Artenvielfalt

Jetzt auch Flundern! Immer mehr Fische erobern die Lippe

Kennt man von der Nordsee: eine Flunder. Diese (und eine weitere) zogen die LFV-Experten aus der Lippemündung bei Wesel..

Kennt man von der Nordsee: eine Flunder. Diese (und eine weitere) zogen die LFV-Experten aus der Lippemündung bei Wesel..

Foto: Sven-Lukas Müller

Wesel.   Landesfischereiverband stattet Tiere mit Sendern aus, um deren Wanderwege zu erkunden. Dabei wurden jetzt auch zwei Flundern entdeckt.

Carsten Nölting zupft der kapitalen Barbe einige Schuppen vom Bauch, zwei fachmännische Schnitte folgen, dann platziert er einen Mini-Sender unter der Haut des Fisches, vernäht die Wunde - fertig. Drei, vier Minuten hat die kleine Operation am mit Nelkenöl betäubten Fisch nur gedauert. Im Aufwachbecken kann die über 70 Zentimeter lange und mehr als vier Kilo schwere Barbe wieder zu sich finden. Dann geht es ab, zurück

in die Freiheit, zurück in die Lippe.

Fachleute vom Landesfischereiverband Westfalen und Lippe (LFV) versehen in diesen Tagen an der Lippe bei Wesel Dutzende Fische mit Ultraschallsendern. Sie wollen nachvollziehen, wie weit Aland, Barbe, Brasse & Co. den Fluss hinaufziehen. Wie gut (oder schlecht) kommen die Tiere an den Wehren im Fluss vorbei; funktionieren die dort angebrachten Wanderhilfen und Fischtreppen? Die Durchlässigkeit sei ein wichtiger Faktor für die Ökologie des Flusses, sagt Svenja Storm.

44 Fische wurden bis gestern mit Sendern ausgestattet, weitere 27 sollen noch folgen. Die LFV-Fachleute gehen betont behutsam vor. Zwei Teams holten die Fische gestern an der Mündung mit Elektrokeschern aus dem Wasser. Richtig betäubt wurden die Tiere dann in einem Bad mit eben jenem Nelkenöl. „Wir haben bewusst auf Chemie verzichtet“, erklärt Storm, die beim LFV fürs Lippe-Projekt zuständig ist. Und die Operation mit dem Sender erfolgte in einer speziellen, ständig von Wasser durchflossenen Rinne – damit die Kiemen nicht austrockneten.

Eine Nase schwamm bis ins Münsterland

Wie weit die Fische ziehen, werden die nächsten Tage zeigen. Bei der vorangegangenen Senderaktion in diesem Frühjahr stellte eine Nase (die Art heißt wirklich so, gehört zu den Karpfenfischen) den Rekord auf. Besagte Nase schwamm satte 80 Kilometer flussaufwärts bis zum Wehr Dahl beim münsterländischen Olfen – „und das binnen nur zwölf Tagen“, wie Storm berichtet. Die Sender gibt es in zwei Varianten, die kleinen

halten 150 Tage, die größeren ein Jahr.

Der Lippe, die für 2018/2019 zu Deutschlands „Flusslandschaft des Jahres“ gekürt wurde, geht es zunehmend besser. „Die Artenvielfalt nimmt zu“, berichtet LFV-Biologin Storm und verweist auf die laufenden Renaturierungen durch den Lippeverband. Vom kleinen Stichling bis zum mächtigen Wels – 45 Fischarten zählten die Biologen vom LFV bislang. Jetzt kommt noch eine dazu: Bei der Befischung für die Senderaktion zogen die Fachleute - Überraschung - erstmals auch zwei Flundern aus der Lippemündung. „Die hatten wir hier noch nicht“, berichtet Storm. Die Plattfische kennt man eher aus den Meeren, allerdings kommen Flundern auch mit Süßwasser zurecht. Früher zogen sie oft hunderte Kilometer die Flüsse hinauf. Die „Lippe-Flundern“ dürften ihren Ursprung in der Nordsee haben.

Aufwändige Renaturierungen

Über die ökologische Entwicklung freut man sich auch beim Lippeverband. Der Verband hat aktuell drei Renaturierungsprojekte an Mittel- und Unterlauf des Flusses in Arbeit. Bei Haltern-Lippramsdorf und Marl entsteht im Zuge neuer Deicharbeiten eine neue 66 Hektar große Flussaue. Daneben wird seit März die Mündung des Dattelner Mühlenbachs naturnah umgestaltet und eine weitere Aue entsteht bei „Haus Vogelsang“ zwischen Ahsen und Olfen. Dort werden auch Altarme wieder an den Fluss angebunden, die Lippe soll wieder flacher und breiter werden. Seit dem Jahr 2013 gibt es das neue Programm „Lebendige Lippe“, das an Vorgängerprojekte anschließt. „Unser übergeordnetes Ziel ist die langfristige Verbesserung und Wiederherstellung eines intakten Fluss-Auen-Ökosystems mit einer Erhaltung und Entwicklung von fluss- und auentypischen Strukturen und Lebensgemeinschaften“, betont Anne-Kathrin Lappe vom Lippeverband.

>>> WEITERE KANDIDATEN FÜR DIE LIPPEI

Das ökologische Potenzial der Lippe ist noch lange nicht ausgereizt. Experten hoffen auf die Rückkehr weiterer Fischarten. Ein möglicher Kandidat ist der Schlammbeißer (auch Schlammpeitzger), ein Rote-Liste-Fisch, der Luft schlucken und über den Darm atmen kann. Das hat dem 15 bis 30 cm langen Grundfisch auch den famosen Namen „Furzgrundel“ eingetragen und ermöglicht es ihm, Trockenphasen eines Gewässer im Schlamm zu überdauern, wie Svenja Storm berichtet.

Weitere Kandidaten: Maifisch und Nordseeschnäpel (für die es ja offizielle Wiederansiedlungsprogramme im Rhein gibt). „Es wäre toll, wenn diese Fische auch in die Lippe zurückkehren würden“, meint Svenja Storm.

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