Studien

So hilft Tanzen gegen Parkinson, Demenz oder Depressionen

Rückwärts laufen, drehen, balancieren, Arme und Beine koordinieren – Tanzen fordert Kopf und Körper heraus.

Rückwärts laufen, drehen, balancieren, Arme und Beine koordinieren – Tanzen fordert Kopf und Körper heraus.

Foto: dpa Picture-Alliance / Markus Scholz / picture alliance / Markus Scholz

Berlin  Wer tanzt, tut seinem Körper Gutes. Immer mehr Studien weisen auf gesundheitsfördernde Effekte hin. Gibt es Tanzen bald auf Rezept?

Ob anmutiger Spitzentanz oder akrobatische Breakdance-Einlagen von Profitänzern, ob Tango, Walzer oder ein Disco-Fox mit dem Herzensmenschen – Tanzen hat auf den ersten Blick zunächst einmal keinen anderen Sinn, als zu unterhalten und Spaß zu machen.

Getanzt haben schon unsere Vorfahren in der Steinzeit. Getanzt wird seit jeher in allen Kulturen – und das vermutlich aus gutem Grund: Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Tanzen nicht nur glücklich, sondern auch intelligent und gesund macht. Ganze Ratgeber-Bücher erklären, warum Tanzen angeblich die beste Medizin sei.

Tanzen tatsächlich als Medizin zu bezeichnen, dafür ist es laut Denise Temme, Leiterin des Instituts für Tanz und Bewegungskultur der Deutschen Sporthochschule Köln, noch zu früh. „Noch gibt es zu wenige Studien zu diesem Thema“, so Temme. Zudem seien diese mit Blick beispielsweise auf Aufbau oder Studiendauer zu undifferenziert. Das bedeute aber nicht, dass es die heilende Wirkung nicht gebe, betont die Forscherin – die selbst leidenschaftlich gerne tanzt.

Parkinson: Tanztherapie reduziert Zittern

„Die Erfahrungsbasis und die vorhandenen Studien zeigen ganz starke Tendenzen, dass Tanzen in vielfacher Hinsicht guttut“, erläutert Temme. So konnte beispielsweise eine Studie mit Parkinson-Patienten zeigen, dass sich das für die Krankheit charakteristische Zittern mittels Tanztherapie abschwächen lässt.

Auch bei sonst automatisierten Bewegungen wie Treppensteigen, die bei Parkinson-Patienten oft nicht oder kaum mehr möglich sind, hilft das Tanzen. „Durch das Tanzen entwickelt sich eine bessere Bewegungsbewusstheit“, so die Expertin.

Das heißt, die Wahrnehmung dafür, wie man sich gerade bewegt, Muskeln anspannt, wo Bewegungen genau anfangen und enden oder Drehungen stattfinden, wird geschärft. „Dadurch haben Betroffene andere Möglichkeiten, sich motorisch zu bewegen“, erläutert Temme den therapeutischen Effekt. „Das gibt ihnen die Chance, sich von automatisierten Bewegungen zu lösen.“

Interview bei Lanz:

Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, könnte sinken

Eine Langzeitstudie aus den USA zeigte schon 2003, dass regelmäßiges Tanzen zudem die Wahrscheinlichkeit, an einer Demenz zu erkranken, um 76 Prozent senken könnte. Vor zwei Jahren fanden deutsche Forscher ähnliche Hinweise.

Für die Studie trainierten rund 60 Studienteilnehmer zwischen 65 und 80 Jahren zweimal pro Woche für eineinhalb Stunden. Eine Gruppe tanzte und lernte immer wieder neue komplexe Schritte, die andere Gruppe machte Aerobic und wiederholte immer wieder die gleichen Schrittfolgen. Das Experiment zeigte, dass das Tanzen die Bildung neuer Nervenzellen stärker förderte als das monotone Fitness-Programm.

Diese Förderung der geistigen Gesundheit – in diesem Fall durch das Tanzen – ist ein Thema, das aufgrund der wachsenden Überalterung der Gesellschaft zunehmend an Relevanz gewinnt, so Temme.

Ratgeber:

Tanzen gleiche einem Gesamtpaket, beschreibt der Musikwissenschaftler Gunter Kreutz von der Universität Oldenburg dessen Wirkung: „Ich bewege mich und benutze dabei Muskeln und habe Abläufe, die im Alltag kaum zum Tragen kommen“, so Kreutz.

