Gamesbranche

Förderung hakt: So will NRW "Games-Standort Nr. 1" werden

Einmal im Jahr wird NRW zum Videospiel-Mekka. Dann pilgern Hunderttausende Besucher aus aller Welt zur Gamescom nach Köln.

Einmal im Jahr wird NRW zum Videospiel-Mekka. Dann pilgern Hunderttausende Besucher aus aller Welt zur Gamescom nach Köln.

Foto: Lars Heidrich

Düsseldorf/Dortmund.  Die Landespolitik möchte die Entwicklung von Computer- und Videospielen vorantreiben. Doch es hakt bereits bei der Förderung junger Unternehmen.

Fünf Tage war Nordrhein-Westfalen wieder im Spielerausch. Die Gamescom in Köln, die weltgrößte Computerspielemesse, war so gut besucht wie noch nie – von Zockern, Ausstellern und Politikern gleichermaßen. Und wenn man NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) Glauben schenken möchte, soll dieser Rausch noch länger anhalten. Der verkündete beim ersten Gamesgipfel im Mai in Düsseldorf bereits stolz: NRW solle "Games-Standort Nr. 1 in Deutschland" werden.

Denn auch zwischen Rhein und Ruhr begreifen Politiker inzwischen die Computer- und Videospielbranche als wichtigen Wirtschaftsfaktor in der digitalen Welt. Bundesweit wurden 2017 immerhin beachtliche 3,3 Milliarden Euro mit Spielesoftware, Konsolen und Co. umgesetzt. Doch von dem riesigen globalen Wachstumsmarkt profitieren immer weniger heimische Entwickler und Produzenten.

So ist der Anteil deutscher Spieleproduktionen im vergangenen Jahr erstmals unter die 6-Prozentmarke auf 5,4 Prozent abgesackt, wie der Branchenverband Game in seinem Jahresbericht vorrechnet. Das liegt vor allem an schlechten Rahmenbedingungen. Die deutsche Gamesindustrie ist im internationalen Vergleich nämlich kaum konkurrenzfähig. So sind Produktionskosten für hochwertige Video- und Computerspiele laut Game um etwa 30 Prozent teurer als in Kanada, Frankreich und Großbritannien.

Spiele-Förderung steht noch am Anfang

Es fehlt vor allem an gezielter finanzieller Förderung seitens der Politik. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen haben es besonders schwer, auf dem wettbewerbsstarken Markt Fuß zu fassen. Gerade in NRW sind die Förderstrukturen für junge Start-Ups und Mittelständler in der Gamesbranche noch ausbaufähig.

"Die Gamesförderung in Nordrhein-Westfalen steht noch ganz am Anfang", sagt Andreas Heldt, Geschäftsführer der Spielefirma Z-Software mit Sitz in Dortmund. Er hat sich mit seinem Unternehmen für ein Förderdarlehen bei der Film- und Medienstifung NRW beworben, das sich in erster Linie an kleine Firmen aus der Gamesbranche richtet. 75.000 Euro bekommt er für die Entwicklung eines Prototypen des Science-Fictions-Spiels "E.L.I.A.S.". Dabei schlüpft der Spieler in die Rolle eines Sicherheitsbeamten auf einer Raumstation, der in einem Mordfall ermittelt.

Vier weitere Firmen, unter anderem aus Oberhausen und Düsseldorf, bekommen in diesem Sommer Fördermittel von insgesamt 305.000 Euro über die Film- und Medienstiftung ausgezahlt, um ihre Projekte zu realisieren. Andere regionale Fördertöpfe gibt es nicht.

Aber reichen solche Summen überhaupt, wo doch einige Spieleproduktionen soviel Kosten wie ein Hollywood-Blockbuster? "Für kleinere Projekte ist die Fördersumme vollkommen ausreichend. Wir wollen mit dem Geld vor allem auf Partnersuche gehen", sagt Andreas Heldt und meint damit einen Publisher, also einen Spieleverlag, der das fertige Spiel später auf den Markt bringen soll. Und dabei schaut er längst auf den internationalen Markt und setzt auf neue Vertriebswege wie Downloads, denn der Regalplatz in den Geschäften ist hart umkämpft.

