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Astrazeneca: Fragen und Antworten zur neuen Regelung

Lesedauer: 14 Minuten

Wirbel um AstraZeneca-Impfstoff: Worum geht es?

Wirbel um AstraZeneca-Impfstoff: Worum geht es?

Als leicht lagerbares und günstiges Präparat könnte der Corona-Impfstoff von Astrazeneca äußerst populär sein. Doch das Vakzin stößt seit Monaten immer wieder auf Kritik und Vorbehalte. Nun hat auch Deutschland die Impfungen mit Astrazeneca wegen Berichten über mögliche schwere Nebenwirkungen vorsorglich ausgesetzt.

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Berlin.  Astrazeneca wird nicht mehr an Unter-60-Jährige verimpft. Nach dieser Entscheidung sind viele Fragen offen. Wir geben die Antworten.

  • Der Corona-Impfstoff von Astrazeneca steht weiter in der Kritik
  • Deutschland hat die Impfungen mit Astrazeneca für Menschen unter 60 Jahren eingeschränkt
  • Doch was heißt das für Menschen, die bereits die erste Dosis mit Astrazeneca erhalten haben? Was passiert mit den bereits gebuchten Terminen?
  • Hier finden Sie Antworten auf die wichtigsten Fragen

Nach ungeklärten Nebenwirkungen nach Impfungen mit dem Corona-Vakzin von Astrazeneca wird der Impfstoff deutschlandweit nur noch an Menschen ab 60 Jahren verabreicht – das gilt aktuell auch für die Zweitimpfung.

Grund für die Entscheidung der Gesundheitsminister sind Hirnvenenthrombosen bei ein bis zwei unter 100.000 geimpften jüngeren Frauen. Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, sagte unserer Redaktion, das Risiko bei einer großen Zahl von Astrazeneca-Zweitimpfungen in der Altersgruppe unter 60 sei „nicht einschätzbar“.

Bei jüngeren Menschen waren zuletzt vermehrt Fälle von Hirnvenenthrombosen in zeitlichem Zusammenhang mit der Immunisierung beobachtet worden. Die vorsorgliche Altersbeschränkung für den Impfstoff wirft nun viele Fragen auf – vor allem für Menschen, die bereits mit dem Astrazeneca-Vakzin geimpft wurden oder einen Impftermin in naher Zukunft vereinbart haben. Durch die neue Regelung könnten auch viele über 60-Jährige früher geimpft werden – mit Astrazeneca.

Was die Entscheidung für das weitere Vorgehen bei den Corona-Impfungen bedeutet, lesen Sie hier im Überblick.

Lesen Sie auch: Astrazeneca: EMA sieht kein erhöhtes Risiko für Jüngere

Muss ich mich mit dem Astrazeneca-Vakzin impfen lassen?

Ganz grundsätzlich besteht in Deutschland keine Impfpflicht. Darauf weist auch die Bundesregierung ausdrücklich hin. Wer eine Einladung zu einem Impftermin bekommen hat, muss dieser also nicht folgen. Folglich besteht auch keine Pflicht dazu, sich mit dem Astrazeneca-Wirkstoff impfen zu lassen.

Eine freie Wahl zwischen Impfstoffen ist allerdings auch weiterhin nicht möglich. Wegen der Impfstoffknappheit beinhaltet der Anspruch auf eine Schutzimpfung gegen das Coronavirus derzeit nicht das Recht, den Impfstoff eines bestimmten Herstellers zu wählen, heißt es vom Bundesgesundheitsministerium. Wer als Person im Alter von über 60 Jahren durch die Neuregelung schneller einen Imfptermin erhält, könnte mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Dosis Astrazeneca verabreicht bekommen. Lesen Sie dazu: Astrazeneca – Für welche Personen der Warnhinweis gilt

Der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, forderte nach der Entscheidung am Dienstag eine freie Wahl des Impfmittels. Das Hin und Her beim Astrazeneca-Impfstoff schade sehr, sagte Brysch im Norddeutschen Rundfunk. "Deswegen wundere ich mich schon, warum wir nicht einen ganz offenen Schritt gehen und endlich die Wahlfreiheit in ganz Deutschland einführen."

Corona-Impfungen: Was passiert mit meinem vereinbarten Termin?

Aktuell heißt es, dass die Länder hierzu eigene Verfahren entwickeln werden. Eine einheitliche Regelung gibt es noch nicht. Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern haben die Entscheidung über das weitere Vorgeben vertag. Nächsten Dienstag wird erneut beraten.

