Nachwuchs

Immer mehr junge Erwachsene lassen sich Zeit mit dem Sex

Viele Teenager lassen sich Zeit für ihre ersten sexuellen Erfahrungen und machen sich mehr Gedanken um ihre Außenwahrnehmung.

Foto: imago stock&people / imago/Westend61

Viele Teenager lassen sich Zeit für ihre ersten sexuellen Erfahrungen und machen sich mehr Gedanken um ihre Außenwahrnehmung. Foto: imago stock&people / imago/Westend61

Berlin  Die Zahl der sexuell erfahrenen Teenager sinkt – trotz Apps wie Tinder. Der Nachwuchs ist prüder und weniger entspannt als die Eltern.

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Es war der Vorfall neulich in der Umkleidekabine, der Susanne (42) zum Nachdenken brachte. Als sie sich nach dem Schwimmen mit ihrer Tochter Luise (16) abtrocknete, stand diese plötzlich vor dem Spiegel in der Umkleide und musterte sich. „Schau mal, Mama“, sagte Luise. „Meine Brustwarze müsste eigentlich auf der Höhe der Mitte meines Oberarms sein.“ Ihre Hand hielt sie zur Demonstration gerade wie ein Lineal an ihre linke Brust.

Susanne war entsetzt. „Wer sagt das?“, fragte sie kopfschüttelnd. „Na, alle. So muss man halt aussehen“, antwortete Luise, ohne den Blick vom Spiegel zu lösen. Fast hatte Susanne Mitleid mit ihrer Tochter. Mit 16 Jahren hatte sich die Mutter damals ein Bauchnabelpiercing stechen lassen und war den ganzen Sommer mit bauchfreiem T-Shirt herumgelaufen. Der Babyspeck um ihre Hüften hatte sie nicht interessiert.

Umso klarer ist Susanne seitdem: Die Generation ihrer Tochter ist anders – selbstkritischer, mehr auf Optimierung des eigenen Körpers bedacht, prüder und weniger entspannt.

Zahl der sexuell erfahrenen Teenager sinkt

Und Susannes Vermutungen über die heranwachsende Generation sind längst durch Fakten belegt. Seit Jahren sinkt die Zahl der sexuell erfahrenen Teenager. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hatten 2005 noch 70 Prozent der 17-Jährigen in Deutschland ihr „erstes Mal“ schon hinter sich. Jetzt liegt die Zahl bei 61,5 Prozent.

Die „Generation Selfie“ ist also nicht so freizügig und sorglos wie oft vermutet. Sie lässt sich Zeit für die erste sexuelle Erfahrung, macht sich mehr Gedanken um Zukunft und Außenwahrnehmung. Und auch Treue wird wichtiger. Gaben 1980 noch 63 Prozent aller 14- bis 17-Jährigen an, bereits mit mehr als einem Partner geschlafen zu haben, sind es laut BZgA inzwischen nur noch 56 Prozent.

Elmar Brähler von der Universität Leipzig hat in einer Studie ebenfalls das Liebesleben der Deutschen unter 30 Jahren untersucht. Auch er bemerkte, dass Sex vor allem in einer Partnerschaft passiert. „Wir haben festgestellt, dass etwa rund 20 Prozent der jungen Frauen und Männer, die nicht in festen Beziehungen leben, sexuell gar nicht aktiv sind“, sagt der Professor der medizinischen Psychologie dieser Redaktion. Als Erklärung für die viel diskutierte neue Lustlosigkeit hat Brähler mehrere Ansätze.

Schönheitsideal wird durch Instagram hochgehängt

Junge Frauen profitierten von den Erfolgen der Gleichberechtigung und müssten sich nicht mehr über Sex definieren. „Für sie spielen Bildung und Karriere eine größere Rolle.“ Auch die Verschulung des Studiums durch Bachelor- und Master-Programme und der dadurch und allgemein gestiegene Leistungsdruck dürften laut Brähler nicht unterschätzt werden.

Dazu kommen dann noch die Selfie-Bilder in sozialen Netzwerken. Junge Erwachsene machen Fotos für Insta­gram, bearbeiten diese nach, benutzen Filter, um die Haut glatter und die Haare glänzender zu machen. Obwohl jeder um die geschönten Bilder weiß, wird das Schönheitsideal durch sie weiter hochgehängt. Hemmungen, sich in intimen Situationen nackt zu zeigen, sind so dann meistens programmiert.

Darüber hinaus finden laut Brähler soziale Kontakte heutzutage mehr in der digitalen Welt als im Echtleben statt. Vermutlich kommunizieren junge Menschen zwar viel mit Gleichgesinnten online, reale Kontakte und daraus resultierende Liebes- oder Bettgeschichten bleiben laut einer Studie der San Diego State University jedoch aus.

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In den USA wollen Millionen keinen Sex vor der Ehe haben

Bei jungen Männern, die sexuell wenig oder komplett inaktiv sind, geht Brähler davon aus, dass die ständige Verfügbarkeit von Pornos im Internet das Interesse an Bekanntschaften in der realen Welt eindämmen. Auch Sorgen oder Depressionen vor der Zukunft in wirtschaftlich schwierigen Zeiten tragen zur generellen Unlust bei.

In den USA ist die neue Prüderie mittlerweile nicht mehr nur Ergebnis der genannten Faktoren, sondern eine bewusste Entscheidung geworden. So will in den Staaten jedes achte Mädchen auf Sex vor der Ehe verzichten. Das sind etwa drei Millionen – Tendenz steigend.

Dass die Welle der neuen Keuschheit auch nach Deutschland rollen könnte, glaubt Experte Brähler allerdings nicht. „Andererseits ist jeder Trend aus den USA immer zu uns geschwappt, man wird sehen.“

Susanne ist jedenfalls mit ihrer Tochter Luise nach dem Gespräch in der Umkleidekabine noch am selben Nachmittag in das nächste Kaufhaus mit Dessousabteilung spaziert. Dort hat die Mutter ihrer Jüngsten – „völlig unpädagogisch“, wie sie sagt – einen sündhaft teuren BH gekauft. „Sieht ziemlich gut aus“, sagte die Verkäuferin beim Anprobieren. Das musste dann auch Luise zugeben.

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