Verbrechen

Immer an der Wand hoch - Deutschlands ältester Dieb erzählt

Deutschlands ältester Einbrecher sitzt zur Zeit in der JVA in Castrop Rauxel ein.

Deutschlands ältester Einbrecher sitzt zur Zeit in der JVA in Castrop Rauxel ein.

Foto: Ralf Rottmann/FUNKE Foto Services

Castrop-Rauxel/Dortmund.   Früher ist er in Tausende Hotelzimmer geklettert. Heute ist er 82, sitzt in Haft und erzählt, warum er zum Dieb wurde und der Polizei oft entkam.

Nennen wir ihn Franz Schneider, auch wenn er in Wahrheit anders heißt. Aber Franz Schneider möchte seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Denn der 82-Jährige sitzt derzeit hinter Gittern. Verurteilt wegen Einbruchs. Ein Jahr und acht Monate. „Muss ja nicht jeder wissen“, sagt er.

Ist ja nichts, wo er stolz drauf ist. Also darauf, dass er erwischt worden ist. Ausgerechnet er. Der Profi. Der, den die Polizei früher mal das Phantom nannte, während er selber den Namen „Die Katze“ bevorzugte. Weil er in den 60er- und 70er-Jahren tausendfach in Hotelzimmer eingestiegen ist. Immer in die ganz oben. So wie der von Cary Grant gespielte Einbrecher John Robie in dem Film „Über den Dächern von Nizza“. Hat Schneider oft gesehen und findet: „Da gibt es viele Gemeinsamkeiten.“

„Ich könnte Bäume ausreißen“, sagt der 82-Jährige

Zügigen Schrittes ist er in den Besucherraum der JVA Castrop-Rauxel gekommen. Bordeauxfarbene Jacke zu Jeans und festen Schuhen. Schirm in der Hand, Schnauzer, das ergraute Haar ordentlich geschnitten und nach hinten gekämmt, schlank der Körper, fest der Händedruck, deutlich die Stimme. Schneider würde auch für Anfang 70 durchgehen. So etwas hört er gerne. „Ich könnte Bäume ausreißen.“

Aber dann setzt er sich, lässt die Jacke an in dem kalten Raum und beginnt zu erzählen. Von seiner Kindheit in Ostwestfalen, wo er im Januar 1937 geboren wird. Vom Vater, der in den 2. Weltkrieg zieht und der Mutter, „die dann Mist gebaut hat“. Die andere Männer hat und sich dabei gestört fühlt von den Kindern. So landen die vier Söhne in einem Waisenhaus in der Nähe von Hagen.

Für 75 Pfennige in der Woche als Knecht gearbeitet

Dort überstehen sie den Krieg und als Franz acht Volksschuljahre hinter sich hat, wird er Knecht auf einem Hof in der Nachbarschaft. „Harte Arbeit“, sagt er. Für 75 Pfennige in der Woche. Erst in den 50er-Jahren kehrt der Vater zurück aus russischer Kriegsgefangenschaft, holt seine Jungs zu sich nach Hause.

Aber mit der neuen Frau an seiner Seite kommt Franz nicht klar. „Eiskalt“, hat er sie in Erinnerung. „Irgendwann bin ich abgehauen.“ Bald hat er Hunger. Nicht Kohldampf, „richtig Hunger“. Da bricht er zum ersten Mal ein. In Keller, in Vorratskammern. „Sonst wäre ich verhungert“, glaubt Schneider und entschuldigt sich: „Viele haben das damals gemacht. War eine ganz andere Zeit.“ War aber trotzdem Einbruch.

Zu viel gearbeitet? - Ehefrau nimmt sich Liebhaber

Doch Schneider fängt sich, lässt sich als Fernmeldetechniker anlernen. „Tarzan“ nennen sie ihn oder „Klettermaxe“, weil er die Holzmasten ohne Steigeisen erklimmen kann. Denn er ist schlank, ist ein „dünner Hering“, hat aber viele Muskeln in den Armen. „Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie gut ich klettern kann.“ Jahre später wird er sich daran erinnern.

