Gift

Rizin: So bekämpfen Experten den Bioterror aus dem Internet

14.06.2018, Köln: SEK-Beamte mit Atemschutzmasken verlassen ein Hochhaus.

14.06.2018, Köln: SEK-Beamte mit Atemschutzmasken verlassen ein Hochhaus.

Foto: Oliver Berg / dpa

Berlin  Am Freitag beginnt der Prozess gegen ein Paar, dass wohl Rizin für eine Bombe herstellen wollte. Was ist so gefährlich an dem Gift?

Als im Oktober 2017 die Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr, Beamte des Bundeskriminalamts und Experten des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin für mehrere Tage ausrückten, war das nur der Probelauf. Das fiktive Szenario: Ein bioterroristischer Anschlag ist verübt worden – mit dem Erreger der Lungenpest und mit dem Gift Rizin. „Diese Übung war eine Vorbereitung darauf, was dann ein dreiviertel Jahr später tatsächlich passiert ist“, sagt der Biologe Dr. Christian Herzog. Der Ernstfall trat ein.

Herzog leitet die Informationsstelle des Bundes für Biologische Gefahren und Spezielle Pathogene (IBBS). Eine Einrichtung, die zum RKI gehört und die auf Anforderung ausrückt, wenn es eine biologische Gefahrenlage gibt. So wie in jenem Juni 2018, als in Köln-Chorweiler ein Mann in seiner Wohnung verhaftet wurde.

Der damals 29 Jahre alte Sief Allah H. und seine Frau Yasmin sollen einen Sprengstoffanschlag geplant haben, bei dem sie auch Rizin einsetzen wollten. Am Freitag beginnt am Düsseldorfer Oberlandesgericht der Prozess gegen H. und seine Frau. Herzog und sein Team waren von Anfang an in den Fall involviert. Er sagt rückblickend: „Das Wissen über Rizin und den Umgang damit war selbst in der Fachöffentlichkeit nur lückenhaft.“

Rizin: Internet gibt sogar Tipps für optimale Pflanzenpflege

Rizin ist eines der stärksten Pflanzengifte der Welt. Es wird aus der Rizinuspflanze (Ricinus communis) gewonnen, die man auch als Wunderbaum kennt. Als Zierpflanze ist sie mit ihren handförmigen dunkelgrünen oder purpurfarbenen Blättern in Deutschland nicht selten, die Samen zur eigenen Anzucht gibt es zu kaufen.

Internetseiten geben Tipps zur optimalen Pflege. „Für kriminelle Absichten ist das Rizin deswegen so interessant, weil es relativ leicht zu beschaffen und gleichzeitig eines der potentesten Pflanzengifte der Welt ist“, sagt Professor Lars Schaade, Leiter des Zentrums für Biologische Gefahren und Spezielle Pathogene (ZBS) und Vizepräsident des RKI.

Verfassungsschutz warnt vor Anschlägen mit giftigen Substanzen

Die Wirkung des Wunderbaumgifts ist unterschiedlich. Auf der Haut kann Rizin allergische Reaktionen auslösen. Gelangt es in den Körper, etwa über Wunden oder Atemwege, kann es tödlich wirken. „Ein spezifisches Gegenmittel gibt es bislang nicht“, sagt Schaade, „nur die Symptome werden behandelt.“ An Antikörpern, die das Gift neutralisieren können, werde zurzeit geforscht. Auch an einer Impfung werde zwar gearbeitet, jedoch eher für den militärischen Bereich.„Bei einer Anwendung in der Zivilbevölkerung müsste man sich schon fragen: Für wen könnte eine Impfung wirklich relevant sein?“

Tatsächlich sind Vorfälle mit Rizin selten. Schon im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurde der Einsatz als biologisches Kampfmittel in Erwägung gezogen. Aber am bekanntesten ist wohl das Regenschirmattentat 1978 in London: Vermutlich ein Agent des bulgarischen Geheimdienstes vergiftet den Schriftsteller Georgi Markow mithilfe einer präparierten Regenschirmspitze. Markow stirbt wenige Tage später. 2003 werden Briefe mit Rizin an US-Politiker verschickt, 2013 auch an den damaligen Präsidenten Barack Obama. Der amtierende US-Präsident Donald Trump bekam im Oktober 2018 vergiftete Post.

Rizin in Köln: Erster bekannter Fall von Beimischung in Sprengsatz

Der Fall Köln-Chorweiler aber ist weltweit die erste bekannte Verwendung von Rizin als Beiladung eines Sprengsatzes. Das Ehepaar H. wollte vermutlich die Wirkung ihrer Bombe mithilfe des Giftes verstärken. Es hatte mehr als 3000 Rizinussamen im Internet bestellt um aus ihnen das Gift zu gewinnen. Wie viele Menschen sie damit tatsächlich hätten töten können, ist unklar. Der NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte 2018 in einem Interview, es hätte der größte Anschlag in Europa werden können, im schlimmsten Fall mit Tausenden Todesopfern. Andere Quellen sprechen von hundert Toten.

Das seien aber alles nur grobe Abschätzungen, sagen die Experten des RKI. Zwar sei die in der Wohnung gefundene Menge Rizin erheblich gewesen, doch ob Sief Allah H. wirklich in der Lage gewesen wäre, einen Sprengsatz wirkungsvoll zu präparieren, und wie viele Menschen er damit hätte treffen können – niemand weiß es genau.

In Deutschland liegt die Fachkompetenz im Umgang mit bioterroristischen Stoffen wie Rizin vor allem beim Robert Koch-Institut. Um auf solche Fälle vorbereitet zu sein, erforscht das Institut das, was sie dort das „dreckige Dutzend“ nennen: Gifte und Erreger, die theoretisch für Terroranschläge in Frage kommen, wie Milzbrandbakterien, Erreger von Pest und Hasenpest, Pocken- und Ebolaviren, das Bakteriengift Botulinumtoxin – und Rizin.

Die Wohnung in Köln-Chorweiler soll wieder vermietet sein

Herzogs Einsatzgruppe war im Juni 2018, als sie zu der Wohnung in Köln-Chorweiler gerufen wurde, vorbereitet. Sie wusste, wonach sie hinter der Wohnungstür zu suchen hatte. „Wir stehen in regelmäßigem Austausch mit den Sicherheitsbehörden“, sagt Schaade. Es war bekannt, dass in einschlägigen Foren der Einsatz von Rizin bei Anschlägen diskutiert wurde. „Wir haben uns vorbereitet.“ Die Übung mit der Berliner Polizei im Oktober 2017 trug den Titel „Wunderbaum“.

Die RKI-Experten nahmen gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt am Tatort Proben, sicherten die Gegenstände, die mutmaßlich zur Herstellung des Gifts verwendet worden waren – Kaffeemühle, Mörser –, und untersuchten sie in ihren Laboren für biologische Toxine. Schließlich konnten sie zweifelsfrei das Gift Rizin nachweisen, das H. aus den Rizinussamen gewonnen hatte. „Wir wussten also: Es war die erste konkrete Vorbereitung eines bioterroristischen Anschlags in Deutschland in jüngster Zeit“, sagt Herzog.

Die Wohnung in Köln-Chorweiler soll inzwischen wieder vermietet sein. Die Möbel wurden gesichert und verbrannt. Der Hamster, den H. gekauft hatte, um das Gift zu testen, wurde gerettet. Inzwischen ist er eines natürlichen Todes gestorben.

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