Leichenschau

Totenscheine oft falsch – Viele Morde bleiben unentdeckt

Der Seziersaal der Anatomie der Uniklinik in Homburg.

Der Seziersaal der Anatomie der Uniklinik in Homburg.

Foto: RIO PRESS / action press

Berlin  Tausende Totenscheine werden falsch ausgefüllt, so manches Tötungsdelikt wird übersehen: Die Leichenschau in Deutschland hat Mängel.

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Es gibt eine Reihe besonders gravierender Fehler, von denen Rechtsmediziner gerne erzählen. Da war etwa die Leiche im Krematorium, der noch das Messer im Rücken gesteckt haben soll, obwohl auf dem Totenschein ein natürlicher Tod bescheinigt worden war. Oder der Tote, den der hessische Forensiker Marcel Verhoff eines Tages untersuchte.

Auch bei dieser Leiche hatte ein Kollege notiert, der Mensch sei eines „natürlichen Todes“ gestorben. Doch als Verhoff der Leiche ein Pflaster von der Brust zieht, entdeckt er darunter eine Stichwunde – ein Gewaltverbrechen, das um ein Haar nicht bemerkt worden wäre.

Klar, sagt der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Goethe-Universität Frankfurt, sei das „ein besonders krasser Fall“ gewesen. Aber dass Totenscheine voller Fehler sind und Leichenschauen nur oberflächlich durchgeführt werden, ist in Deutschland eher die Regel als die Ausnahme, wie eine Studie der Universität Rostock zeigt: Forscher überprüften 10.000 Todesbescheinigungen aus Mecklenburg-Vorpommern. Mit dem erschreckenden Ergebnis, dass lediglich 223 davon korrekt waren.

Forscher von der Häufung der Fälle überrascht

Die Rostocker Rechtsmediziner fanden Zehntausende Fehler, in 44 Fällen hatten die Ärzte fälschlicherweise einen natürlichen Tod bescheinigt, obwohl ein Verbrechen oder ein Unfall die Ursache war. „Mit dieser Größenordnung“, sagt Forscher Fred Zack, „haben wir zu Beginn der Studie nicht gerechnet.“

Ein Grund für die enorme Fehlerquote liegt darin, dass in Deutschland – anders als in den meisten anderen westlichen Staaten – häufig Hausärzte mit den Leichenschauen beauftragt werden, die offensichtlich keine allzu große Sorgfalt walten lassen. Nun regt sich Widerstand: In einem Pilotprojekt will die Stadt Frankfurt am Main deutlich häufiger Rechtsmediziner einsetzen. Kein Mord soll mehr unentdeckt bleiben.

Licht anmachen, Toten ausziehen und alle Öffnungen kontrollieren

Experten gehen davon aus, dass deutschlandweit mindestens 1200 Tötungsdelikte im Jahr nicht erkannt werden. Marcel Verhoff schätzt sogar, dass die Polizei jedes zweite bis dritte Tötungsdelikt nicht bemerkt. In Niedersachsen war 2015 der Krankenpfleger Niels H. wegen fünf Todesfällen verurteilt worden. Später ergaben Untersuchungen, dass er für rund 100 Todesopfer verantwortlich ist.

Eine gute Leichenschau, so steht es in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, geht so: helles Licht anmachen, den Toten nackt ausziehen, in alle Öffnungen schauen. Viele Angehörige empfinden das allerdings als pietätlos, manche Ärzte als überflüssig. „Die meisten Totenscheine werden am Küchentisch ausgefüllt“, sagt Verhoff. „Der Tote liegt im Bett, da schaut man mal durch die Tür.“

Im Krematorium wird jeder Tote angeschaut

Rechtsmediziner schauen mit Spannung auf das Frankfurter Modell. Für ganz Deutschland taugt es jedoch nicht – es sei schlicht zu teuer, geben Experten zu bedenken. Sinnvoller sei es, angehende Ärzte besser vorzubereiten. „Ein Mediziner kann durchs Studium kommen, ohne je eine frische Leiche gesehen zu haben“, sagt Verhoff. Er fordert eine Liste mit „knallharten Kriterien“. Treffe eines davon zu – zum Beispiel ein Tod im Freien –, müsse automatisch eine Obduktion folgen.

Dass Fehler überhaupt hin und wieder auffallen, ist übrigens dem Trend zur Feuerbestattung zu verdanken: Im Krematorium muss jede Leiche erneut angeschaut werden. Dann fällt auch mal ein Messer im Rücken auf.

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