Doch erst einmal führt er ein bürgerliches Leben. Lernt eine Frau kennen, heiratet, zieht zu ihr nach Menden an den Rand des Sauerlandes, wird Vater eines Sohnes. Schneider baut um und an im Haus seiner Schwiegermutter, kriegt aber irgendwann Ärger mit seiner Schwägerin. „Lass uns gehen“, sagt er zu seiner Frau, aber die will ihre Mutter nicht zurück lassen, und so geht Franz alleine. Doch das bleibt er nicht lange. In Iserlohn lernt er eine neue Frau kennen, heiratet und wird wieder Vater eines Sohnes.

Der jungen Familie geht es nicht schlecht. Es geht ihr sogar so gut, dass Franz seiner Frau einen VW-Käfer schenken kann. Er selbst fährt BMW. In einer Gießerei schuftet er dafür. „Oft zwei Schichten am Stück. Ich war kaum noch zu Hause.“ Ein Fehler. Die Gattin fühlt sich vernachlässigt, nimmt sich einen Liebhaber. Als Franz die beiden erwischt, macht er, was er meistens macht, wenn es Probleme gibt. Er haut ab. Nicht ohne vorher zu kündigen. „Ich hatte die Schnauze einfach voll.“

Unten wird getanzt, oben wird geklaut

Er besucht einen Bekannten, der gerade eine Kur in Bad Oeynhausen macht. Dort geht er spazieren, lauscht dem Kurorchester, frönt seiner Leidenschaft für süßen Kuchen, bewundert die Luxuskarossen vor den großen Hotels und stellt dabei fest. „Die haben alle viel Kohle hier.“ Schneider hat Schulden. Eines Abends holt er Schraubenzieher, Taschenlampe und Handschuhe aus seinem Wagen. „Mehr habe ich nie gebraucht.“

Während unten getanzt wird, wird oben geklaut. Nur in Vier- oder Fünf-Sterne-Hotels und nur im Frühling und Herbst, denn „im Sommer ist es zu lange hell“. Behände klettert Schneider bis in den 10. Stock an den Hotelfassaden hoch. Regenrohr, Blitzableiter, irgendwas findet er dafür immer. „War eine Kleinigkeit für mich.“

Er wundert sich: Wie leicht es im die Opfer machen!

In luftiger Höhe wundert sich Schneider, wie leicht es ihm seine Opfer machen. „Je höher die Leute wohnen, desto leichtsinniger sind sie“, hat er festgestellt. Lassen Fenster und Balkon sperrangelweit offen, oder stellen sie auf Kipp. Und im Zimmer liegen die Wertsachen in einer abgeschlossenen, aber schlichten Holzschublade. „Kleinigkeit“, wie gesagt.

Bald räumt er an guten Abenden ein Dutzend Zimmer am Stück aus, macht regelmäßig Beute im fünfstelligen Bereich. Schmuck lässt er lange liegen. „Ich hatte erst keine Abnehmer dafür. Bis ich die Zigeuner kennen gelernt habe. Auf die konnte ich mich verlassen.“ Fortan verschwinden auch Ketten, Broschen oder Uhren. „Die Hehler nehmen alles.“ Und nichts davon ist je wieder aufgetaucht.

Die Polizei hat keine Spur, ist verzweifelt Er hinterlässt keine Fingerabdrücke, ist nicht vorbestraft. „Und da war ja noch nichts mit DNA und so.“ Aber die Hoteliers in den westfälischen Kurorten rüsten auf. „Die haben dann Tresore in die Zimmer gebaut“, erzählt Schneider und klingt dabei ein wenig entrüstet. „Die habe ich nicht aufgekriegt.“ Franz vergrößert sein Revier. „Ich habe mir eine Karte genommen und geguckt, wo es sonst noch Kurorte gibt. Dann setzt er sich in sein Wohnmobil, in dem er lebt. „Schon ging es wieder los“, sagt er und es liegt ein wenig Stolz in seiner Stimme.

Aufwendiger Lebensstil verschlingt viel Geld

Schulden hat er schnell nicht mehr. Dafür aber einen aufwendigen Lebensstil. Elegante Anzüge, gehobene Küche, nie geizig bei der interessierten Weiblichkeit, „da ging einiges drauf“, erinnert sich Schneider. Aber es kommt ja immer etwas nach – auch weil er mittlerweile zusätzlich in Österreich und der Schweiz Fassaden hochklettert.

