Autoversicherung

Brav fahren und sparen? Die Vorteile von Telematik-Tarifen

Wer entspannt und defensiv mit seinem Auto unterwegs ist, kann bei der Autoversicherung Geld sparen.

Wer entspannt und defensiv mit seinem Auto unterwegs ist, kann bei der Autoversicherung Geld sparen.

Foto: imago stock&people / imago/Westend61

Berlin.  Wer seinen Fahrstil für Versicherer messbar macht, kann sparen – besonders als Anfänger. Doch Telematik-Tarife haben auch Nachteile.

Das Modell klingt verlockend: Ich kann mit meinem Verhalten direkt beeinflussen, wie viel Geld ich für eine Versicherung bezahle. Jeder zweite Verbraucher in Deutschland ist laut einer Studie der Forschungsstelle Versicherungsmarkt dafür empfänglich, die meisten bei der Versicherung ihres Autos.

Mehr als zehn Anbieter haben dieses Prinzip unter den Stichworten Telematik oder „Pay as you drive“ (zahl, wie du fährst) auch schon im Programm. Etwa 80.000 Versicherte, so schätzten die Verbraucherzentralen, nutzen derzeit eines dieser Angebote.

Was ist die Grundidee?

Versicherer und Kunden einigen sich auf die Erhebung von Daten zum Fahrverhalten. In diesem Fall wird die Höhe der Prämie nicht nur an die üblichen Parameter geknüpft – Fahrzeugtyp, Halter, Schadenfreiheits-, Regionalklasse, Wohnort oder Stellplatz zum Beispiel –, sondern auch konkret ans Fahrverhalten. „Rücksichtsvollen und defensiven Autofahrern versprechen die Versicherungen im Gegenzug einen Nachlass auf die Versicherungsprämie“, erklärt die Verbraucherzentrale Sachsen. Die Versicherer erhoffen sich dadurch mehr Rücksicht, weniger Unfälle und damit weniger Schäden, die sie regulieren müssen.

Wie werden die Daten erhoben?

Hier gibt es drei Methoden: eine im Auto installierte Telematik-Box, einen mit dem Zigarettenanzünder verbundenen Stick oder eine auf dem Smartphone installierte App. Die Daten werden gesammelt und dann anonymisiert übertragen, an einen unabhängigen oder zum Versicherer gehörenden Dienstleister. Dann wird aus den Daten ein sogenannter Score ermittelt – ein Wert, der Auskunft geben soll über den Fahrstil. Der Score wird dem Versicherer und dem Kunden mitgeteilt.

Welche Daten werden gesammelt?

Die Verbraucherzentralen haben festgestellt, dass vor allem Daten zu Geschwindigkeit, Brems- und Beschleunigungsverhalten, Fahrverhalten in Kurven sowie Fahrzeit und -ort erhoben werden. „Der Kunde kann die Datenerfassung aber auch abschalten“, erklärt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) – dann riskiere er aber, den Bonus zu verlieren oder gar nicht erst zu bekommen.

Wie werden die Daten bewertet?

„Bei den aktuell angebotenen Telematik-Tarifen ist nicht eindeutig nachvollziehbar, welche Fahrverhaltensweisen in welchem Umfang die Prämien reduzieren“, sagt Bianca Boss vom Bund der Versicherten. Sie nennt die Tarife intransparent.

Die Verbraucherzentrale Sachsen hat immerhin das Beispiel eines namhaften Anbieters für die Gewichtung des Verhaltens veröffentlicht: Danach ging das Bremsverhalten mit einem Wert von 30 Prozent in den Score ein, Beschleunigung, Kurvenverhalten, Tag, Zeit und Art der Straße zu insgesamt 60 und die Geschwindigkeit zu zehn Prozent. „Die Versicherer gewichten aber nicht alle gleich. Und auch die Technik der Datenerhebung hat Einfluss auf die Werte“, berichtet das Verbraucherportal Finanztip.

Für wen sind die Telematik-Angebote besonders interessant, und wie viel kann ich sparen?

Verbraucherschützern und Versicherern zufolge zielen die Datentarife vor allem auf die Gruppe der jungen Fahrer oder Fahranfänger ab. Für sie sind die „normalen“ Tarife relativ hoch, weil junge Fahrer überproportional oft in Unfälle verwickelt sind und die Versicherer damit viel Geld kosten. Lassen junge Fahrer ihre Fahrweise überprüfen und sammeln sie durch Zurückhaltung Punkte, können sie sparen. Nach Berechnungen der Verbraucherzentralen lagen die Ersparnisse hier bei bis zu 30 Prozent. Wichtig aber: Verbraucher sollten prüfen, was passiert, wenn das Fahrverhalten als schlecht bezeichnet wird. „Telematik-Tarife sind nicht in jedem Fall günstiger“, sagt Bianca Boss.

Auch Finanztip hat festgestellt: Wer „schlecht“ fahre, zahle mitunter mehr als in dem Tarif ohne Datenauswertung. „Tatsächlich rechnet sich der Telematik-Bonus nicht immer – er muss schließlich erst durch verantwortungsvolles Fahren verdient werden“, erklärt der GDV.

Was sagen Kunden?

„Die Kunden erwarten einen klaren persönlichen Vorteil. Bei einer Ersparnis von 30 Prozent ziehen 30 Prozent der Kunden diesen Tarif zumindest in Erwägung“, sagt Prof. Horst Müller-Peters vom Institut für Versicherungswesen der Technischen Hochschule Köln. Er hat eine Studie zur Telematik geleitet. Laut den Ergebnissen erwarte der Kunde neben dem persönlichen Vorteil Fairness, Nachvollziehbarkeit und Datensicherheit.

„Die Transparenz könnte ausgeprägter sein, und die Versicherer müssen selbst noch ganz viel lernen“, sagt Müller-Peters. Sie bräuchten enorme Datenmengen, um statistisch belastbare Werte zu bekommen für ein Risiko, das in Deutschland schon heute recht gut berechnet sei. „Dieser Prozess wird noch Jahre dauern, verschwinden wird die Telematik aber nicht.“

Wie fällt das Fazit von Verbraucherschützern aus?

„Wir können die Tarife derzeit nicht empfehlen“, sagt Bianca Boss vom Bund der Versicherten. Mehr als auf einen Bonus sollten Verbraucher auf gute Bedingungen und günstige Beiträge achten. Auch die Verbraucherzentralen weisen auf mögliche Nachteile hin: Die beworbenen Rabatte würden selten erreicht, und manche Risikofaktoren wie Stadt- oder Nachtfahrten seien schlecht zu beeinflussen. Wer sich für die Tarife interessiere, müsse die Bedingungen genau studieren und bedenken, dass auch Kosten entstehen könnten – etwa für Datensticks oder die Beanspruchung des Datenvolumens.

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