Mediennutzung

Soziologin: Jugendliche unterschätzen die Gefahren im Netz

Heranwachsende müssen lernen, fremde Kontakte im Netz auf eventuelle Risiken hin beurteilen zu können, sagt die Soziologin Dagmar Hoffmann.

Foto: Marit Langschwager

Heranwachsende müssen lernen, fremde Kontakte im Netz auf eventuelle Risiken hin beurteilen zu können, sagt die Soziologin Dagmar Hoffmann. Foto: Marit Langschwager

Siegen.  Für Jugendliche ist die Kommunikation über das Netz selbstverständlich. Eine Soziologin erklärt, welche Gefahren sie dabei oft unterschätzen.

Dagmar Hoffmann, Professorin für Medien und Kommunikation an der Universität Siegen, forscht zur Mediennutzung von Jugendlichen. Im Interview legt die 54-Jährige dar, wie Jugendliche im Internet kommunizieren, welchen Gefahren sie online begegnen und wie sie sich vor diesen schützen können.

Wie wichtig ist es Jugendlichen, virtuell zu kommunizieren?

Dagmar Hoffmann: Jugendliche können sich heute kaum vorstellen, dass Kommunikation nicht online stattfindet. Haben sie kein netzfähiges Handy, fühlen sie sich oftmals von der Gleichaltrigengruppe abgehängt. Denn nahezu alle Verabredungen werden übers Handy getroffen. Dabei ist es unzutreffend, von Jugendlichen als geschlossene Gruppe zu sprechen: Entscheidend ist das Milieu, aus dem der Jugendliche kommt, seine Medienaffinität und soziale Kompetenz.

Welche Arten der Online-Kommunikation nutzen Jugendliche?

Hoffmann: Sie sind immer seltener auf Facebook unterwegs, nutzen stattdessen Snapchat, Instagram und WhatsApp. Meistens verschicken sie Text-Nachrichten. Mit Sprachnachrichten und selbstaufgenommenen Videos sind sie eher zurückhaltend.

Jeder Zwölfte wurde im Internet schon beleidigt

Gibt es dabei Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen?

Hoffmann: Mädchen sind auch im Internet viel kommunikationsfreudiger, nutzen Messenger-Dienste und Bildportale viel mehr als es Jungen tun, verschicken entsprechend auch mehr Fotos. Es ist aber ein Irrglaube, dass die verschickten Fotos vor allem Anstößiges zeigen. Oft sind es Selfies, Fotos vom Essen, von Freizeitaktivitäten oder auch Schnappschüsse beim Shoppen, Freundschaftsbilder. Manchmal sind es einfach Skurrilitäten des Alltags.

Wie schätzen Sie die Gefahren für Jugendliche bei der Internetnutzung ein?

Hoffmann: Beleidigungen und Mobbing sind von jeher vorhanden, aber das Ausmaß ist relativ konstant. Das Internet bietet neue Kommunikationsräume, die es einzuschätzen gilt. Jeder zwölfte Jugendliche sagt, im Internet schon mal beleidigt oder fertig gemacht worden zu sein. Eltern haben früher Kindern erklärt, sie sollen nicht in das Auto fremder Leute einsteigen. Heute müssen Heranwachsende befähigt werden, fremde Kontakte im Netz auf eventuelle Risiken hin beurteilen zu können.

Können sich Jugendliche ohne Sanktionen im Internet ausprobieren?

Hoffmann: Anders als in der Zeit vor dem Internet lässt sich nun alles leicht mit der Handykamera aufzeichnen und als Foto oder Video dokumentieren. Auch ist das Verbreiten mühelos möglich, aber immer auch eine Grenzüberschreitung. Die meisten Jugendlichen fühlen sich nicht völlig frei im Internet. Sie wissen, dass ein bestimmtes Handeln in Online-Kommunikationsforen zum Beispiel zu sozialer Ausgrenzung, einem Schulverweis oder gar einer strafrechtlichen Verfolgung führen kann.

Es ist wichtig Jugendliche im Umgang mit dem Netz anzuleiten

Haben Jugendliche im Internet häufig Kontakt mit Fremden?

Hoffmann: Studien zeigen, dass Jugendliche primär mit Menschen in Kontakt sind, die sie selbst kennen oder mit solchen, mit denen sie gemeinsame Bekannte haben. Anders ist es aber zum Beispiel in Spielkulturen. Da gibt es andere Kontakt- und Vernetzungsmöglichkeiten. Jugendliche kommunizieren hier auch mit Bekannten von Bekannten oder Fremden, mit denen sie lediglich eine Leidenschaft teilen.

Im Internet haben Kinder und Jugendliche keine Probleme, nicht-jugendfreie Inhalte zu finden und zu konsumieren. Sind Medien hierbei in der Pflicht?

Hoffmann: Natürlich sind die Medien aufgefordert, sich an die Regeln des Jugendmedienschutzes zu halten. Auch Netzwerkmedien müssen hier Verantwortung übernehmen. Aber oft werden sie unreflektiert als Sündenbock betrachtet, weil sich Einzelne aus der Verantwortung herausnehmen. Soziale Medien sind nichts anderes als ein Dienst, der Informationsaustausch, Vernetzung und Beziehungspflege im Sinn hat. Facebook hat es sich nicht ausgedacht, dass Menschen unzählige Fotos von ihrem Essen teilen. Die Nutzer haben selbst diesen Hype entwickelt.

Was kann die Gesellschaft tun, um Jugendliche im Internet vor persönlichen Übergriffen besser zu schützen?

Hoffmann: Prinzipiell wird in Deutschland viel Aufklärungsarbeit für Kinder und Jugendliche geleistet, wie sie das Internet nutzen können und wo Gefahren lauern. Aber es könnte natürlich noch mehr Medienbildung angeboten werden, gerade auch für Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Wichtig ist, die Jugendlichen mündig zu machen, sie anzuleiten, damit sie das Internet für sich sinnstiftend nutzen können und auch Selbstschutzmechanismen ausbilden.

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