahren hadere ich mit der Ehe. Aber gleichzeitig wird mir immer klarer, dass das Kunststück darin besteht, gemeinsam den Mist aufzuräumen, den man mit in die Ehe nimmt, und den Mut aufzubringen, durchzuhalten statt vor Problemen davonzulaufen.

Die meisten Männer und Frauen, die vier-, fünfmal heiraten, räumen nie in ihrem Inneren auf und erleben mit dem nächsten Partner wieder den gleichen Mist wie mit der letzten Frau. Der klügste Satz, den ich über die Ehe je gehört habe, stammt von Anthony Bur­gess, dem Autor von „Clockwork Orange“: „Eine Ehe ist wie eine Mikrokultur, mit eigener Sprache, eigenen Geheimcodes. Das ist etwas Großes. Eine Ehe zu zerstören, die mehr als 20 Jahre hält, ist wie eine ganze Zivilisation zu zerstören.“

Wie finden Sie gängige Kennlernportale wie Tinder?

Tinder, Sex-Clubs, muss es alles geben, aber wenn das, was einmal Subkultur war, plötzlich zur bestimmenden Kultur wird, wird das unsere Gesellschaft auf Dauer nicht verkraften. Früher rauchte man Marihuana heimlich, heute wird ganz offen gekifft. Und Sex hat heute nichts mehr mit Eros zu tun, sondern ist zu einem Kontaktsport verkommen.

Die wichtigsten Tipps fürs Online-Dating

Panorama Video
Die wichtigsten Tipps fürs Online-Dating

Aber weinen Sie jetzt den spießigen 50er-Jahren hinterher?

Natürlich nicht. Aber wir brauchen eine Synthese aus altmodischen, bewahrenswerten Regeln und einem Geist der Fortschrittlichkeit.

Was ist für Sie die wichtigste Tugend?

Klugheit. Klug ist der, der Zustände hinterfragt, und zur Klugheit gehört auch, sich belehren zu lassen und nicht immer alles besser wissen zu wollen. Alle wollen immer achtsam sein, aber das, was man modern Achtsamkeit nennt, ist eigentlich nichts anderes als die gute alte Klugheit. Hinsehen. Oder um es mit dem zentralen Satz aus dem neuen Donnersmarck-Film zu sagen: „Sieh niemals weg!“

Geht doch meinetwegen ins Berghain, nehmt Drogen, habt Sex mit Fremden! Aber es muss doch wenigstens gestattet sein, infrage zu stellen, ob das eine vorbildliche Lebensform ist.

Schwindet die Klugheit mit der Zeit?

Na ja. Jedenfalls wächst sie nicht automatisch mit dem Alter. Jeder von uns hat das schon beobachtet, dass Leute in der Hierarchie steigen und sie dadurch immer beratungsresistenter werden. Schwer haben es vor allem die jetzt Heranwachsenden, sie scheinen mir komplett überfordert von allem, was da auf sie einstürmt.

Allein die Auswahlmöglichkeiten! Die Welt ist voller Optionen, die nur einen Klick oder einen Fingerstreich entfernt scheinen. Ich musste meine ganze Jugend nicht so viele Entscheidungen treffen, wie meine Kinder das tagtäglich tun. Und ständig spiegelt ihnen die Scheinwelt vor: Alles ist möglich, alles ist bestellbar. Ohne genau hinzusehen, also ohne Klugheit, ist man in dieser Welt nur noch Opfer.

Warum ist es nicht klug, nur zu zweit zu heiraten, ohne Familie und Freunde?

Ehe ist per Definition etwas, das nicht nur die zwei, die heiraten, etwas angeht. Der ganze Sinn der Eheschließung ist das Öffentlichmachen eines Bundes. Wer kein Geld für eine große Feier hat, kann Freunde zu sich einladen oder nach der Trauung Dosen hinten am Auto festbinden und durch die Stadt fahren. Die Ehe als kulturhistorische Institution ist immer etwas, das die ganze Gemeinschaft betrifft, daher soll man sie auch öffentlich feiern, so gut es eben geht. Verwandte und Freunde gehören da dazu, ob man will oder nicht.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben