Medizin

Wie radioaktive Strahlung im Kampf gegen Krebs hilft

Nuklearmediziner wie Lutz Freudenberg nutzen radioaktive Substanzen zum Beispiel, um Schäden durch Rheuma zu entdecken.

Nuklearmediziner wie Lutz Freudenberg nutzen radioaktive Substanzen zum Beispiel, um Schäden durch Rheuma zu entdecken.

Foto: jochen rolfes photographer

Berlin  Radioaktive Strahlung kann krank machen, sie kann aber auch heilen. Nuklearmediziner nutzen sie, um Tumore zielgerichtet zu behandeln.

Wir sind von Strahlen umgeben. Sie gelangen in energiereicher Form aus dem Weltraum zu uns und auch unsere Umwelt strahlt – zum Beispiel in Form von radioaktiven Gesteinen. Doch Strahlung wird seit Jahrhunderten auch erfolgreich in Therapien eingesetzt: In Radonheilbädern baden die Kurgäste in Wasser, das schwach mit dem radioaktiven Edelgas Radon versetzt ist.

Sie trinken oder inhalieren es, unter anderem, um ihr Immunsystem gegen Gelenkleiden zu stärken. In der Strahlentherapie hingegen werden Tumore immer zielgenauer ins Visier genommen, um sie zu zerstören. Und als zukunftsweisend in Diagnostik und Therapie gilt die Nuklearmedizin, etwa bei Rheumabeschwerden und in der Onkologie.

Aktuelle Entwicklungen werden vom 3. bis 6. April bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin in Bremen besprochen.

Radioaktive Strahlung kann bei Behandlungen helfen


Die Dosis macht das Gift. Das gilt auch für radioaktive Strahlung: In hohen Dosen kann sie Krebs auslösen. Wird allerdings eine kleine Menge gezielt eingesetzt, dann kann diese in Behandlungen einen kurzen, effektiven Reiz setzen. Das macht sich die Nuklearmedizin zunutze – um dadurch Beschwerden direkt innerhalb des Körpers zu bekämpfen.

„Wir verwenden eine radioaktive Substanz zum Beispiel dazu, uns ein Bild des Skelettsystems zu machen, um Schäden durch Verschleiß oder Rheuma zu entdecken. Anschließend soll die gezielte Behandlung durch eine Spritze in die entsprechenden Gelenke – Radiosynovior­these genannt – dazu beitragen, die Gelenkschleimhaut abschwellen und die Schmerzen abklingen zu lassen“, erklärt Professor Lutz Freudenberg, Facharzt für Nuklearmedizin im Rhein-Kreis Neuss. „Diese Therapie ist seit Jahrzehnten etabliert und in 60 bis 70 Prozent der Fälle erfolgreich.“

Ebenfalls Nuklearmedizin: Radioaktive Substanzen unterstützen die Krebstherapie

Werden radioaktive Substanzen oder molekulare Verfahren bei der Krebsdiagnostik und -therapie angewendet, dann ist ebenfalls Nuklearmedizin im Spiel: Mit ihrer Hilfe werden bestimmte Zellstrukturen für die Bildgebung genutzt und bösartige, oft schon fortgeschrittene Tumorerkrankungen behandelt. Professor Freudenberg: „Wir stellen zunächst fest, wie sich die Radioaktivität im Körper verteilt – und darauf folgt die Therapie an Ort und Stelle.“

In der modernen Nuklearmedizin werden beide Aktivitäten miteinander verbunden, man spricht von Theranostik. Dabei wirkt das Schlüssel-Schloss-Prinzip. „Das bedeutet: Innerhalb der Tumorzellen finden wir eine Struktur, eine Art Schloss, zu der ein bestimmter Schlüssel passt – eine Substanz, die mit schwacher Radioaktivität verbunden wird. Die gleiche setzen wir sowohl in der Diagnostik als auch nachher in der Therapie ein“, sagt Experte Freudenberg.

Radiojodtherapie gegen Schilddrüsenkrebs und Prostatatumore

Er und seine Kollegen nutzen diese Form der Behandlung als Radiojodtherapie seit den 1940er-Jahren gegen Schilddrüsenkrebs. In Studien wird sie als Radionuklidtherapie derzeit aber auch gegen Prostatatumore und sogenannte neuroendokrine Tumore eingesetzt. Letztere sind seltene Tumore, die aus hormonbildenden Zellen entstehen. Eine neue Studie zeigt eine Verbindung zwischen

Der Grund für die ständige Weiterentwicklung dieses Verfahrens: Es werden neue Schlösser, sprich Rezeptoren, gefunden und dazu sind passende Schlüsselsubstanzen entstanden.

„Auf diese Weise wird eine personalisierte, maßgeschneiderte Medizin möglich, auf die wir große Hoffnungen setzen“, sagt Professor Jens T. Siveke vom Westdeutschen Tumorzentrum des Universitätsklinikums Essen.

Durch Nuklearmedizin mehr Lebensqualität

„Auch Menschen, deren Erkrankung nicht heilbar ist, können körperlich stabil werden und Lebensqualität gewinnen.“

Denn selbst wenn ein Tumor gestreut hat, können nach dem geschilderten Prinzip die Rezeptoren tragenden Tumorzellen gefunden werden, an die radioaktive Substanzen anheften und die Tumorzellen bekämpfen.

Siveke: „Mithilfe schwacher Radioaktivität können auch Stoffwechselvorgänge von Tumoren und deren Umgebung sichtbar gemacht werden. So können wir die Geschwulst systematisch von der Versorgung abschneiden.“

Weitere Studien sind nötig

Die Experten sind sich allerdings einig: Weitere Studien müssen diese Erkenntnisse bestätigen, damit sie die verschiedenen Therapiemöglichkeiten wie Chemo-, zielgerichtete und Strahlentherapie künftig sinnvoll ergänzen.

Mediziner der unterschiedlichsten Fachdisziplinen können dann bei der Behandlung im Sinne des Patienten noch intensiver Hand in Hand arbeiten.

Siveke: „Die Fachbereiche bewegen sich für sogenannte multimodale Konzepte immer mehr aufeinander zu.

Nicht ein Chefarzt allein bestimmt die passende Therapie, sondern ein Team von Ärzten unterschiedlicher Disziplinen, vom Onkologen und Chirurgen über den Strahlentherapeuten bis zum Nuklearmediziner.“

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