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Urlaub mit den Eltern: So profitieren alle von der Reise

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Köln.  Erwachsene, die mit ihren Eltern Urlaub machen, sind keine Seltenheit mehr. Ein Familientherapeut erklärt, welche Chance darin steckt.

Freunde von Sonja Mann (48), Managerin aus Köln, waren überrascht. „Wie bitte?“, sagten sie, „du bist sonst nicht einmal an Weihnachten nach Hause gefahren, und jetzt verreist du mit deiner Mutter zehn Tage auf die Kapverdischen Inseln?“

Tatsächlich war das Verhältnis lange distanziert gewesen. Ihre Mutter hatte sie allein großgezogen. „Ich habe sie als tüchtig, aber auch als übermäßig streng und lieblos empfunden“, so Mann. Vor etwa drei Jahren näherten Mutter und Tochter sich wieder an: „Wir hatten uns ausgesprochen und wollten mit der Reise unseren Neustart besiegeln.“

Urlaub mit den Eltern: Chance auf ein neues Verhältnis

Dass erwachsene Kinder mit ihren mehr oder weniger betagten Eltern auf Reisen gehen, erinnert zunächst an idealtypische Vorstellungen von der „guten alten Zeit“, als es die Großfamilie in die Sommerfrische zog. „Familie nimmt nach langen Prozessen der Individualisierung nun wieder eine größere Bedeutung ein“, sagt Jochen Rögelein, Systemischer Familientherapeut aus München.

„Dabei geht es nicht nur um Familiengründung, sondern auch darum, das Verhältnis zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern zu gestalten.“ Und da bietet sich die Reise mit der älteren Generation an.

Erwachsene Kinder erkennen ihre eigene Endlichkeit

„Wer weiß, wie lange ich die beiden noch hab“ – ab etwa Mitte dreißig stellt man fest, dass die sonst immer irgendwie „zeitlosen“ Eltern deutlich gealtert sind. Wie in einem Spiegelbild entdeckt man in den ergrauten Eltern seine eigene Endlichkeit.

Die Zwei-oder-mehr-Generationen-Reise soll eine Gelegenheit gemeinsamen Erlebens sein – in dem Bewusstsein, dass es nicht mehr unendlich viele Gelegenheiten geben wird.

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Von wegen Seniorenteller: Rentner als neue High Performer

Anne Hansen (38) beschäftigte sich ein Jahr lang mit dem Reiseverhalten von Senioren – zu Recherchezwecken. Unter dem Pseudonym Rosa Schmidt schrieb sie den Roman „Mein Mann, der Rentner, auf Tour statt Kur“. Die Autorin unternahm dafür mit ihrer Mutter eine Kreuzfahrt auf der „Queen Mary II“. Und sie war überrascht.

„Während ich nach einem Tagesausflug erschossen in der Kabine hing, drehte sie noch Joggingrunden an Deck und checkte den nächsten Salsakurs aus“, sagt sie. „Wir haben diese Generation total unterschätzt. Von wegen Seniorenteller – das sind die neuen High Performer.“

Warum gerade Söhne mit ihren Vätern verreisen sollten

Es könne eine „entspannte Erfahrung“ sein, sich mit Eltern auf „neutralem Boden“ zu treffen. Das bestätigt Pharmazeut Frank D. (43), der seine Eltern zu deren erster Überseereise einlud, nach Thailand. „Wenn ich sie zu Hause besuche, geht alles nach ihren Regeln und ich bin wieder das Kind“, sagt er. „Die Weltbühne aber ist mein Revier.“

Psychologe Rögelein empfiehlt vor allem männlichen Klienten oftmals im Laufe einer Therapie, mit ihrem Vater auf Reisen zu gehen. „Dabei erlebt man der Regel ein spannendes Phänomen: Die Eltern fangen an zu erzählen, das Kind hört aus einer erwachsenen Perspektive zu, ohne zu verurteilen. Die Eltern müssen sich nicht mehr rechtfertigen.“

Das erwachsene Kind lerne sich dadurch auch selbst besser kennen und finde bestenfalls eine Antwort auf die Frage: Wie bin ich geworden, wie ich heute bin?

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„Wir haben seitdem mehr Respekt voreinander“

So erfuhr Sonja Mann im Urlaub erstmals ausführlich von ihrer Mutter, wie schwer es war, in ihrem bayerischen Dorf ein uneheliches Kind durchzubringen: „Wir haben seitdem mehr Respekt voreinander.“ Außerdem haben die beiden eine gemeinsame Vorliebe entdeckt: die für einen gut gemischten Ponche de Coco zum Sonnenuntergang.

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