Ob er je ein schlechtes Gewissen gehabt hat? Schneider überlegt kurz. „Anfangs schon. Da dachte ich, irgendeine arme Oma muss jetzt ihre Kur abbrechen, weil ich sie beklaut habe.“ Doch dann redet er sich seine Taten schön. „Ich habe ja nie Gewalt angewandt. Wenn einer im Zimmer war, bin ich nicht rein.“ Außerdem habe er bald erkannt, wer Geld hat.

„Und die haben dann oft noch Kapital aus den Einbrüchen geschlagen, weil sie bei der Versicherung viel mehr angegeben haben, als ich mitgenommen habe.“ Schneider weiß das. Weil er sich in den Kreisen, die er bestohlen hat, bewegt hat. Sich zu Kaffee und Kuchen an die Tische seiner Opfer gesetzt und gesagt hat. „Was habe ich gehört, bei Ihnen ist eingebrochen worden. Ist ja unglaublich. Erzählen Sie mal.“

Erste Festnahme macht ihn noch vorsichtiger

Doch dann wird Franz leichtsinnig, steigt in ein Hotel ein, in das er zuvor schon fast ein Dutzend mal eingebrochen ist. Als er rauskommt, wartet die Polizei, die das Haus beobachtet hat, schon auf ihn. Schnell werden ihm viele andere Taten nachgewiesen. Unverkennbar ist sein Stil, zu identisch sind die Spuren des Schraubenziehers.

Schneider muss ins Gefängnis. „Ich glaube für fünf Jahre.“ Es ist eine Zeit, die ihn nicht einsichtiger macht. „Nur vorsichtiger“, sagt Schneider. Es dauert nicht lange, da hängt er schon wieder am Regenrohr. Aber jetzt weiß die Polizei, nach wem sie suchen muss.

Und schon bald wird er wieder erwischt. Rein in den Knast, raus aus dem Knast. Immer wieder. Bis ein Gericht in München 1999 Sicherheitsverwahrung anordnet. Denn so eloquent sich Schneider auch gibt, er ist ein Verbrecher, und die Richter sehen in ihm eine „Gefahr für die Allgemeinheit“.

Auch mit 74 kann er es nciht lassen

Erst als die Gesetze zur Sicherungsverwahrung Anfang 2011 geändert werden, sie gegen Diebe, Betrüger und Fälscher nicht mehr verhängt wird, kommt er wieder raus. 74 ist er da, kann es aber nicht lassen. 2014 und 2016 wird er erneut verurteilt. Und als 2018 die Handschellen klicken – ausgerechnet im Kurpark von Bad Sassendorf, da wird er schon wieder wegen 20 Einbrüchen gesucht.

Doch wenn man ihn danach fragt, ist der Stolz in seiner Stimme verschwunden. Karg war die Beute – mal eine Trinkgeldkasse, mal ein paar Kaffeepads – wenig elegant die Begehung. Hier ist er nicht reingekommen, dort hat er sich von einer Überwachungskamera filmen lassen. Schneider ist zwar geständig, kann sich aber vieles nicht erklären, spricht von „Missverständnissen“. Doch mit der Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten, sagt er, „kann ich leben“.

Freunde und Verwandte hat er nicht

2020 kommt er wieder raus, kann wieder in seine kleine Wohnung nach Dortmund zurück. Warten tut dort niemand auf ihn. Freunde und Verwandte hat er nicht mehr – oder weiß nicht, wo sie sind. Geld besitzt er kaum. 530 Euro Rente und 220 vom Sozialamt kriegt er. „Da komm ich nicht weit mit. Obwohl ich weder trink’ noch rauche.“

Also wieder hoch in ein Hotelzimmer? Schneider lacht leise, zeigt den Bizeps in seinem rechten Arm. „Fühlen Sie mal, da ist noch Saft drin.“ Können könnte er schon, wenn er noch wollte. Aber er will nicht, sagt er. Die Sicherheitsmaßnahmen seien ja viel besser als früher und wenn irgendwo eingebrochen werde in einem Hotel, dann stehe die Polizei gleich wieder bei ihm vor der Tür. „Nee, nee, ich mach nichts mehr.“ Kurze Pause.

„Glaube ich.“

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