Krebs

Hubertus Meyer-Burckhardt: „Seien Sie mutig!“

Der Moderator und Autor Hubertus Meyer-Burckhardt lebt mit dem Krebs.

Der Moderator und Autor Hubertus Meyer-Burckhardt lebt mit dem Krebs.

Foto: Jens Kalaene / dpa

Essen.  Hubertus Meyer-Burckhardt hat über sein Leben mit dem Krebs ein Buch geschrieben – und durch die Krankheit viel über das Leben gelernt.

  • Hubertus Meyer-Burckhardt bekam 2017 die Diagnose Krebs – zu seinem Glück wurde die Krankheit früh entdeckt
  • Der NDR-Moderator und Kollege von Barbara Schöneberger machte die Diagnose öffentlich und sprach darüber, wie der Schock-Moment sein Leben verändert hat
  • So hat er unter anderem beiden Karzinomen einen Namen gegeben – weil sie sich so besser bekämpfen lassen

Es war der Geburtstag seiner Frau und dann auch noch der Tag der Beerdigung einer 51-jährigen Freundin, als sein Smartphone klingelte. Der anrufende Arzt teilte Hubertus Meyer-Burckhardt die Diagnose mit: Krebs.

Maren Schürmann sprach mit dem NDR-Moderator über diesen Lebenseinschnitt und seine Haltung zur Lebenszeit, die der 63-Jährige auch in seinem neuen Buch beleuchtet: „Diese ganze Scheiße mit der Zeit – Meine Entdeckung des Jetzt“.

Hubertus Meyer-Burckhardt ist Kollege von Barbara Schöneberger

Sie haben sofort am gleichen Tag der Diagnose, am 13. Oktober 2017, gesagt: „Ich werde den Krebs besiegen“. Woher kommt diese Zuversicht?

Meyer-Burckhardt: Natürlich ist es ein Schock. Aber wenn man sich vorher mit dem Thema Lebenszeit und damit auch mit vergehender Lebenszeit befasst, dann muss man ab einem bestimmten Alter einkalkulieren, dass das passiert.

Hatten Sie nicht die Hoffnung, dass der Kelch an Ihnen vorbeigeht?

Meyer-Burckhardt: Ich hatte nie die Haltung: Warum ich? Es war immer eher: Warum ich nicht? Jeder Fünfte in meinem Alter um die 60 hat es. Und die Zeit, das kann ich Ihnen sagen, die vergeht schnell. Ich muss deutlich sagen, dass es bei mir sehr im Griff ist, toi, toi, toi. Es ist ein sehr frühes Stadium, ich bin in „Watch and Wait“, wie das heißt, also beobachten und warten.

Es gibt Menschen, denen es viel schlimmer geht als mir, aber als ich die Diagnose gleichwohl bekam, war ich froh, dass ich mich immer bemüht habe, mutig zu sein und zur Vorsorge zu gehen. Und ich bin froh, dass ich mir nicht die Vorwürfe machen musste, allzu viel verpasst zu haben.

Die beiden Karzinome waren trotzdem ein Wendepunkt für Sie, ein Weckruf?

Meyer-Burckhardt: Ja, klar.

Inwiefern?

Meyer-Burckhardt: Ja, inwiefern? Dass sie sterben, ist vorher eine intellektuelle Erkenntnis, und wenn sie die Diagnose haben, dann wandert die Erkenntnis vom Kopf ins Herz.

Aber das hat Sie nicht umgehauen?

Meyer-Burckhardt: Nein. Woher das kommt? Ich kann nur mutmaßen. Sie haben gelesen: Ich habe einen prügelnden Vater gehabt, den ich mit zwölf aus dem Haus geschmissen habe. Ich habe da doch relativ viel abgekriegt, aber ehrlich gestanden, das ist jetzt vielleicht etwas plattitüdenhaft:

Das Leben ist nun mal das, was es ist. Ich bin auch kein großer Freund des Haderns, sondern sehr schnell an dem Punkt: Kann ich das Problem lösen oder kann ich es nicht lösen? Kann ich damit leben? Dann leb damit! Diese Verzagtheit, das Hadern, ist mir völlig fremd. Wenn ich nur andeutungsweise in diese Art zu denken reinfallen würde, würde ich das sofort versuchen zu bekämpfen.

Sie haben den Karzinomen Namen gegeben, nach ihren Lieblingsautoren: Kafka und Shaw. Warum?

Meyer-Burckhardt: Ich muss mit ihnen leben. Es ist sozusagen eine Wohngemeinschaft und ich pflege die Menschen, mit denen ich zusammen wohne, mit den Namen anzusprechen. Und wenn sie eines Tages Gegner werden sollten, dann bekämpft man Gegner besser, die einen Namen haben. Es war übrigens eine Idee meiner Frau.

Sie schreiben, dass Sie nicht mehr von Lebenserwartungen, sondern von Lebenshoffnungen ausgehen?

Meyer-Burckhardt: Das habe ich schon immer getan, ich habe drei Worte aus meinem Leben eliminiert. Das eine ist Lebenserwartung. Wenn sie beim Tischler einen Tisch bestellen, kann er erwarten, dass Sie die Rechnung bezahlen. Aber Sie können nicht vom lieben Gott erwarten, dass Sie alt werden. Deswegen Lebenshoffnung. Das zweite Wort ist Stress. Ich mag es nicht, wenn jeder, der nur mal ein bisschen zu tun hat, gleich immer im Stress ist. Und ich habe das Wort Problem durch das Wort Herausforderung ersetzt.

