Umweltgifte

Viele Kinder laut Studie wohl mit Weichmachern belastet

In Gummistiefeln stecken Weichmacher, die den spröden Kunststoff elastisch machen – sie gelangen über die Haut in den Körper.

In Gummistiefeln stecken Weichmacher, die den spröden Kunststoff elastisch machen – sie gelangen über die Haut in den Körper.

Foto: Ekaterina Yakunina / imago images / Westend61

Berlin.  Forscher haben laut einem Bericht im Urin vieler Kinder und Jugendlicher Inhaltsstoffe von Plastik gefunden – vor allem Weichmacher.

Laut einer bislang unveröffentlichten Studie des Umweltbundesamtes und des Robert Koch-Instituts sind im Körper nahezu aller 2500 untersuchten Teilnehmer Rückstände von Plastikinhaltsstoffen gefunden worden, berichtet der „Spiegel“. Im Fokus der Studie standen dabei 3- bis 17-Jährige.

In „97 bis 100 Prozent“ der Urinproben seien Spuren von elf der 15 getesteten Stoffe nachgewiesen worden, heißt es in dem Bericht. Besonders oft seien Rückstände von Weichmachern (Phthalate) gefunden worden. Die Industriechemikalien sollen spröden Kunststoff elastisch machen. Manche Verbindungen gelten jedoch als gesundheitsschädlich.

Plastik im Körper: Jüngste Kinder offenbar am stärksten von Weichmachern betroffen

Die Untersuchung zeige „eindeutig, dass Plastikinhaltsstoffe mit steigender Produktion auch vermehrt im Körper auftreten“, sagte die Toxikologin und Mitautorin Marike Kolossa-Gehring vom Umweltbundesamt dem „Spiegel“. Besorgniserregend sei dabei besonders, dass die jüngsten Kinder als die sensibelste Gruppe am stärksten betroffen seien.

Laut „Spiegel“ existieren für einige der gefundenen Stoffe keine Grenzwerte. Bei zwei seien die geltenden Werte überschritten worden. Auch habe die Studie gezeigt, dass die Belastung mit Ersatzstoffen für bisher verbotene Chemikalien gestiegen sei.

Hohe Werte des Stoffs PFOA, der in Outdoorkleidung steckt

Dem Bericht zufolge wird die Untersuchung in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Grünen-Anfrage zur Belastung der Bevölkerung erwähnt. Die Grünen-Umweltpolitikerin Bettina Hoffmann sagte dem „Spiegel“, es sei zu wenig erforscht, wie die Stoffe in ihrer Summe auf den Körper wirkten.

Bedenklich seien die hohen Werte von Perfluoroktansäure, kurz PFOA. Die chemische Verbindung wird beispielsweise für Outdoorkleidung, aber auch für Pfannenbeschichtungen verwendet. Laut dem Umweltbundesamt ist der Stoff giftig und schädigt die Fortpflanzung. Die Chemikalie ist extrem stabil und wird in der Umwelt nicht abgebaut. Sie hat zudem die Eigenschaft, sich im Körper von Lebewesen anzureichern. In Textilien ist PFOA ab dem kommendem Jahr EU-weit verboten.

Stoffe gelangen über Luft, Haut und Nahrung in den Körper

Der Fund von Weichmachern im Körper von Kindern bestätigt die Warnungen von Experten. Das Umweltbundesamt hatte schon 2007 in einem Bericht davor gewarnt, dass die chemischen Verbindungen oder deren Abbauprodukte „bei fast jedem Menschen im Blut und/oder im Urin nachweisbar sind“. Pthalate finden sich häufig in Kosmetika, Spielzeug, Shampoo und andere Hygieneartikeln. Verwendet werden sie insbesondere bei Lebensmittelverpackungen, vor allem bei Kontakt mit Fett.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) weist in einem Report darauf hin, dass Phthalate wie Hormone wirken und das Hormonsystem des Menschen beeinflussen. Besonders tückisch: In Plastikverbindungen wie Weich-PVC könnten die Stoffe ausdünsten, zum Beispiel im Auto. Sie lassen sich aber auch leicht auswaschen oder abreiben. Auf diese Weise gelangen Phthalate an Hände, in die Luft und über die Nahrung auch in den menschlichen Körper.

BUND-Studie: Kindergärten besonders hoch belastet

Stiftung Warentest untersucht seit vielen Jahren Produkte auf Rückstände von Weichmachern und wird nach eigener Aussage immer wieder in Alltagsgegenständen fündig. Die Phthalate können bei Kontakt mit dem Körper durch das Fett in der Haut, durch Schweiß oder durch Speichel gelöst werden und so in den Körper gelangen, warnt die Verbraucherschutzorganisation.

Das sei etwa der Fall, wenn ein Kind ein Spielzeug in den Mund nehme. Wie groß das Risiko ist, lässt eine Untersuchung der europäischen Chemikalienbehörde ECHA erahnen. Bei Stichproben in 27 europäischen Ländern stellten die Inspektoren fest, dass in jedem fünften Kinderspielzeug der zugelassene Phthalat-Wert über­schritten war.

Wie groß das Risiko ist, lässt sich jedoch nur schwer beurteilen. Unklar ist noch, wie verschiedene Phthalate zusammen wirken. Weichmacher bilden insgesamt eine großen Gruppe von chemischen Verbindungen, die toxikologisch unterschiedlich wirken. Einige davon gelten jedoch als besonders gefährlich.

Laut dem Report des Umweltbundesamtes werden die Weichmacher DEHP, DBP und BBP als fortpflanzungsgefährdend eingestuft. In Kinderspielzeug und Babyprodukten sind sie verboten. Für DINP, DIDP und DNOP hingegen gilt ein Verbot nur für solche Produkte, die von Kindern unter drei Jahren in den Mund genommen werden können.

Die Umweltorganisation BUND fand 2014 in einer Studie heraus, dass insbesondere Kindergärten in Deutschland hoch mit Weichmachern belastet seien.

Verbraucher können Weichmacher nicht direkt erkennen, sich aber informieren

„Verbraucher können nicht direkt erkennen, ob Produkte Phthalate enthalten, denn sie sind in aller Regel farb- und geruchlos“, erklärt Stiftung Warentest. Der BUND hat eine Smartphone-App entwickelt, die bei den Recherchen nach Chemikalien hilft. Mit der kostenlosen App „Tox Fox“ können Verbraucher den Strichcode von Produkten wie Kosmetika oder Shampoos einscannen. Angezeigt werde dann, ob sich darin hormonell wirksame Chemikalien verbergen.

Verbraucher können aber auch Hersteller oder Händler fragen, ob ein Erzeugnis besorgnis­erregende Stoffe enthält. Das Umwelt­bundes­amt hat dafür die App Scan4Chem entwickelt. Laut EU-Recht müssen Hersteller oder Händler eine Anfrage inner­halb von 45 Tagen beantworten.

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