"Wir sind auf Marketing und PR angewiesen und brauchen jemanden, der sich um Aspekte wie Preispolitik und Handelspartner kümmert. Für kleine Studios, die alle ein bis zwei Jahre ein Spiel herausbringen, ist das allein sehr schwierig, solche Kontakte aufzubauen", sagt Heldt. Um größere Titel zu entwickeln seien Budgets in Millionenhöhe notwendig.

Bei dem Förderbetrag der Film- und Medienstiftung handelt es sich um ein bedingt rückzahlbares, zinsloses Darlehen, das die Spieleentwickler nur zurückzahlen müssen, wenn sie mit ihrem Projekt Erfolg haben. Konkrete inhaltliche Vorgaben gibt es für die Entwickler nicht. Die eingereichten Projekte müssen sich durch eine gewisse Innovationskraft und Kreativität auszeichnen. Darüber entscheidet eine vierköpfige Expertenjury.

Hotspots der Spielebranche in NRW sind in Köln und Düsseldorf

Andreas Heldt hat seine Firma 2008 aufgebaut und beschäftigt mittlerweile zehn Mitarbeiter. Erfahrungen haben die Spielemacher vor allem mit Simulatorspielen und Konsolenumsetzungen von PC-Spielen. Langfristig will Heldt das Unternehmen auf 30 bis 50 Mitarbeiter vergrößern. Doch unter den gegebenen Bedingungen rückt sein Ziel in weite Ferne. "Insgesamt ist es um die Gamesbranche hier schwierig bestellt. Dortmund ist keine attraktive Stadt für Spieleentwickler. Die sitzen in NRW vor allem in Köln und Düsseldorf."

Wie die gesamte Branche knüpft Heldt seine Hoffnungen vor allem an den Gamesfonds, ein Förderpaket von 50 Millionen Euro, das der Bund auf den Weg bringen will. Felix Falk, Geschäftsführer des Game-Bundesverband, sieht darin einen Weg die internationalen Wettbewerbsnachteile auszugleichen: "Der Fonds muss jetzt so schnell wie möglich kommen, sonst droht Deutschland als Entwicklungsstandort weiter abgehängt zu werden.“

Dass sich auch die regionalen Förderprogramme weiterentwickeln müssen, fordert die Szene schon länger. "Ich würde mir wünschen, dass die Landesförderung mehr Möglichkeiten und Anknüpfungspunkte bietet", sagt auch Andreas Heldt. Den bisherigen Förderstrukturen mangele es an Attraktivität, Zuschnitt und der nötigen finanziellen Ausstattung.

Das kommt auch bei der NRW-Landesregierung an, die die Spieleförderung der Film- und Medienstiftung auf 1,5 Millionen Euro erhöht hat und die Summe künftig noch weiter aufstocken will. Mit welchen Beträgen zu rechnen ist, da hält sich der zuständige Medien-Staatssekretär Nathanael Liminski (CDU) allerdings bedeckt. Zum Vergleich: Bislang war Bayern Spitzenreiter in der regionalen Gamesförderung mit einem Fördertopf von 1,8 Millionen Euro, aber weitaus restriktiveren Förderbedingungen als in NRW.


Aus der Staatskanzlei heißt es deshalb nüchtern: "Wir wollen die gesamte Gamesförderung in Nordrhein-Westfalen noch effektiver gestalten, indem wir eine Produktionsförderung neu aufsetzen. Die Landesregierung will zudem die Vernetzung der Branche im Land verbessern."


Dazu will die NRW-Regierung eine neue Gamesförderrichtlinie auf den Weg bringen, um einen Schritt weg von der reinen Prototypenentwicklung hin zu einer echten Produktionsförderung zu gehen, an deren Ende ein fertiges Produkt steht. Das ist aber nur ein Baustein der neuen Gamesförderung, die sich CDU und FDP in den Koalitionsvertrag geschrieben haben.

