Tattoo-Entfernung

Tattoos – „Wir arbeiten am größten Organ des Menschen“

Tattoos wieder entfernen dürfen künftig nur noch Hautärzte.

Tattoos wieder entfernen dürfen künftig nur noch Hautärzte.

Foto: WAZ FotoPool / Ingo Otto / WAZ FotoPool

Berlin  HIV, Hepatitis, Blutvergiftung – Tattoos bergen Risiken, weiß Tätowierer  Randy Engelhard. Mit der Politik will er Kunden schützen.

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In der TV-Sendung „Horror Tattoos“ verschönert Tätowierer Randy Engelhard regelmäßig die missglückten Motive verzweifelter Kandidaten. Seit diesem Monat berät er gemeinsam mit Vertretern mehrerer Tattoo-Verbände und Mitgliedern der Regierungsparteien darüber, wie sich solche Fehlgriffe verhindern lassen.

Denn wer in Deutschland Tattoos stechen will, braucht keine Ausbildung. Es gibt weder Gesetze noch Regeln, die Tattoo-Fans vor potenziellen Gesundheitsrisiken schützen. Doch das soll sich jetzt ändern.

Herr Engelhard, die Politik ist bislang sehr vorsichtig. Politiker betonen immer wieder, man wolle keinem verbieten, sich tätowieren zu lassen. Die Tätowierer sind selbst aktiv geworden und fordern Gesetze und Regeln. Ist die Arbeit ohne Vorgaben nicht viel einfacher?

Randy Engelhard: Das größte Problem ist: Nach heutigem Stand kann jeder Tätowierer werden. Sie können jetzt sofort einen Gewerbeschein beantragen und ein Tattoo-Studio eröffnen. Unsere Sendung „Horror Tattoos“ ist dafür das beste Beispiel. Da kommen dann 300 oder 400 Leute zum Casting, die sich vom Kumpel in der Garage haben stechen lassen. Und wir Profis müssen dann retten. Das schadet der gesamten Gilde. Daher gibt es den Wunsch nach einer Regulierung von unserer Seite schon sehr lange.

Sollte Tätowierer Ausbildungsberuf werden?

Engelhard: Ob das die beste Lösung ist, wird sich in den Gesprächen zeigen, die wir mit der Regierung führen. Uns geht es vor allem um mehr Sicherheit, nicht nur für uns, sondern vor allem für die Kunden.

Welches Risiko haben die Kunden, mal abgesehen von einem schlechten Tattoo?

Engelhard: Ich fange mal anders an: Welches Risiko haben Kunden, wenn sie in eine Bar gehen? Da ist vielleicht mal die Milch im Kaffee nicht in Ordnung und man verdirbt sich den Magen. Trotzdem brauche ich für eine Bar eine Konzession, das Gewerbe muss also von einer Behörde bewilligt werden, ich brauche einen Schankanlagenschein, ein sauberes Führungszeugnis und muss einen Hygienekurs besuchen und bestehen.

Findet das Gesundheitsamt Mängel, kann es mir die Konzession entziehen. Bei einem Tattoo-Studio ist bislang nichts davon der Fall – dabei arbeiten wir am größten Organ des Menschen. Wir haben mit Blut zu tun, dabei können HIV oder Hepatitis übertragen werden. Es kann zu Allergien, Entzündungen oder Blutvergiftung kommen, wenn nicht sauber gearbeitet wird.

Wieso kann das Gesundheitsamt dann nicht handeln?

Engelhard: Es gibt keine einheitlichen Vorgaben. Jedes Bundesland hat eine gesetzlich bindende Hygieneverordnung, wo zum Beispiel auch Richtlinien für Kosmetikstudios drinstehen. Spezielle Anforderungen an Tattoo-Studios gibt es da aber nicht. Im schlimmsten Fall kommen Gesundheitskontrolleure vorbei und fragen vorher, worauf sie achten sollen. Das ist nicht Sinn der Sache.

Eine neue DIN-Richtlinie soll das ändern. Was beinhaltet sie?

Engelhard: Die Deutschen Organisierten Tätowierer und die United European Tattoo Artists arbeiten seit 2016 mit dem deutschen DIN-Institut an einer Richtlinie für Hygienestandards beim Tätowieren. Herausgekommen ist die DIN 17169, die bald auch EU-Standard werden soll. Darin steht zum Beispiel, dass gewisse Utensilien nur sterilisierte Einwegprodukte sein dürfen – etwa Nadeln.

Diese dürfen nicht gesäubert und bei einem anderen Kunden wieder verwendet werden, sondern müssen nach dem Stechen in einem speziell vorgesehenen Mülleimer entsorgt werden. Auch der Griff und die Farbkappen sollen nur noch einmal genutzt werden. Mit der DIN haben die Gesundheitsämter etwas in der Hand, nach dem sie sich richten können.

Worauf können Tätowierwillige denn selbst achten?

Engelhard: Es muss nicht aussehen wie in einer Arztpraxis. Aber in dem Bereich, wo die Tattoos gestochen werden, muss es beispielsweise abwischbare Flächen geben. Es sollte auch nirgendwo Teppich liegen. Ganz wichtig ist aber auch perfekte Beratung. Der Tätowierer muss den Kunden vorher fragen, ob er Allergien hat, sich gesund fühlt und sich der Risiken bewusst ist. Außerdem muss er ihm genau erklären, wie er das Tattoo nach dem Stechen pflegen muss.

Das sind ganz schön viele Informationen.

Engelhard: Stimmt. Nach dem Stechen sind die Kunden müde und aufgedreht, da rauscht das Adrenalin und sie können solche Infos gar nicht mehr aufnehmen. Deswegen sollte das alles in Wort und Schrift passieren. Mögliche Risiken und Angaben zu Allergien oder Medikamenten sollten auf einer Einverständniserklärung zusammengefasst werden, die sich der Tätowierer unterschreiben lässt.

Können darauf auch Eltern für ihre minderjährigen Kinder unterschreiben?

Engelhard: So etwas lässt sich leicht fälschen. In meinem Studio bekommen unter 18-Jährige grundsätzlich keine Tätowierungen, auch nicht mit Unterschrift. Natürlich ist das in dem Alter cool, man will dazugehören, aber wir wollen unseren Kunden keine Jugendsünden zumuten.

Sollten Tattoos für Minderjährige verboten werden?

Engelhard: Eine gesetzliche Regelung wäre insofern besser, weil dann alle verpflichtet wären, sich daran zu halten.

Gibt es denn so viele schwarze Schafe unter den Tätowierern?

Engelhard: Nein, die meisten achten darauf, dass so sauber wie möglich gearbeitet wird. Es gibt aber eben auch Leute, die gut zeichnen können und dann glauben, sie können auch tätowieren. Ob man auf einem Blatt oder einem Unterschenkel arbeitet, macht aber einen riesigen Unterschied – sowohl was den Untergrund angeht, als auch bei der Hygiene.

Beim Entfernen von Tattoos ist die Politik der Branche zuvorgekommen. Künftig dürfen nur noch Hautärzte die Entfernung übernehmen – nicht mehr jeder, der ein spezielles Lasergerät besitzt.

Engelhard: Dabei sind auch die meisten Leute mit solchen Geräten hoch spezialisiert, nur eben ohne Doktortitel. Die haben ihre Chance verpasst, um an dem Prozess beteiligt zu werden. Ich bin froh, dass wir uns rechtzeitig zusammengetan haben und jetzt aktiv mitgestalten können.

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