Pandemie

Darum ist Fasten im Corona-Lockdown besonders sinnvoll

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Intervallfasten - So funktioniert es!
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Berlin.  Die Corona-Pandemie mit ihren Einschränkungen ist für viele Menschen schwer genug. Doch gerade jetzt kann fasten die Seele stärken.

  • An diesem Mittwoch beginnt die Fastenzeit
  • Sollte man gerade jetzt im Lockdown auf noch mehr verzichten?
  • Tatsächlich gibt es gute Gründe dafür, trotz Corona zu fasten
  • Lesen Sie hier, in welchen vier Bereiche Fasten das Wohlbefinden steigert

Ob Karneval, Fastnacht oder Fasching – jeckes Treiben im großen Stil muss dieses Jahr ausfallen. Die Pandemie sorgt für Einschränkungen in allen Lebensbereichen. Und nun beginnt am Mittwoch die Fastenzeit. Sollte man im Lockdown, einer Zeit des erzwungenen Verzichts, jetzt auch noch freiwillig verzichten? Experten sehen klare Vorteile. Lesen Sie auch: Fastenzeit: 40 Tage Verzicht von Aschermittwoch bis Ostern

„Was Menschen ganz schlecht aushalten können, ist eine Situation der Ohnmacht oder des Kontrollverlustes“, sagt Tobias Esch, Arzt, Neurowissenschaftler und Professor für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung an der Universität Witten/Herdecke. Entscheidend für das menschliche Gehirn sei die Frage, ob Einschränkungen von außen auferlegt worden seien oder ob man etwas selbst für sich beschließe.

Fasten: Wirksames Mittel, um aus dem Pandemie-Alltag auszubrechen

Wird die eigene Bewegungs- und Handlungsfreiheit wie in der aktuellen Situation eingeschränkt, entsteht das Gefühl, in die Ecke gedrängt zu werden. Das löst im Gehirn Stress aus. „Es greift ein physiologischer Mechanismus, der im wahrsten Sinne des Wortes in einer schwierigen Situation plötzlich den Turbo einschaltet und auch den Wunsch nach hochkalorischem Essen auslöst“, sagt Esch. „Wir bekommen Energie, um der Bedrohung entgegenzustehen – zum Beispiel, um zu kämpfen oder zu fliehen.“

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Ist das – wie bei einer Pandemie und bei klaren Verboten – nicht möglich, könne es passieren, dass man frustriert die Decke über den Kopf zieht und in eine Art „Totenstarre“ verfällt, wie Esch es nennt. „Wem es aber gelingt, sich gedanklich aus der vermeintlichen Opferrolle zu befreien, der kann aus der Krise gestärkt herauskommen und an ihr wachsen“, erklärt der Arzt. Auch interessant:

Ein wirksames Mittel, um aus dem Pandemie-Alltag auszubrechen, kann das bewusste Fasten sein. Vorausgesetzt man ist gesund. „Wenn ich mir vornehme, auf etwas zu verzichten, und das umsetze, komme ich ins Handeln“, sagt Esch. Statt mich nur den Regeln des Lockdowns zu fügen, entscheide ich über das Fasten selbst und werde aktiv.

Fasten und Verzicht freut das Hirn

„Das freut unser Gehirn – und es versorgt uns mit Belohnungshormonen“, erklärt Esch. Es zeige uns, was uns langfristig guttut. Außerdem, sagt der Psychiater Oliver Tüscher vom Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR) in Mainz, lenke Fasten vom Pandemie-Alltag ab und verschiebe den eigenen Fokus. Andrea vorm Walde, die als Coachin und Therapeutin in Hamburg arbeitet, ergänzt: „Uns zu beweisen, dass wir auf etwas verzichten können, gibt uns zudem Stolz und Sicherheit.“

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„Statt dem Fast-Food-Mechanismus zu verfallen, sollten wir uns ganz bewusst genussreich – also sinnlich – und gesund ernähren“, so Neurowissenschaftler Esch. „Wenn man das täglich macht, wird man automatisch stressresistenter und auch glücklicher.“ Das hätten zahlreiche Studien gezeigt. Die Fastenzeit könne man gut als Motivation für eine Ernährungsumstellung nutzen, so Coach vorm Walde.

Corona-Stress: Fasten stärkt die Resilienz

Die Fähigkeit der positiven Neubewertung einer Situation sei ein entscheidender Resilienzfaktor, sagt Tüscher. Resilienz beschreibt seelische Widerstandskraft. Mehr Zeit mit der Familie zu haben, dem Mühlrad des Alltags zu entfliehen und gleichzeitig sich und die Gemeinschaft zu schützen – diese Entlastungen hätten die Teilnehmer einer Studie des LIR im ersten Lockdown bewusst genießen können.

Neurologisch lässt sich das erklären: „Der Mandelkern im Hirn, die Amygdala, beispielsweise versetzt uns zwar bei Stress in Alarmbereitschaft, kann aber auch für Entspannung sorgen“, so Esch. „Dafür braucht es diese Neubewertung der Situation: Durch die Maßnahmen wirst du beschützt!“ Es gehe um Akzeptanz – so schwierig die Situation auch sei, sagen die Experten. Gleichzeitig solle man sich auf die positiven Dinge fokussieren.

Achtsamkeit in diesen vier Bereiche steigern das Wohlbefinden

Insgesamt gibt es laut Mediziner Esch vier Bereiche, die es mit Blick auf das eigene Wohlbefinden zu beachten gelte: Das eigene Verhalten und die Motivation dahinter – Stichwort Neubewertung –, Bewegung, Entspannung und die bereits angesprochene Ernährung.

Körperliche und geistige Bewegung seien ein perfekter Gegenpol zu den Einschränkungen der Mobilität, die die Pandemie den Menschen zumute, meint Esch. Zusätzlich wisse man, je mehr Grün ein Mensch sehe, desto besser gehe es ihm, ergänzt LIR-Forscher Tüscher. Sein Appell: Bewegung in der Natur – so oft wie irgend möglich.

Corona: Pandemie fördert das Gefühl von Monotonie

Trotz aller Bemühungen entsteht in der Pandemie leicht das Gefühl von Monotonie. Esch erklärt: „Unser Gehirn ist Weltmeister in zwei Dingen: im Erkennen und im Automatisieren von Mustern.“ Bekomme es keinen neuen Input, entstünden Langeweile und Frust.

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Hier helfen kleine Veränderungen: statt ins Büro ins Homeoffice gehen und dafür eine Runde um den Block drehen, mit der linken statt mit der rechten Hand das Essen servieren, Hörbuch hören statt fernsehen, beim Kochen zum Lieblingssong tanzen, bei der Videokonferenz stehen statt sitzen.

Dem Knirschen des Schnees unter den Füßen lauschen

„Ergänzend sollten wir unsere Handlungen bewusst wahrnehmen“, rät Esch. „So als täte man alles zum ersten Mal.“ Das bedeutet, den Schaum beim Zähneputzen zu fühlen, dem Knirschen des Schnees unter den Füßen zu lauschen oder auf dem Weg zum Einkauf die Kälte an den Wangen zu spüren.

Wer nun meint, diese Tipps seien zwar schön und gut, man selbst schaffe es aber ohnehin nicht, diese umzusetzen, soll sich laut Esch Folgendes fragen: „Wenn Millionen von Menschen um mich herum in der Lage sind, das zu machen, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet ich das tatsächlich nicht kann?“ Egal, ob Fasten oder der Pandemie etwas Positives abgewinnen – allein, wer es versucht, könne daran nur wachsen und gewinnen. „Scheitern ist auch eine Chance“, betont Tüscher.

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