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Corona: Klopapier als Indikator für die Heile Welt

Monika Willer

Monika Willer

Foto: Michael Kleinrensing / WP Michael Kleinrensing

Hagen  In der Corona-Isolation kommt Omas vergessenes Wissen zu neuen Ehren: Vielleicht sollte man ein paar Saatkartoffeln setzen, nur für alle Fälle.

Hochmut kommt vor dem Fall. Wer hat die ganze Zeit über Klopapier-Panikkäufer gelästert, auch an dieser Stelle, in dem wohligen Bewusstsein, dass noch eine Jumbopackung im Keller liegt? Wer hat sich vertan und sitzt nun auf den letzten acht Rollen? Da gerät die Mutti schon ins Grübeln. Obwohl die Papier-Fabrik nur 70 Kilometer entfernt ist, findet seit drei Wochen keine Palette den Weg in unser schönes Bergstädtchen. Zum ersten Mal müssen die Generationen, die nach 1960 geboren wurden, erfahren, dass nicht alles jederzeit verfügbar ist. Die Klopapierkrise wird zum Symbol für unsere nationale Fähigkeit, Extremsituationen auszuhalten.

Ansonsten hat Omas Kriegswissen plötzlich Konjunktur. Wir Hausfrauen tauschen auf Facebook Tipps für das Backen ohne Weißmehl (mit Puddingpulver, mit Quark), für das Desinfizieren im Haushalt ohne gekaufte Chemie (mit Essigessenz) und für das Selbermachen von Trockenhefe (Dinkel- und Roggenmehl waren noch zu kriegen).

Ein Discounter bewirbt über Nacht patentierte Pflanztöpfe für die Kartoffelernte auf dem kleinen Balkon. Die Botschaft ist eindeutig. Damit käme man zwar nicht über den Winter, aber es hat vielleicht etwas Beruhigendes, jetzt Saatkartoffeln zu erwerben. Begehrt sind auch Omas Ratschläge zur Vorratshaltung, die sechzig Jahre lang vergessen wurden.

Wie hält man Mäuse vom Müsli fern?

Bei mir stellt sich weniger das Problem, wo ich nun die Reservepackungen Reis und Müsli verstauen soll, denn ich verfüge über einen Keller. Allerdings hat es vor Jahren mal eine Mäusefamilie geschafft, dort einzudringen und sämtliches Knabberzeug zu vernichten. Deswegen ist Vorsicht die Mutter der Vorratskiste. Also habe ich alle im Haushalt verfügbaren Oskar-Tonnen mit Deckeln zur Lagerhaltung zweckentfremdet.

Theater Hagen näht 1000 Atemschutzmasken für KrankenhausDie Angst vor einer drohenden Not lehrt einen neuen Respekt vor Lebensmitteln. Wegwerfen war gestern. Zum Beispiel die Bananen. Die werden bei mir jetzt schwarz, weil ich sie nicht mehr mit zur Arbeit nehme, ich bin ja im Homeoffice, und da gibt es Mittagessen statt Snackpause. Also traue ich mich zum ersten Mal in meinem Leben an Banenenbrot, und zwar mit Haferflocken, weil das Weißmehl alle ist. Schmeckt gesund.

Brot ist sowieso wichtiger als Hygieneartikel. Es gibt ja Wasser. Trotzdem: Die Corona-Krise wird als das historische Jahr in die Geschichtsbücher eingehen, in dem Klopapier zum Indikator dafür wurde, ob die Dinge wieder in Ordnung kommen.

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