Gewalt

Wie ein brutaler Knöllchenstreit ein Polizistenleben änderte

Alexander Z. ist seit dem vergangenen November wieder als Polizist im Dienst. Los lassen wird ihn der brutale Vorfall aus dem Jahr 2016 aber nie: Weil er einem Mitarbeiter des Ordnungsamtes zu Hilfe kam, wurde er mit einem Werkzeug niedergeschlagen.

Alexander Z. ist seit dem vergangenen November wieder als Polizist im Dienst. Los lassen wird ihn der brutale Vorfall aus dem Jahr 2016 aber nie: Weil er einem Mitarbeiter des Ordnungsamtes zu Hilfe kam, wurde er mit einem Werkzeug niedergeschlagen.

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Düren.  Wegen eines Knöllchens wurde dem Polizisten Alexander Z. 2016 ein Radmutternschlüssel ins Gesicht geschlagen. Die Folgen spürt er bis heute.

Hauptkommissar Alexander Z. wollte eigentlich gerade Feierabend machen, an jenem 12. November 2016. Ein Samstag, er freut sich schon auf den „Kölschen Abend“ in der Dürener Festhalle, den er später besuchen möchte. „Wir standen schon vor der Schranke der Wache, als über Funk der Einsatz in der Scharrnstraße kam“, erinnert sich der 39-Jährige heute: „Ein Mitarbeiter des Ordnungsamts wurde massiv bedroht, weil er Knöllchen verteilte. Da haben wir nochmal gewendet und sind hingefahren.“ Eine Entscheidung, die Alexander Z. beinahe sein linkes Auge gekostet hätte.

Großfamilie beschimpfte Polizisten direkt

In der Straße angekommen, werden Z. und seine Kollegin direkt beschimpft. „Scheiß Bullen, verpisst euch, das ist unsere Straße“, schallt ihnen entgegen. Die türkische Großfamilie S. lebt dort, beansprucht die Straße für sich. Das Knöllchen, das den sinnlosen Streit auslöst, gilt dabei nicht einmal einem Wagen der Familie S. „Die wollten nur das Ordnungsamt nicht in ihrer Straße haben“, weiß Z. heute. Er bleibt gelassen.

Der Hauptkommissar war lange Streifenpolizist in Düsseldorf-Oberbilk, wurde von Junkies mit Drogenspritzen bedroht, ein Bodybuilder wollte ihn mal mit einer Hantel bewerfen. Der Polizist will die Personalien der Familie aufnehmen, um eine Anzeige wegen Bedrohung und Beleidigung zu schreiben. Als niemand seine Papiere herausrückt, lösen Z. und seine Kollegin einen der Söhne aus der Gruppe heraus, wollen ihn an einer Hauswand durchsuchen. „Ich habe dann aus dem Augenwinkel gesehen, wie der Vater mit einem Radmutternschlüssel in der Hand auf uns zu kam“, schildert der Polizist.

Über Vorfall wird bundesweit als „Knöllchenstreit“ berichtet

Als Routinier reagiert er schnell, greift zum Pfefferspray, setzt den Vater damit außer Gefecht. Es kommt zu einem Handgemenge. Die Söhne rasen, weil ihr Familienoberhaupt angegriffen wurde. Der 28-jährige Gabriel S. greift sich schließlich das Werkzeug, das sein Vater im Eifer des Gefechts fallen ließ, und schlägt Alexander Z. mit voller Wucht ins Gesicht. „Ich bin sofort zu Boden gegangen, wurde dort noch weiter getreten. Irgendwann konnte ich mich dann auf allen vieren auf die andere Straßenseite schleppen“, erzählt Z. weiter. Mittlerweile sind weitere Polizisten hinzugekommen, immer mehr Mitglieder der Großfamilie strömen auf die Straße. Am Ende des Vorfalls, über den bundesweit als „Knöllchenstreit“ berichtet wird, sind mehrere Beamte verletzt, einer von ihnen – Einsatzleiter Alexander Z. – schwer.

Er wird mit einem Rettungswagen ins nur wenige hundert Meter entfernte Krankenhaus gebracht, lässt sich noch am gleichen Abend aus Furcht vor der Familie in ein anderes Krankenhaus verlegen. Die Ärzte diagnostizieren eine „Orbitabodenfraktur“, die linke Augenhöhle von Z. ist zertrümmert. Als er damals im Krankenhaus das erste Mal in den Spiegel schaut, habe er weinen müssen, erzählt der Hüne mit dem breiten Kreuz, den bis dato nichts aus der Ruhe brachte.

Polizist kämpft mit Schlafstörungen und Posttraumatischer Belastungsstörung

Wenig später operieren ihn die Spezialisten der Aachener Mund-Kiefer-Chirurgie. „Danach hatte ich lange starke Gleichgewichtsstörungen, habe Bilder doppelt gesehen“, sagt Z. Der Gleichgewichtssinn kommt nach zwei quälend langen Monaten wieder. Von der OP am Auge ist irgendwann kaum noch etwas zu sehen. Die Schlafstörungen aber sind geblieben, Z. ist noch immer wegen posttraumatischer Belastungsstörungen in Behandlung. Auch der langwierige Prozess vor dem Aacher Landgericht habe ihn belastet, „da musste ich mich vor den Strafverteidigern für mein Verhalten noch rechtfertigen“, ist Z. bis heute fassungslos. Sein Peiniger, Gabriel S. wird schließlich zu vier Jahren Haft verurteilt, sein Bruder zu einer Bewährungsstrafe.

Ob das gerecht sei? „Ich war mit dem Urteil zufrieden“, sagt Z., „aber ich würde heute nicht mehr in Düren arbeiten wollen.“ Er hat sich in eine andere Polizeibehörde versetzen lassen, ist seit vergangenem November wieder im Dienst. „Als ich die Uniform angezogen habe, hat sich das sofort wieder richtig angefühlt“, sagt er. Das habe er auch der Polizeistiftung NRW zu verdanken. „Dank ihr konnte ich den gesamten Vorfall aufarbeiten“, sagt Z. Die Stiftung ermöglichte ihm einen Urlaub in Bayern, um Abstand zum Geschehen zu gewinnen. Auch seiner Dienstgruppe in Düren wurde ein Tag finanziert, um über das Erlebte zu sprechen.

Los lassen wird dieser 5. November den Polizisten dennoch nie. „Mit so einer Gewalt rechnest du nicht, auch als Polizist nicht.“

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