Pandemie

So gefährlich ist das Coronavirus für jüngere Menschen

Coronavirus: "Hi, wir sind's. Die Risikogruppe."

Nicht nur alte Menschen gehören zur Risikogruppe beim Coronavirus. Auch sehr viele junge Menschen: jene mit Erkrankungen und Behinderungen. Wie sie auf ihre Situation aufmerksam machen.

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Berlin.  Auch Teenager und Heranwachsende können nach einer Infektion mit dem Coronavirus schwer an Covid-19 erkranken. Doch woran liegt das?

Als Julie vergangene Woche stirbt, ist sie 16 Jahre alt. Die Französin hat die Infektion mit dem Coronavirus nicht überlebt – obwohl sie laut ihrer Mutter vorher kerngesund war und sie nicht zur Risikogruppe für einen schweren Verlauf der Lungenerkrankung Covid-19 gehörte. Genauso soll es bei der 21-jährigen Chloe aus Großbritannien gewesen sein – gesund, keine Vorerkrankung.

Und in den USA ist laut Medienberichten ein Baby nach der Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben, die genauen Umstände werden derzeit untersucht. Aus Belgien kam am Dienstag die Meldung, dass eine 12-Jährige gestorben sei. „Das ist ein sehr seltener Fall, aber er erschüttert uns sehr“, sagte der für die Corona-Pandemie zuständige Behördensprecher am Dienstag in Brüssel. Demnach hatte das Kind zuvor drei Tage lang Fieber gehabt.

Stimmt es also nicht, dass es vor allem die älteren Menschen und jene mit Vorerkrankungen sind, denen das Virus gefährlich werden kann?

Auch jüngere, gesunde Menschen können an Covid-19 sterben

Die Experten werden jedenfalls nicht müde zu betonen, dass auch jüngere Menschen nicht vor einem Risiko für einen schweren Verlauf gefeit sind. Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, sagte in der vergangenen Woche: „Es gibt auch jüngere und gesunde Menschen, die an Covid-19 sterben können.“ Das passiere selten, aber es könne eben passieren.

Auch Adhanom Ghebreyesus, Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wandte sich mit einer Botschaft an die jungen Leute: „Ihr seid nicht unbesiegbar.“ Die Zahlen geben ihnen recht. Es gibt zwar nur wenige Todesfälle in den jüngeren Altersgruppen, aber es gibt sie. Auch in Deutschland.

Das RKI hat Daten von 389 Todesfällen, die zwischen dem 9. und 29. März an das Institut gemeldet wurden, nach Altersgruppen aufgeschlüsselt (s. Grafik). Die überwiegende Mehrheit – 250 Fälle – waren 80 Jahre oder älter. 89 Todesfälle entfielen auf die Altersgruppe der 70- bis 79-Jährigen. Fünf Tote erfasste das RKI in der Gruppe der 40- bis 49-Jährigen und einen in der Altersgruppe 20 bis 29 Jahre.

Lunge eigentlich robust gegen Erreger – bis zu einem gewissen Punkt

Überraschend sei das für ihn nicht, sagt Professor Klaus Rabe, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und selbst Lungenarzt. „Primär fällt natürlich auf, dass ältere und gebrechliche Menschen mit der Infektion besonders schlecht zurechtkommen“, so Rabe. Gucke man dann jedoch genauer hin, sehe man von China über Iran bis hin zu Italien, Spanien und Deutschland: Das sind gar nicht nur die Älteren.

„Und genau das kennen wir auch von anderen Infektionen, zum Beispiel bei der Influenza“, erklärt Rabe, der seit Jahrzehnten als Lungenarzt arbeitet. „Immer wieder erleben wir in unserem klinischen Alltag junge Menschen, denen wir nicht mehr helfen können.“ Auch an bakteriellen Lungenentzündungen würden jedes Jahr junge, gesunde Menschen sterben – „und wir wissen nicht, warum“.

Ganze Forschungsnetzwerke würden sich diesem Thema widmen. Bei Sars-CoV-2 komme hinzu, dass der Erreger für den Körper bislang ein Unbekannter sei, betont Rabe. „Das Immunsystem konnte sich bislang nicht auf einen Angriff vorbereiten.“

Grundsätzlich ist die Lunge sehr gut in der Lage, mit krank machenden Erregern klarzukommen, sagt der Pneumologe. Jeden Tag sei er mit ihnen konfrontiert. „Dann gibt es aber einen Punkt, da geht es nicht mehr. Wir sprechen dabei vom Schwellenphänomen“, erklärt Rabe. Dann könne die Lunge den Infekt nicht mehr kontrollieren, „und an zu vielen Stellen im Körper gibt es Brände“. Irgendwann ergibt sich der Organismus diesem Angriff der Viren.

Manchmal sind Betroffenen Vorerkrankungen nicht bekannt

Eine Hypothese, warum auch junge Menschen einen schweren Verlauf zeigen, stellt Christian Drosten von der Berliner Charité auf. Es sei denkbar, sagte er im NDR-Podcast, dass Menschen direkt eine hohe Dosis Viren aus der Luft in die Lunge einatmen. Die Infektion gehe dann nicht wie bei den meisten Betroffenen im Hals los, sondern direkt in der Lunge. „Dann ist es mehr so wie damals bei dem schweren Sarsvirus“, erklärte Drosten.

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Sitzt das Virus also zunächst im Rachen, hat das Immunsystem bereits einen gewissen Vorsprung, bevor der Erreger in die Lunge wandert. Die Abwehrmaschinerie läuft schon. Drosten betont jedoch, dass dies lediglich eine wissenschaftliche Hypothese sei.

Warum die Infektion mit dem Coronavirus die meisten jungen Menschen nicht so hart trifft, einige wenige aber schon, ist also bislang oft gar nicht klar. Ein Grund könnten aber Vorerkrankungen oder andere Risikofaktoren sein, von denen die Betroffenen vielleicht bislang gar nichts wussten. So diagnostizierten Ärzte bei dem 21 Jahre alten spanischen Fußballtrainer Francisco Garcia kurz vor seinem Tod an Covid-19 eine Leukämie – sein Immunsystem war also geschwächt, der Erreger hatte leichtes Spiel.

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Körperliche Anstrengung kann Ausbreitung ermöglichen

Oder der sogenannte Patient eins in Italien: Das Leben des 38 Jahre alten Mannes, der in den Medien als kerngesund und ausgesprochen sportlich bezeichnet wurde, hing an einem Beatmungsgerät. Inzwischen konnte er das Krankenhaus verlassen, doch fast drei Wochen lang wurde der Mann künstlich beatmet.

Mediziner erklären die Schwere dieses Verlaufs mit dem „Open-Window-Effekt“: Nach besonders großer körperlicher Anstrengung ist das Immunsystem kurzzeitig geschwächt und ermöglicht es Er­regern, sich auszubreiten. Der 38-Jährige, den die Medien nur Mattia nennen, war im Februar zwei Halbmarathons gelaufen und hatte später noch mit Fieber Fußball gespielt.

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Man dürfe die Rolle von Risi­kofaktoren auch bei jungen Menschen nicht unterschätzen, betont Rabe. Einer dieser Faktoren sei etwa Diabetes. „Auch könnte, nach jetzigem Stand des Wissens, Übergewicht eine Rolle für den Verlauf spielen“, so der Pneumologe. Eine offene Frage sei, ob auch Rauchen einen Einfluss auf den Krankheitsverlauf hat. Klaus Rabes Botschaft an junge Menschen: „Bitte, bitte seid vernünftig und haltet euch an die Hygieneregeln!“

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