Gamesgipfel als regionaler Branchentreff

Um der Branche medienpolitisch mehr Bedeutung einzuräumen, soll den Spielefirmen nämlich nicht nur Geld in die Hand gedrückt werden, die Akteure sollen sich untereinander auch besser vernetzen. Dazu findet nun einmal im Jahr der Gamesgipfel statt. Bei dem regionalen Branchentreff sollen Politiker, Spieleentwickler, Branchenverbände, Händler, aber auch Leute aus Forschung und Lehre zusammenkommen.

Denn Neuland ist die Welt der Computerspiele in NRW wahrlich nicht. Vielmehr findet sich hier eine weit verstreute Insellandschaft einer durchaus vielfältigen Gamesbranche: Die legendäre Fantasy-Rollenspiel-Reihe "Gothic" wurde Ende der 90er in Bochum entwickelt, noch heute sitzt die Spieleschmiede Piranha Bytes im Ruhrgebiet, nämlich in Essen. In Düsseldorf arbeitet das Entwicklerstudio Ubisoft Bluebyte an Spielereihen wie "Anno" und "Rainbow Six". In Köln findet sich die Deutschlandzentrale von Electronic Arts, verantwortlich für Spieletitel wie "FIFA" und "Battlefield".

Auch akademisch ist Nordrhein-Westfalen was das Thema Computer- und Videospiele angeht, alles andere als schlecht aufgestellt. Mit Maic Masuch ist 2008 Deutschlands erster Computerspiele-Prof an die Universität Duisburg-Essen berufen worden. 2011 hat das Land 100.000 Euro in die Hand genommen, um das Gameslab an der Uni Paderborn zu eröffnen, indem Studierende in Projekten selbst Computerspiele entwickeln können. Es war das erste seiner Art in Deutschland. Und seit 2014 kann man am Cologne Games Lab der Technischen Hochschule Köln einen Bachelor in "Digital Games" machen.

Gründerzentren nur für Spieleentwickler

Dazu kommen eine ganze Reihe von lokalen Initiativen, die Wirtschaftsförderung für die Computerspielbranche im Kleinen berteiben. Das "Cologne Games Haus" und auch die "Gamesfactory Ruhr" in Mülheim verstehen sich als reine Gründerzentren für Spieleentwickler, die mit so unterschiedlichen Firmen zusammengesetzt sind, dass von Konkurrenz nicht die Rede sein kann.

Dieser Wunsch nach besserem Austausch und besserer Zusammenarbeit kommt übrigens aus der Spiele-Szene selbst. So hat sich im Dezember 2017 der regionale Interessenverband games.nrw gegründet, der sich zum Ziel gesetzt hat als "Metanetzwerk" aufzutreten, um die verstreute Szene in NRW mit all ihren Akteuren in NRW zusammenzubringen und gemeinsam mit der Landespolitik zusammenarbeiten.

Gamescom, Gamesgipfel, Gamesförderung: 2018 scheint ein gutes Jahr für die zukunftsträchtige Computerspielbranche in Nordrhein-Westfalen zu sein. Jetzt muss nur noch die Landespolitik liefern, wenn NRW tatsächlich "Games-Standort Nr. 1" werden will. Doch die Spieleentwickler sollten sich keine Illusionen machen, denn Millionenbeträge bekommt man hierzulande eher, wenn es um die Förderung der Heimat geht.

Gamescom 2018: Das bietet die Spiele-Messe

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>> INFOS: Zahlen zur Gamesbranche in NRW

  • In NRW sind laut Angaben der Staatskanzlei etwa 100 der bundesweit 700 Unternehmen der Computerspielbranche ansässig. Darunter 50 Entwicklerstudios und ein Dutzend Publisher. Angeblich kommt jeder vierte Spieleentwickler aus NRW.
  • Laut einer Analyse des Szene-Blattes "Games Wirtschaft" aus dem Jahr 2017 bekommt ein Spiele-Projekt im Durchschnitt 50.000 Euro an Fördergeldern in Deutschland.
  • Der Game-Verband hat mit der Gamesmap eine interaktive Karte veröffentlicht, auf der die bundesweit tätigen Akteure der Gamesbranche von Spieleentwicklern hin zu Universitäten sichtbar gemacht werden sollen.
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