Kulturerbe

Brieftauben – Fliegende Boten mit einem Geheimnis

Das sogenannte Heimfindevermögen trainieren sich Brieftauben selbst an.

Das sogenannte Heimfindevermögen trainieren sich Brieftauben selbst an.

Foto: iStockphoto/suriya silsaksom / iStockphoto

Berlin  Das Brieftaubenwesen wird kein Unesco-Kulturerbe. Für die Forschung bleibt die Brieftaube spannend. Denn ein Rätsel ist nicht gelöst.

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Es heißt, der amerikanische Täuberich G. I. Joe habe 1943 während des Zweiten Weltkriegs das Leben Tausender Zivilisten und Soldaten gerettet. Als kein Funk, kein Radio mehr funktionierten, legte er 32 Kilometer in 20 Minuten im Flug zurück, überbrachte im letzten Moment eine entscheidende militärische Botschaft und verhinderte so den Luftangriff der US-Armee auf die italienische Stadt Clavi Vecchia.

Die Heldengeschichte von G. I. Joe ist lange her, der Held selbst starb 1961. Auch der Einsatz von Brieftauben beim Militär ist beinahe überall Geschichte. Doch Brieftaubenzüchter auf der ganzen Welt erzählen noch heute von dem amerikanischen Täuberich.

Verband der Deutschen Brieftaubenzüchter verliert Mitglieder

Auch Horst Menzel. Er ist Ehrenpräsident des Verbands der Deutschen Brieftaubenzüchter und sagt: „Wir brauchen ein besseres Image in der Bevölkerung.“ Denn die Zahl der Mitglieder in Menzels Verband, dem größten in Deutschland, geht immer weiter zurück. Waren es 2012 noch mehr als 41.000, sind es heute weniger als 31.000. Auch die Zahl der registrierten Brieftauben ist von 2,4 Millionen im Jahr 2012 auf 1,7 Millionen in diesem Jahr gesunken.

Menzels Hoffnung ruhte eigentlich auf einer Entscheidung der Unesco-Kommission und der Kultusministerkonferenz. Es ging um die Frage, ob das Brieftaubenwesen in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen wird. Seit Dienstag ist klar: Das Expertenkomitee hat sich gegen die Aufnahme entschieden.

Zwar würdigte es den Vorschlag als spezifisches Wissen über die Natur, das durch eine engagierte Trägerschaft gepflegt, gelebt und weitergegeben werde, jedoch seien in der Bewerbung gesellschaftliche Kontroversen um Tierhaltung und –nutzung nicht thematisiert worden, hieß es in der Begründung der Unesco-Kommission. Eine erneute Bewerbung sei jedoch nicht ausgeschlossen.

Sie mag Autobahnen und meidet Wälder

Nicht nur kulturgeschichtlich spielt die Brieftaube seit Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland eine wichtige Rolle. Auch Wissenschaftler interessieren sich für die Tiere, die bereits in der Antike für Botenflüge eingesetzt wurden. Denn die alles entscheidende Frage ist bis heute nicht beantwortet: Wie findet die Brieftaube ihren Weg nach Hause? Woher wusste G. I. Joe, wohin er fliegen musste?

Diese Frage treibt auch Professor Hans-Peter Lipp seit Jahrzehnten um: „Jeder hat seine eigene Meinung zu dem Thema. Aber das Rätsel ist bis heute nicht gelöst.“ Lipp leitete bis Mitte der 90er-Jahre den militärischen Brieftaubendienst der Schweiz. Später suchte er an der Universität Zürich nach einer Lösung des Rätsels und wurde dabei Anhänger einer Theorie, die bis heute nur wenige Unterstützer hat.

Wie die Brieftaube sich während ihres Fluges orientiert, wie also ihr Kompass funktioniert, ist recht gut erforscht. Sonnenstand, die Stärke des Erdmagnetfeldes aber auch topografische Strukturen wie Flüsse, Berge oder Städte helfen den Vögeln, ihre Richtung zu halten. Sie mögen Autobahnen, sie meiden geschlossene Waldgebiete.

Taubenzüchter Horst Menzel sagt: „Tauben sind Opportunisten. Sie orientieren sich eben an dem, was sie finden können: Sonne, Sterne, Landschaft.“ Woher die Taube beim Start aber weiß, wo sie sich selbst im Verhältnis zu ihrem Zuhause befindet, und wie sie entsprechend die Richtung zu ihrem Ziel bestimmt, das ist bis heute ungeklärt. Diesen sogenannten Kartensinn hat sie selbst dann, wenn sie unter Narkose an einen ihr unbekannten Ort verfrachtet worden ist.

