Messerattacke

Attentat von Altena: Angreifer fühlte sich "ganz unten"

Foto: MATTHIAS GRABEN

Hagen/Altena.   Zum Prozessauftakt zur Messerattacke auf den Bürgermeister von Altena spricht nur der Anwalt des Angreifers. Er berichtet vom privatem Unglück.

Drei DIN-A4-Blätter. Sie sollen erklären, warum es so kam, wie es für Werner S. gekommen ist. Der 56-Jährige aus Altena sitzt seit Dienstagmorgen auf der Anklagebank. Im Saal 201 des Landgerichts Hagen muss sich der arbeitslose Maurer für seine Tat verantworten.

Mit einem Küchenmesser geht er am 27. November, es ist ein Montagabend, um 19.50 Uhr auf Altenas Bürgermeister Andreas Hollstein (CDU) los. Die Klinge ist 22 Zentimeter lang. So laut wie der Angeklagte in dem Döner-Imbiss „City Döner Pizza“ brüllt „Ich steche dich ab. Du lässt mich verdursten und holst 200 Ausländer“, so leise ist er zum Prozessauftakt.

Nach Messer-Attacke von Altena: Angeklagter lässt Erklärung verlesen

Werner S. schweigt. Auch auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Jörg Weber-Schmitz lässt er sich zu keiner Äußerung bewegen. Sein Verteidiger Michael Aßhauer aus Hagen übernimmt den Part. Er verliest die anfangs erwähnte Erklärung seines Mandanten.

So erfahren die insgesamt 16 Medienvertreter im Saal mehr aus seinem Leben. Er stammt aus Hagen-Boelerheide, die Mutter ist Hausfrau, der Vater Fernfahrer. Zur Familie gehören noch Bruder und Schwester. Keine besonderen Vorkommnisse in der Kindheit. Grundschule, Hauptschule, Ausbildung zum Maurer, 15 Monate Bundeswehr.

Frau brennt mit dem besten Freund durch

Im September 1989, er ist 27 Jahre alt, heiratet er. 1997 zieht er nach Altena, kauft mit seiner Frau ein Haus. „Meine Ehefrau trennte sich von mir etwa im Jahr 2000, weil sie noch während der Ehezeit eine andere Beziehung einging“, liest der Verteidiger weiter, „zu meinem Leidwesen ist sie damals mit meinem besten Freund zusammengekommen.“

Im April 2017 kündigt seine Firma nach 19 Jahren das Arbeitsverhältnis. Zuletzt verdient er dort 1600 Euro netto. Er leidet an Depressionen, sieht sich nicht in der Lage, Arbeitslosengeld zu beantragen. Ein dreimonatiger Klinikaufenthalt im Herbst des Jahres soll Linderung bringen. Die Kosten für die Unterhaltung des Hauses kann er nicht mehr aufbringen, sein Darlehen wird gekündigt, das Haus steht vor der Zwangsversteigerung. „Über den derzeitigen Stand ist mir nichts bekannt“, heißt es in dem Papier. Auch wird ihm das Wasser abgestellt, weil er die Rechnungen nicht bezahlt hat.

Mann muss sich sein Wasser vom Friedhof holen

„Ich war insofern gezwungen, mir täglich Wasser vom Friedhof zu holen. Diese Umstände haben mich immer depressiver werden lassen.“ Sein Anwalt Aßhauer kommentiert das im Gespräch mit dieser Zeitung noch drastischer: „Das war eine zusätzlich erniedrigende Situation. Er fühlte sich ganz, ganz unten in der Gosse. Ein völlig armer Kerl.“

Die Einzelheiten der Tat seien ihm nicht mehr erinnerlich, lässt der Angeklagte verlesen. Er weiß, dass er zwei Stunden vor Verlassen des Hauses eine halbe Flasche Scotch getrunken habe, vermischt mit Wasser. Bei der Tat soll er 1,2 Promille im Blut gehabt haben. „Ich wollte mir einen Döner holen.“ Das Küchenmesser in seiner Umhängetasche hat er nach eigenem Bekunden immer dabei, „weil ich insgesamt auf Grund meiner Depressionen Angst vor Menschen im Allgemeinen habe“.

Angreifer: "Ich bin nicht ausländerfeindlich"

Zu seinem Motiv sind diese Sätze zu hören: „Ich wollte ihm ausschließlich das Messer an den Hals setzen, damit er spürt, wie es ist, wenn man nicht mehr weiß, wie man weiterleben kann. Meine Absicht war ausschließlich, dass der Bürgermeister so wie ich Angst um seine Existenz verspürt.“

Mehr als einmal betont er „nicht ausländerfeindlich gesinnt zu sein“. Er sei schon mehrfach in dem Döner-Imbiss gewesen, auch habe er hin und wieder ein griechisches Lokal in der Stadt besucht. „Meine Tat war keinesfalls politisch motiviert“, lautet der Schlusssatz nach 14 Minuten.

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