Aktuell sollen in Bayern etwa Personen, die das 60. Lebensjahr vollendet haben, weiterhin mit Astrazeneca geimpft werden. Unter-60-Jährige sollen stattdessen mit den Impfstoffen von Biontech und Moderna geimpft werden.

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Auch in Nordrhein-Westfalen wird so verfahren. Bei Impfterminen, bei denen Astrazeneca verimpft werden sollte, wird Unter-60-Jährigen nun entweder der Biontech-Wirkstoff oder das Moderna-Vakzin verabreicht. Ausgefallene Termine sollen umgehend nachgeholt werden, heißt es auf der Seite des Gesundheitsministeriums von NRW.

In Baden-Württemberg soll in Impfzentren, in denen eine Umbuchung auf einen anderen Wirkstoff möglich ist, eine solche direkt vor Ort vorgenommen werden. Ist das nicht möglich, kann freiwillig auch mit Astrazeneca geimpft werden. Wer das nicht möchte, kann sich auf eine Warteliste eintragen. Lesen Sie hier: Astrazeneca – So kam es zum Impfstopp für Jüngere

Astrazeneca-Vakzin: Was passiert mit meiner Zweitimpfung?

Der Impfstoff von Astrazeneca wurde Ende Januar zugelassen und ab Februar in Deutschland verimpft. Laut Bundesgesundheitsministerium wurden seither rund 2,4 Millionen Erstdosen und 645 Zweitdosen Astrazeneca gespritzt. Da zwischen erster und zweiter Dosis bei Astrazeneca zwölf Wochen liegen können, stellt sich in den meisten Fällen praktisch noch gar nicht die Frage einer zweiten Impfung. Die meisten Zweitimpfungen wären ohnehin erst ab Mai an die Reihe gekommen.

Für über 60-Jährige ändert sich nun im Prinzip nichts. Wer jünger ist, sollte gemeinsam mit seinem Arzt das Risiko abwägen und entscheiden. Sie können planmäßig die zweite Dosis von Astrazeneca „nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoakzeptanz“ nehmen. Oder zu einem anderen Stoff wechseln.

Die generelle Entscheidung über den Wechsel von Astrazeneca zu einem anderen Präparat für die Corona-Zweitimpfung soll erst in der kommenden Woche fallen. Zunächst wollten die Gesundheitsminister der Länder am nächsten Dienstag mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und dem Stiko-Vorsitzenden Mertens, aber noch offene Fragen diskutieren, heißt es aus den Reihen der Länderminister. Lesen Sie dazu: Diese Astrazeneca-Nebenwirkungen können auftreten

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Ist eine Zweitimpfung mit einem anderen Impfstoff bedenkenlos?

Wer jünger als 60 Jahre ist und bereits einmal mit Astrazeneca geimpft wurde, dem empfiehlt die Stiko als zweite Dosis ein mRNA-Vakzin von Biontech oder Moderna – obwohl es „noch keine wissenschaftliche Evidenz zur Sicherheit und Wirksamkeit einer gemischten Impfserie“ gibt.

Einerseits nehme der Schutz bei einmaliger Astrazeneca-Impfung nach gewisser Zeit ab. Andererseits gebe es weder einen Hinweis darauf noch eine plausible immunologische Überlegung dazu, dass die Auffrischung der Immunantwort durch einen mRNA-Impfstoff eine negative Auswirkung haben könnte, sagte Mertens unserer Redaktion. Lesen Sie auch: Corona: So bekommt man einen Termin für eine Impfung

Laut Stiko kommt es bei einer Kreuzimpfung nicht zur Konkurrenz zwischen zwei Impfstoffen im menschlichen Körper. Die Impfstoffe seien nach etwa zehn Tagen abgebaut. „Das einzige, was wir derzeit nicht sicher beantworten können, ist, ob die Immunantwort bei diesem Vorgehen genauso ausfällt, wie wenn man zweimal mit dem gleichen Impfstoff impft“, räumte der Stiko-Vorsitzende ein. Gegenüber unserer Redaktion sagte er, es könnte sogar sein, „dass die Schutzwirkung stärker ausfällt“. Das sei durch Studien derzeit nicht belegt. Die Stiko erwartet dazu erste Studienergebnisse Mitte Mai.

