Kolumne

Warum lassen wir uns von Google und Co. ausspionieren?

Wer mit seinem Computer im Internet unterwegs ist, hinterlässt meistens mehr Spuren, als es ihm bewusst ist.

Wer mit seinem Computer im Internet unterwegs ist, hinterlässt meistens mehr Spuren, als es ihm bewusst ist.

Foto: Silas Stein / dpa

Berlin.  Solange niemand uns über die Schulter schaut, fühlen wir uns beim Surfen im Netz allein. Ein großer Irrtum, meint unser Kolumnist.

Eine Schätzfrage: Wenn Sie eine völlig unverdächtige Webseite ansteuern, wer erfährt davon? Klar, der Seitenbetreiber als Gastgeber, das ist verständlich. Aber wer noch?

Mark Semmler lässt auf seinem Laptop ein Programm laufen, das sogenannte Tracker identifiziert, also Verfolger, die sich an jede unserer digitalen Spuren heften. Stets tragen wir diese kleinen Biester im Gepäck, die melden, wo wir uns gerade herumtreiben.

Auf Semmlers Bildschirm erscheint ein Geflecht von Punkten und Linien. Das ist unsere Spur, unser ganz individueller Weg durchs Netz mit allen Knoten und Abzweigungen, von denen wir nicht einmal etwas ahnen. Etwa zwei bis drei Dutzend solcher Spione heften sich an jede unserer digitalen Bewegungen, ob im Dienst von Google, Facebook, Amazon oder als Teil von Apps.

Zulassen von Cookies ruft Netz-Spione auf den Plan

„Das bin ich“, sagt Mark Semmler, einer von Deutschlands führenden Experten für IT-Sicherheit, und deutet auf das Liniengewirr auf seinem Bildschirm. Er schaut von Berufs wegen dorthin, wo Otto Normalsurfer mangels Wissen und Interesse nur selten unterwegs ist, auf das hochkomplexe Geflecht hinter unserem Bildschirm. Und fast jeder Knotenpunkt auf dem Bildschirm gehört zu ein und demselben Unternehmen: Google. So bezahlen wir scheinbar kostenlose Dienste wie Suche, Navi oder Speicher.

Mögen wir uns auch privat fühlen, wenn wir uns durch die digitalen Weiten schleichen, jeder unserer Klicks wird gesehen, gespeichert, gehandelt und mit allen möglichen anderen Daten kombiniert, ohne dass wir davon erfahren. Das Schnüffeln ist legal, denn wir selbst haben es erlaubt, mit jedem achtlosen Klicken auf „Okay“, wenn nach dem Zulassen sogenannter Cookies gefragt wird. Was so nett nach Krümelmonster klingt, bedeutet nichts anderes als Schnüffelprogramm.

Ob Google selbst, ob Apps mit Huckepack-Spion, ob Miniprogramme wie hotjar oder adjust – jeder Klick bedeutet eine geldwerte Information. Welche Bücher schaue ich mir an, lese ich Autotests, google ich „Inkontinenz“?

Schutz vor der Internet-Schnüffelei ist aufwändig

Im Smartphone und dahinter passieren unentwegt Dinge, von denen wir erstens nichts wissen und die wir zweitens nicht unbedingt zulassen würden, wenn wir von ihnen wüssten. „Überwachungskapitalismus“ und „parasitäre Ökonomie“ nennt die Harvard-Professorin Shoshana Zuboff diese gesetzlich bislang kaum geregelte systematische Verfolgung, die wir vor allem aus Bequemlichkeit zulassen.

Zwar gibt es kostenlose Programme, die unsere Verfolger identifizieren und auflisten, sie werden aber kaum genutzt. Es ist wie mit Warnhinweisen und Beipackzetteln – je mehr davon herumfliegen, je ausführlicher auf Risiken und Nebenwirkungen hingewiesen wird, desto leichtsinniger wird der Kunde. Wo so viel gewarnt und gefragt wird, wird sich irgendein Politiker oder Verbraucherschützer schon gekümmert haben.

Könnte man die digitalen Agenten irgendwie abschütteln? „Zumindest könnte man das Hinterherschnüffeln ein wenig erschweren“, sagt Semmler. Und das ist gar nicht so schwer, wenn man erstens jedes einzelne Update zulässt, zweitens den Browser-Verlauf löscht, damit die Cookies abschüttelt und drittens die Sicherheitseinstellungen der Geräte durchgeht. Zudem sollte man Apps möglichst nie das General-Okay für den Zugriff auf alle Daten erteilen, sondern möglichst nur für eine Nutzung.

Klingt etwas mühsam, ist es auch. Aber wenn wir unser Auto oder Fahrrad täglich aufwendig sichern, beschwert sich ja auch keiner.

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