Geruch könnte bei der Orientierung helfen

Zwei Haupttheorien zum sogenannten Heimfindevermögen gibt es: Die eine geht davon aus, dass Tauben ihre Position anhand geomagnetischer Informationen bestimmen. „Damit kann sie aber nur ihre Position auf der Nord-Süd-Achse bestimmen“, sagt Lipp. Bei der Festlegung der Ost-West-Position hätte die Taube aber Probleme.

Die zweite Theorie sieht einen Zusammenhang mit dem Geruchssinn der Tiere. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Brieftauben große Schwierigkeiten mit der Orientierung haben, wenn man diesen Sinn ausschaltet.

„Die Grundidee ist, dass es in der Atmosphäre Konzentrationen von Geruchsstoffen gibt, die die Tauben wahrnehmen. Die vergleichen sie mit dem Geruchsmuster von Zuhause und bestimmen so ihre Heimkehrrichtung“, erklärt Lipp. Doch auch hier ist er skeptisch. Denn diese Geruchsmuster würden sich ständig verändern.

Physiker: Taube auf einen Gravitationspunkt gepolt

Er selbst findet eine dritte Theorie reizvoll, die der ukrainische Physiker Valerii Kanevskyi aufgestellt hat. Der habe gesagt, das sei alles ganz einfach: Die Taube wird per Geburt auf einen Gravitationspunkt gepolt.

„Tauben könnten also ein System besitzen, mit dem sie sich die Richtung der Schwerkraft an ihrem Geburtsort in den ersten Lebenswochen einprägen“, sagt Lipp. Mithilfe dieses Systems könnten die Tauben dann aus jeder Position die Richtung und die Distanz nach Hause bestimmen.

Die erste Brieftaube mit zwölf Jahren

Wie sich seine 80 Tauben orientieren, weiß auch Horst Menzel nicht. Aber diese Fähigkeit, den heimischen Schlag scheinbar mühelos wiederzufinden, fasziniert ihn seit seiner Kindheit, als er sich mit zwölf Jahren für fünf Mark seine ersten zwei Tauben gekauft und in einem alten Hühnerstall untergebracht hat.

„Mit acht bis zwölf Wochen beginnen die jungen Tauben, wegzufliegen“, erzählt er. Stundenlang seien sie weg und kehrten dann irgendwann wieder in ihren Schlag zurück. „Sie trainieren ihr Heimfindevermögen ganz von alleine.“

Nach und nach werden die Tiere auf längere Distanzen trainiert. Erst fünf, dann zehn, schließlich 15 Kilometer. Am Ende der Saison, spätestens Mitte September, fliegen die jungen Tauben dann Strecken von bis zu 240 Kilometern. Ältere Tauben legen während ihrer Distanzflüge sogar bis zu 500 Kilometer zurück. Tierschützer kritisieren diese langen Strecken.

Die Tauben müssten Distanzen zurücklegen, die sie an ihre Leistungsgrenzen brächten, schreibt etwa der Deutsche Tierschutzbund in einem Brief an den Vize-Präsidenten der Deutschen Unesco-Kommission. Außerdem stellten hohe Temperaturen zum Zeitpunkt des Starts und während des Transports eine Extrembelastung dar. Da viele Tauben diesen Bedingungen nicht gewachsen seien, würden viele gar nicht erst am Ziel ankommen.

Nicht auf Gedeih und Verderb an ihren Schlag gebunden

Menzel und Lipp kennen die Argumente der Tierschützer seit einigen Jahrzehnten. „Es wird sehr viel Lärm darum gemacht, dass so viele Tauben verloren gehen“, sagt Lipp. Dabei hätten Untersuchungen gezeigt, dass die Gründe für ein Fernbleiben der Vögel Angriffe durch Greifvögel seien, oder „die Tauben lassen sich woanders nieder, zum Beispiel um einen Schlafplatz zu suchen“, sagt der Biologe.

„Die Taube ist nicht auf Gedeih und Verderb an ihren Schlag gebunden.“ Nach fünf bis sieben Tagen schwinde ihre Heimkehrmotivation.

Probleme mit Tierschützern

Horst Menzel sagt, er und sein Verband hätten schon viele Gespräche mit Tierschützern geführt und in den letzten Jahren einiges verändert: Die Reisen zu den Distanzflügen fänden in speziellen Wagen statt, klimatisiert und mit ausreichend Platz für jede Taube. Die Witterungsbedingungen würden vorher von einem meteorologischen Dienst genau geprüft.

Dennoch sei es schwierig junge Menschen für das Brieftaubenwesen zu begeistern. „Wir sind überaltert. Unser Image ist altbacken“, sagt der Züchter. Dabei könne von altbacken gar keine Rede sein. Es sei die Beschäftigung mit einem faszinierenden Tier.

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