In Ihrem Buch erzählen Sie, dass Sie im Jetzt leben. Ich habe den Eindruck, dass das den Menschen gerade in Deutschland nicht so leicht fällt. Wie kann das gelingen?

Meyer-Burckhardt: In Deutschland schwierig. Wir sind kein sehr spielerisches Land. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass wir in zwei Disziplinen weltweit führend sind, die eine ist die Ingenieurskunst und die andere ist die Philosophie. Und was haben diese beiden auf den ersten Blick sehr, sehr unterschiedlichen Disziplinen gemeinsam? Das ist die Analysefähigkeit.

Ich glaube, dass die Deutschen sehr stark im Analysieren und im Optimieren sind. Aber sie sind kein spielerisches Volk, obwohl sie Formulierungen erfunden haben, wie „Alle Fünfe gerade sein lassen“. Aber, ich glaube, wenn es ein Volk nicht kann, mal Fünfe gerade sein zu lassen, dann sind das wir. Deshalb fahren wir ja nach Südeuropa, weil wir da auf eine Mentalität stoßen, nach der wir eigentlich Sehnsucht haben.

Und wenn Sie es auf sich beziehen? Gelingt es Ihnen, Zeit zu verschwenden?

Meyer-Burckhardt: Zeit verschwenden ist ja schon eine negative Wertung. Nein, ich nutze die Zeit. Ich weiß einfach, was mir guttut. Und ich weiß, was mir nicht guttut. Das sind private Dinge, die nicht ins Interview gehören. Wie das im Einzelnen aussieht, ob ich heute Abend unvernünftigerweise ein Glas Rotwein mehr trinke, obwohl ich morgen um sieben eine Sitzung habe.

Oder ob ich mir einen Mantel kaufe, der eigentlich zu teuer ist. Oder statt immer nur nach Spanien, einfach mal nach Turkmenistan fahre. Das muss jeder selber sehen. Ich rege immer an, auch bei meinen Lesungen: Beschreibe doch mal deine größte Sehnsucht und deine größte Angst. Dann erfährt man unglaublich viel über sich selbst, was man auf keinen Fall will, und was man eigentlich sehr gerne will. Danach kann man sein Leben ein bisschen ausrichten.

Sie schreiben jeden Abend einen Liebesbrief an die Zeit. Was stand denn da gestern drin?

Meyer-Burckhardt: Das werde ich nicht sagen (lacht). Ich muss die Kirche im Dorf lassen: nicht jeden Tag. Aber dreimal in der Woche schon. Ich habe ein großes schwarzes Buch, da schreibe ich auch kreative Ideen rein für mein nächstes Buch oder für einen Film, den ich mache.

Da kommen viele Sachen zusammen. Ich mag ein Tagebuch nicht, weil ein Tagebuch nur das beschreibt, was war. Das ist amüsant, wenn man es zehn Jahre später liest. Aber mich interessiert das nicht sonderlich. Während man beim Liebesbrief um jemanden wirbt. Aus meiner Sicht eines heterosexuellen Mannes wie um eine tolle Frau. Man sollte ihr mit Respekt begegnen, mit Verführungskunst, mit Empathie. Und dabei bedenken: Die Zeit und der Tod nehmen keine Rücksicht auf Terminpläne.

Wie man mit sich und seiner Lebenszeit umgeht, ist auch eine Frage der Persönlichkeit.

Meyer-Burckhardt: Der Persönlichkeit ja, aber nicht der Umstände. Ich bin der Sohn einer Alleinerziehenden, wir hatten wenig Geld, meine Mutter hatte wenige Optionen, sie musste ihren Sohn mit durchkriegen. Aber selbst meine Mutter hat irgendwann gesagt: ,Ich verändere Dinge.’ So mancher von unseren Zeitgenossen ist ein bisschen zu bequem. Dann nimmt man die Umstände in Anspruch. Aber niemand küsst einen wach. Niemand hebt einen aufs Pferd. Da muss man sich schon selber drum kümmern. Also: Seien Sie mutig!

Das ist Hubertus Meyer-Burckhardt

  • Hubertus Meyer-Burckhardt (63) moderiert zusammen mit Barbara Schöneberger die „NDR Talk Show“ am Freitag.
  • Er ist Filmproduzent und Autor. Der Vater von zwei Kindern ist mit der Journalistin Dorothee Röhrig verheiratet.
  • Die zwei Karzinome wurden bei einer Routineuntersuchung festgestellt, die Krebsart möchte er nicht nennen.

Meyer-Burckhardt hatte das neue Buch über die Lebenszeit bereits vor der Diagnose geplant. Es sei kein Ratgeber und keine Biografie, obwohl es diese Züge trägt. Viele haben ihm von dem Titel „Diese ganze Scheiße mit der Zeit“ (Gräfe und Unzer, 190 S., 19,99 €) abgeraten. Der Autor hielt daran fest, nicht um zu provozieren, sondern weil das Wort einem Stoßseufzer gleichkomme. Beim kleinen Missgeschick genauso wie beim großen Lebensbruch: „Das ist das Wort, das am meisten befreit: Scheiße!“

• Dieses Interview ist zuerst auf WAZ.de erschienen

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