Prozess

Totschlag: Mutter steht wegen Tod des Säuglings vor Gericht

In diesem Haus an der Grothusstraße in Gelsenkirchen-Heßler starb der drei Monate alte Junge.

In diesem Haus an der Grothusstraße in Gelsenkirchen-Heßler starb der drei Monate alte Junge.

Foto: Michael Korte / FUNKE Foto Services

Essen/Gelsenkirchen.  An schweren Kopfverletzungen starb das drei Monate alte Baby in Gelsenkirchen. Ab dem heutigen Freitag (21. Juni) steht seine Mutter vor Gericht.

Ein Bild des Schreckens und der Sinnlosigkeit bot sich den Polizisten, die am 7. Januar die Wohnung im Gelsenkirchener Stadtteil Heßler betraten. Ein am Kopf schwer verletztes Baby, drei Monate alt, sahen sie. Leblos wirkte es. Und daneben die Mutter des Kindes, volltrunken. Am heutigen Freitag muss sich die 35-Jährige vor dem Essener Schwurgericht verantworten. Totschlag ist angeklagt, dazu Misshandlung von Schutzbefohlenen, Widerstand gegen Polizeibeamte und Körperverletzung.

Sie selbst hatte am späten Abend die Feuerwehr alarmiert. Die Polizei kam gleich mit. Als die Beamten gegen 21.50 Uhr in die Wohnung kamen, kannte die Polizei die Wohnung schon. Denn laut Anklage hatte Amalia B., die Mutter des getöteten Kindes, nur wenige Stunden zuvor um Hilfe gebeten, weil sie Streit mit ihrem Lebensgefährten habe. Doch als die Beamten vor Ort erschienen, soll sie diese wieder weggeschickt haben. Mehr noch: Als die Polizei kurz darauf telefonisch nachfragte, was das soll, habe sie geantwortet, dass sie in Köln sei und die Beamten gar nicht gerufen habe.

Wiederbelebungsmaßnahmen erfolglos

Das traurige Schicksal des erst drei Monate alten Jungen war an jenem Abend schnell besiegelt. Drei schwere Kopfverletzungen, davon zwei Schädelbrüche, stellten Rechtsmediziner später fest. Die Polizei hatte den noch lebenden Säugling schnell ins Gelsenkirchener Marienhospital bringen lassen. Doch jede Hilfe kam zu spät, auch die Wiederbelebungsversuche der Ärzte scheiterten. Um 22.45 Uhr, nicht einmal eine Stunde nach seiner Entdeckung, erlag das Baby seinen schweren Kopfverletzungen.

Die Mutter des Säuglings galt schnell als Tatverdächtige, bereits am 8. Januar erließ das Amtsgericht Haftbefehl gegen sie. Streit mit ihrem Ehemann soll sie am Tattag gehabt haben. Der war nämlich nicht in ihrer Nähe, sondern hielt sich seit einem Tag im bayerischen Passau auf. Laut Anklage ging es beim Streit der Eheleute am Telefon darum, dass sie einkaufen und das Baby dabei nicht mitnehmen wollte.

Unklar, wie das Baby verletzt wurde

Erhebliche Mengen Alkohol soll sie am Tattag getrunken haben, 2,44 Promille ergab später eine Blutprobe. Was genau sie mit dem Baby gemacht hat, sagt auch die Anklage nicht. Es heißt, sie habe am Nachmittag durch eine nicht bekannte Handlung die Gewalt gegen den Sohn gerichtet.

Zwischenzeitlich soll sie in der Wohnung noch Besuch empfangen und den mysteriösen Anruf wegen der angeblichen Gewalttätigkeit ihres Partners gestartet haben. Gegen die Festnahme durch die Polizei soll sie sich erheblich gewehrt haben. Ein Beamter sei dabei leicht verletzt worden.

Jugendamt weist die Vorwürfe zurück

Aufsehen erregt hatte der Tod des kleinen Jungen auch, weil er innerhalb weniger Monate das dritte innerhalb der eigenen Familie getötete Gelsenkirchener Kind war. Zwei davon hatten in Pflegefamilien außerhalb der Stadt gelebt. Kritik musste sich deshalb das Gelsenkirchener Jugendamt gefallen lassen. Es wies Vorwürfe zurück. Der Jugendhilfeausschuss der Stadt entlastete das Amt später: In allen Fällen sei es zu einer „Verkettung unglücklicher Umstände“ gekommen.

Auch zur Familie in Heßler gab es Kontakt, obwohl die rumänischen Zuwanderer offiziell gar nicht in Gelsenkirchen gemeldet waren. Das Jugendamt hatte Ende 2018 anonym den Hinweis bekommen, dass in dem Mehrfamilienhaus an der Grothusstraße in Heßler eine Mutter mit einem Säugling lebe. In diesem Haus wohnen Rumänen und Ungarn. Mieter der Wohnung, in der sich Amalia B. mit Ehemann und ihrem Sohn aufhielt, war ein 49-Jähriger.

Angemeldete und unangekündigte Besuche

Das Jugendamt sagte, seine Mitarbeiter hätten einen guten Eindruck vom Zustand des Kindes gewonnen. Stadtsprecher Martin Schulmann erklärte im Januar, die Mitarbeiter hätten „sowohl bei den angemeldeten als auch bei den unangekündigten Besuchen“ weder Verwahrlosung festgestellt, noch dass die Frau alkoholisiert gewesen sein oder ein anderes Suchtproblem haben könnte.

So habe die Mutter auch ein Heft mit den Früherkennungsuntersuchungen und den Nachweis aller Impfungen vorweisen können. Das Problem sei gewesen, dass sie nicht gemeldet war und keine Krankenversicherung hatte. Darum sei es bei den weiteren Besuchen gegangen.

Jugendamt gewann guten Eindruck

Im Dezember 2018 kam es zum letzten Besuch des Jugendamtes. Der kleine Junge, der einen guten Eindruck auf die Behördenmitarbeiter gemacht haben soll, hatte da nur noch wenige Tage zu leben.

Das auf Tötungsdelikte spezialisierte Essener Schwurgericht nimmt sich viel Zeit, um den gewaltsamen Tod des kleinen Jungen aufzuklären. Zehn Verhandlungstage hat es bislang angesetzt. Als voraussichtlich letzter Tag ist der 10. Oktober geplant.

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