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Carpendale: Political Correctness ist ein großes Problem

Howard Carpendale auf der Dachterrasse des Hotels Bayerischer Hof in München.

Howard Carpendale auf der Dachterrasse des Hotels Bayerischer Hof in München.

Foto: ddp

Berlin.  Howard Carpendale hat ein neues Album veröffentlicht. Wir sprachen über politische Korrektheit, Karrierepausen und das Älterwerden.

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Howard Carpendale hat mit „Symphonie meines Lebens“ sein 37. Album auf den Markt gebracht. Claudia Böhm traf den 73-Jährigen, um über die Entstehung des neuen Werks und seine Pläne zu sprechen.

Mit Ihrem neuen Album ist Ihnen etwas Außergewöhnliches gelungen. War es Ihnen wichtig, sich musikalisch wieder neu zu erfinden?

Howard Carpendale: Ich versuche schon mein ganzes Leben lang, immer wieder etwas Neues und Außergewöhnliches zu machen. Nur in Deutschland heißt es ja gerne, dass man sich als Künstler immer treu bleiben muss. Aber das würde für mich Stillstand bedeuten, weil es nirgendwo hinführt.

Viele Künstler machen seit 20 Jahren die gleiche Musik, den gleichen Sound und den gleichen Rhythmus. Das wäre für mich ein Grund, mit dem Singen aufzuhören, denn dazu hätte ich keine Lust. Man muss einfach verschiedene Dinge ausprobieren. Und bei diesem Album mit dem großartigen Orchester war mir einfach klar, dass ich so eine Gelegenheit nur einmal im Leben bekomme. Ich sage zwar jedes Mal „Das ist meine beste Platte“, aber diese Platte ist wirklich das Persönlichste, das mir jemals gelungen ist.

Auf dem Album sind Patricia Kelly und Cliff Richard Ihre Duett-Partner. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Carpendale: Als ich 13 Jahre alt war, habe ich Cliff Richard zum ersten Mal in Südafrika gesehen. Er war der erste Rockstar, den ich überhaupt gesehen habe. Er kam gleich an zweiter Stelle nach Elvis Presley und war ein echter Rock’n-Roller. Auch wenn er in Deutschland durch Songs wie „Rote Lippen“ bekannt war. Das ich nach so vielen Jahren jetzt mit ihm zusammen singen konnte, war eine Ehre für mich. Nicht nur, dass dieser Mann mir zugesagt hat, sondern auch seine eigenen Ideen mit einbrachte. Ich finde es unglaublich, dass ein Weltstar von seinem Format meinen Titel mitsingt.

Haben Sie studiert, was andere Menschen erfolgreich macht?

Carpendale: Mein ganzes Verhältnis zu Elvis Presley war zum Beispiel ein einziges Studium. Ich habe ganz genau verfolgt, wie sein Manager Colonel Parker mit ihm umgegangen ist. Der wusste genau, was zu tun war. Und ich war meiner Meinung nach der erste Künstler in Deutschland, der kapiert hat, wie wichtig es ist, sich auch mal rar zu machen. Als ich 1983 gesagt habe, dass ich ein Jahr Pause mache, da hieß es überall „Das ist das Ende Deiner Karriere! Du kannst nicht einfach ein Jahr verschwinden“. Aber ich habe geantwortet „Doch, kann ich“. Heute macht man vier Jahre Pause, kommt und geht wieder, wie Grönemeyer.

Gibt es eigentlich auch Dinge, die Ihnen Angst machen?

Carpendale: Dummheit macht mir Angst. Wir leben in einer Zeit, wo wir unsere Werte verloren haben, weil wir zu den falschen Leuten aufgeschaut haben: zu den VWs dieser Welt, der Deutschen Bank, Boeing. Das ist übrigens ein Thema, das mich wahnsinnig bewegt. Hunderte von Menschen mussten sterben, weil Boeing eine Maschine wie die 737-Max einfach fliegen ließ, obwohl bekannt war, dass es riskant ist. Hier geht Profit über Menschenleben. Dabei leben wir Menschen vom Vertrauen. Das ist so wichtig, aber leider ist die Lüge heutzutage Mode geworden. Das ist nicht gut.

Sie sind einer der wenigen Künstler, die so etwas öffentlich ansprechen.

Carpendale: Es ist mir bewusst, dass das ein Spagat ist, aber was ist das für ein Leben, wo man nicht sagen kann, was man wirklich fühlt und denkt? Natürlich muss man positiv sein, aber die Political Correctness ist ein ganz großes Problem, weil wir deswegen auch nicht mehr ehrlich zueinander sein können.

Das Leben ist endlich. Macht Ihnen die Tatsache, dass die Zukunft immer kürzer wird, manchmal Kopfzerbrechen?

Carpendale: Nein, es hätte für mich keine Lebensqualität, wenn ich dauernd über solche Dinge nachdenken würde. Ich weiß, dass es mich in der nächsten Minute erwischen kann, und hoffe, dass mein Leben nicht noch 25 Jahre dauert. Das sage ich Ihnen ganz ehrlich.

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Und warum nicht? Sie sind doch fit und gut drauf.

Carpendale: Solange ich gut drauf bin, soll es ja auch weitergehen. Aber ich habe keine großen Ambitionen, die 100 zu erreichen.

Hatten Sie sich das Älterwerden eigentlich so vorgestellt?

Carpendale: Darüber mache ich mir überhaupt keine Gedanken. Aber ich weiß, wie junge Menschen normalerweise mit älteren Menschen umgehen. Sie bringen ihnen großen Respekt entgegen. Aber meinem Team ist das völlig egal, die machen mit mir was sie wollen (lacht). Mir ist das aber auch ganz recht, weil es mich jung hält. Würde ich immer wie ein älterer Herr behandelt, würde ich mich auch bedanken.

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