Prozess

"Ehrenmord"-Verhandlung: Kronzeuge kommt wieder in Haft

Streng bewachen Justizwachtmeister die 13 Angeklagten.

Streng bewachen Justizwachtmeister die 13 Angeklagten.

Foto: Kai Kitschenberg / FunkeFotoServices

Essen  Er belastete andere, schwächte seine eigene Tat aber ab. Jetzt sitzt der Kronzeuge im Essener Ehrenmordprozess wieder in Untersuchungshaft

Das Essener Schwurgericht greift durch im Prozess um einen versuchten „Ehrenmord“ im syrisch-kurdischen Milieu. Am Montag steckte es ausgerechnet den „Kronzeugen“ der Anklage, der bisher im Zeugenschutzprogramm war, wieder in Untersuchungshaft.

Anlass dazu war wohl dessen Aussage in der vergangenen Woche, die das Gericht offenbar als nicht glaubwürdig eingestuft hatte. Angeklagt sind seit dem 22. Januar 13 Kurden wegen versuchten Mordes. Sie sollen am 31. Mai 2018 einen 20-Jährigen auf einem Hinterhof der Steeler Straße fast totgeprügelt haben, weil dieser ein außereheliches Verhältnis mit einer Frau aus der jetzt angeklagten Familie hatte. Erst durch Rufe einer Anwohnerin waren die Täter verscheucht worden.

"Kronzeuge" fühlte sich von Mitangeklagten hintergangen

„Kronzeuge“ Mehyaddin O. (25) hatte im Ermittlungsverfahren bislang im Sinne der Anklage ausgesagt und war am 8. Oktober nach knapp zwei Monaten U-Haft auf freien Fuß gesetzt worden. In der vergangenen Woche schwächte er aber seinen eigentlichen Tatanteil deutlich ab. So wisse er gar nicht, wie er zum Tatort gekommen sei. Die anderen hätten ihn im Auto mitgenommen. „Ich habe mich noch nie so hintergangen gefühlt“, deutete er eine Art Entführung an. Auch dass er mit dem Handy gefilmt habe, sei eigentlich eine Rettungsaktion gewesen. Er habe durch das Licht mitten in der Nacht Passanten aufmerksam machen wollen.

Seine Glaubwürdigkeit bei Gericht steigerte er so nicht. Die Richter sehen jetzt die Fluchtgefahr wegen Mittäterschaft. Bisher war es bei O. vor allem um die weit niedriger zu bestrafende Beihilfe zum versuchten Mord gegangen.

Videomaterial besser aufbereitet

Am Montag teilte Richter Jörg Schmitt den Prozessbeteiligten zudem mit, dass das Videomaterial technisch aufgehellt worden sei. Die von den Tätern mit dem Smartphone aufgenommenen Bilder zeigen, wie das Opfer mit Messer und Holzlatten malträtiert wurde. Laut Schmitt ist nun viel besser zu erkennen, wer am Tatort anwesend war. Vor diesem Hintergrund fordere er „aus Fairness“ die bislang schweigenden oder verneinenden Angeklagten auf, ihr Aussageverhalten zu überdenken. Schmitt: „Es kann sich jeder überlegen, ob er sich auf den Bildern erkennt.“ Die Anwälte holten sich anschließend die verbesserten Aufnahmen auf der Geschäftsstelle ab.

Wenn das Video erst einmal im Prozess gezeigt worden sei, habe ein Geständnis natürlich nicht mehr einen so großen Wert, sagte Schmitt. Das weitere Programm stellte Schmitt kurz vor. Das Opfer werde gehört und der Film gezeigt. Schmitt sprach auch den Schriftverkehr vor und nach der Tat an: „Und dann haben wir noch WhatsApp, damit wir Sie alle besser kennenlernen.“ Am Donnerstag wird der Prozess fortgesetzt.

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