Prozess

Bluttat nach Libanesen-Hochzeit beschäftigt Justiz weiterhin

Diese Bild zeigt den damals vorsitzenden Richter Andreas Labentz bei einem Prozess am Landgericht Essen Ende 2011. Das Essener Schwurgericht verurteilte die beiden Angeklagten damals zu lebenslanger Haft. Der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil später.

Diese Bild zeigt den damals vorsitzenden Richter Andreas Labentz bei einem Prozess am Landgericht Essen Ende 2011. Das Essener Schwurgericht verurteilte die beiden Angeklagten damals zu lebenslanger Haft. Der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil später.

Foto: Oliver Müller

Gladbeck/Dortmund.  Acht Jahre nach dem ersten Mord beschäftigt die Blutrache zweier Libanesen-Clans weiterhin die Justiz. Der Fall ist für diese kein Ruhmesblatt.

Die Blutrache zweier kurdisch-libanesischer Familienclans beschäftigt immer noch die Strafjustiz. Fast acht Jahre nach dem Mord auf einer Bottroper Libanesen-Hochzeit müssen sich seit dieser Woche am Landgericht Dortmund Vater und Sohn S. aus Gladbeck wegen gemeinschaftlichen Mordversuchs am Oberhaupt des Arnsberger Clans der Familie C. verantworten.

Ein kleiner Justizskandal, an dem immerhin das Landgericht Essen eine löbliche Ausnahme darstellt. Nachdem im Juni 2011 ein Sohn der Gladbecker Familie S. von zwei Brüdern der Arnsberger Familie C. auf der Bottroper Feier hinterrücks erstochen wurde, verurteilte das Essener Schwurgericht die beiden zu lebenslanger Haft. Der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil später. Richter Andreas Labentz hatte im Urteil gerügt, dass viele Zeugen aus den Clans dreist gelogen oder die Wahrheit verschleiert hätten.

Weitere Bluttat überschattet Essener Verfahren

Überschattet wurde die Essener Verhandlung von einer weiteren Bluttat. Mohammad S., der heute 63 Jahre alte Vater des in Bottrop ermordeten Sohnes, soll Blutrache gefordert haben. In einem Telefonat, das die Polizei abgehört hatte, soll er den Tod des Vaters der Arnsberger Brüder C. angeordnet haben. “Schneide ihn gut und lass ihn nicht am Leben”, zeichnete die Polizei als Befehl für den jetzt mitangeklagten Sohn Moussa Y. (38) auf. Das Telefonat mit dem Sohn endete mit einem knappen “Los!”.

Tatsächlich lauerten mehrere Täter dem Majid C. am 8. Februar 2012 in der Nähe des Bielefelder Bahnhofs auf. Sie wussten, dass er in der dortigen Haftanstalt eine Strafe im offenen Vollzug verbüßt. Mehrfach stachen sie auf ihn ein. Obwohl sie laut Anklage annahmen, er sei tot, überlebte er knapp.

Verfeindete Clans, starke Polizeikräfte

20 Monate lang verhandelte das Landgericht Bielefeld gegen Vater und Sohn S. aus Gladbeck. Wie schon im Essener Verfahren sicherten starke Polizeikräfte wegen der verfeindeten Clans das Gericht. Zum Schluss sahen die Bielefelder Richter die Beweise als zu schwach an. Den Sohn sprachen sie frei und entschädigen ihn für die U-Haft. Beim Vater sahen sie nur eine versuchte Anstiftung zum Mord, verurteilten ihn zu lediglich drei Jahren Haft.

Beim BGH hatte das keinen Bestand. Das oberste Gericht bemängelte zu hohe Anforderungen an die Schuldfrage. Hinzu kam, dass das Bielefelder Schwurgericht vor Verhandlungsbeginn eine Richterin versetzt hatte. Dabei hatte es ein wenig verschleiert, dass der wahre Grund das Liebesverhältnis der Richterin zu einem Anwalt aus der Kanzlei des Verteidigers von Mohammad S. war.

Juristische Höchststrafe für das Gericht

Auch das missfiel dem BGH. Es hob das Bielefelder Urteil auf und verwies es an ein auswärtiges Landgericht nach Dortmund. Für Richter gilt das als juristische Höchststrafe, wenn das weitere Verfahren nicht mehr dem eigenen Gericht zugetraut wird.

Dortmund also. Doch der BGH hatte wohl nicht geahnt, dass die Dortmunder Richter dem fremden Verfahren nicht die höchste Priorität einräumen. Die beiden Angeklagten waren nicht mehr in U-Haft, fast vier Jahre blieb es liegen. Thomas Jungkamp, Sprecher des Dortmunder Landgerichts: “In dieser Zeit hatten immer Haftsachen Vorrang.”

43 Sitzungstage plant die Kammer

Jetzt hat die 37. Strafkammer unter Vorsitz von Richter Matthias Röcker dem Verfahren viel Zeit eingeräumt, 43 Verhandlungstage sind bisher geplant. Und an den ersten beiden Sitzungstagen ging es um Anträge der Verteidiger.

Sicherheitsvorkehrungen sind in Dortmund, anders als in Bielefeld und Essen, nicht zu erkennen. Im Zuhörerraum sitzen auch nur zwei Libanesen. Ein Verteidiger: “Offenbar haben die Familien sich mittlerweile wieder vertragen."

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