„Ich muss rückwärts laufen, mich drehen, die Balance halten, Arm- und Beinbewegungen koordinieren und mich auf meinen Körper fokussieren.“ Zudem müsse man sich beim Tanzen stetig neue Fähigkeiten und neues Wissen aneignen.

Tanzen hat positive psychische und soziale Wirkungen

Nicht vergessen dürfe man laut Kreutz die psychische Rückwirkung durch das Tanzen und die Musik – das heißt, die eigene Stimmung und Wahrnehmung werden positiv beeinflusst. Gleiches gelte für die soziale Ebene, die Geist und Körper ebenfalls stärken könne, so der Musikwissenschaftler. „Beim Tanzen findet ein Austausch zwischen Menschen statt, ohne dass sie dafür unbedingt Worte gebrauchen müssen.“

Dieser passiert entweder ganz direkt beim Tanz mit dem Partner oder aber indirekt, wenn man sich beispielsweise an einer Gruppe orientiert oder mit dieser gemeinsam agiert. Kreutz betont: „Tanz bringt Menschen zusammen wie kaum eine andere Sportart.“

Wissen:

Sportarten mit ähnlichem Effekt wie beim Tanzen sind im Alter gefährlicher

Einen ähnlichen Effekt hätten nur die Spielsportarten, erklärt Tanzwissenschaftlerin Temme. Mit Blick auf die Komplexität und multidimensionales Trainingsgeschehen – eben der Kombination von Ausdauer-, Kraft-, Kraftausdauer- und Gleichgewichtstraining – könnte zudem auch noch das Turnen mithalten.

„Allerdings sind diese Sportarten im hohen Alter aufgrund ihrer ungleich höheren Verletzungsgefahr deutlich gefährlicher als das Tanzen.“ Außerdem biete der Tanz durch die Kombination mit Musik eine weitere Dimension kognitiver Stimulation. Schließlich will die Bewegung ja nicht nur mit dem Partner und im Raum, sondern auch noch mit der Musik abgestimmt werden.

Besseres mathematisches Verständnis durch Tanzen

Das Zusammenspiel all dieser Faktoren sehen die Forscher als Grund für die positive Wirkung des Tanzens. Studien in den USA zeigten, dass Jugendliche, die viel tanzen, ein besseres mathematisches und räumliches Verständnis entwickeln.

Eine Untersuchung an der Uni Bochum legte nahe, dass Menschen durchs Tanzen reaktionsschneller und beweglicher werden und sich besser konzentrieren. Und: Wer tanzt, scheint fröhlicher und zufriedener. Wer tanzt, produziert

Stresshormone werden abgebaut, und gleichzeitig steigt mit dem Serotoningehalt im Blut das

Das sei laut Kreutz auch gesundheitlich ein wichtiger Faktor: „Man darf nicht vergessen, dass chronische Erkrankungen in aller Regel mit depressiven Begleiterscheinungen verbunden sind, denn kein Mensch verarbeitet eine solche Diagnose so leicht.“ Hier trage das Tanzen zum Wohlbefinden bei.

Was man über Depressionen wissen muss
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Außerdem helfe der Spaßfaktor dabei, am Ball zu bleiben, ergänzt Temme. „Ich habe es einmal mit einem klassischen Gerätetraining versucht“, erzählt die Expertin. „Ich fand das so extrem langweilig, dass ich Leute verstehen kann, die sagen, ‚Ich hasse Sport.‘“ All denen könne sie nur raten, das Tanzen einfach mal auszuprobieren.

Tanzen leichter in Alltag integrierbar als Krankengymnastik

Für Musikwissenschaftler Kreutz wäre „Tanzen auf Rezept“ eine gute Gesundheitsstrategie. „Ich glaube, das wäre ein wichtiges Signal, um den Menschen klarzumachen, welche tiefgreifenden pharmakologischen Effekte man durch das Tanzen erzielen kann.“ Und das mit Mitteln, die man selbst in der Hand habe.

Durch die Freude, die es bringe, ließe sich Tanzen aus Sicht der Experten zudem auch viel leichter in den Alltag integrieren als jede Krankengymnastik. „Am besten gleich die Musik aufdrehen“, rät Temme. „Keine Hemmungen!“

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