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„Es kommt häufiger vor, dass jemand als Zweitdosis oder bei einer Auffrischimpfung einen anderen Impfstoff nimmt, weil die erste Impfung etwa eine allergische Reaktion ausgelöst hat“, erläutert der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, der Regensburger Professor Bernd Salzberger, unserer Redaktion. Mit negativen Nebenwirkungen rechnet der Infektiologe nicht. Da aber noch unklar ist, ob die Wirksamkeit dadurch beeinträchtigt wird, also der Schutz vor Sars-CoV-2, meint Salzberger: „Im Zweifel muss man einfach von vorn anfangen und zweimal einen mRNA-Wirkstoff impfen.“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird Berichten zufolge einen Wechsel der Impfstoffe zwischen der ersten und der zweiten Dosis vorerst nicht empfehlen. Die Datengrundlage sei bislang noch zu gering.

Neue Empfehlung für Astrazeneca: Darf ich mich trotzdem damit impfen lassen?

Für jüngere Menschen sollen Impfungen mit dem Vakzin in Ausnahmefällen weiter möglich sein. Der Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CS), sagte dazu am Dienstag: "Menschen der Priogruppen 1 und 2 unter 60 Jahren sollen sich weiterhin impfen lassen dürfen, wenn dies nach ärztlichem Ermessen und individueller Einschätzung entschieden wird."

Diese Impfungen sollen dann aber in Arztpraxen vorgenommen werden. "Wer Astrazeneca haben will, sollte es auch bekommen", so der bayerische Gesundheitsminister.

Was bedeutet die Altersbeschränkung für das Impftempo in Deutschland?

Inwiefern die Neuregelung für das Astrazeneca-Vakzin die deutsche Impfkampagne verlangsamen wird, ist noch unklar. Laut Angaben des Bundesgesundheitsministeriums wollen Bund, Länder und Kommunen nun gemeinsam Änderungen bei den Impfplanungen klären.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erklärte, dass die Bundesregierung ihr Ziel aufrechterhalten wolle: Bis Ende des Sommers sollen alle Bürger ein Impfangebot erhalten haben. "Andererseits ist es ohne Frage ein Rückschlag, dass bei einem unserer verfügbaren Impfstoffe in dieser Pandemie für eine bestimmte Altersgruppe offenbar ein erhöhtes Risiko besteht", so Spahn. Immerhin: Menschen über 60 können nun schneller geimpft werden.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach geht davon aus, dass die Entscheidung nur sehr geringe Auswirkungen auf die Impfkampagne in Deutschland haben wird. "Wir werden eine kleine Delle haben von ein paar Tagen, wo es Verwirrung gibt, aber dann wird das Impftempo wieder voll anziehen", sagte Lauterbach in den ARD-"Tagesthemen".

Welche Folgen hat die Entscheidung für die Impfreihenfolge?

Wird die Impfreihenfolge nun geändert? Nein, nicht generell. Aber der zeitweise Impfstopp von Astrazeneca und die Empfehlung erst nur für jüngere, dann nur für ältere Menschen haben für Verunsicherung gesorgt. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) schlägt deshalb vor, für diesen Impfstoff die Reihenfolge aufzulösen: „Irgendwann wird man bei Astrazeneca speziell mit sehr viel Freiheit operieren müssen und sagen müssen: Wer will, und wer es sich traut, quasi, der soll auch die Möglichkeit haben“, sagte er. Auch interessant: Biontech & Co.: So viel Zeit darf zwischen Impfungen liegen

Ein bisschen flexibler soll die Terminvergabe jetzt schon werden: Um das Impftempo zu beschleunigen, können die Länder ab sofort schon die Gruppe der 60- bis 69-Jährigen zu Impfungen mit Astrazeneca einladen. Dies ist in vielen Landkreisen bereits passiert. Und auch von den Impfungen in Hausarztpraxen, die nach Ostern bundesweit starten, erhofft sich die Politik mehr Geschwindigkeit und Flexibilität.

Können Lehrerinnen und Erzieher jetzt schnell genug geimpft werden?

Erst vor Kurzem waren Lehrerinnen, Lehrer und das Personal in Kitas in die Impfgruppe 2 aufgerückt, gerade in den Osterferien sollten viele geimpft werden. Jetzt wächst bei Erziehungsgewerkschaften die Sorge, dass es nun dauern könnte, bis diese Gruppen sicher in Kitas und Schulen zurückkehren können. Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, forderte deshalb, dass unter 60-Jährige Lehrkräfte schnell die Möglichkeit zu einer Impfung mit einem anderen Vakzin bekommen sollen.

„Wenn dieser Austausch nicht sofort stattfindet, wird es mit der Durchimpfung von Lehrkräften im April nichts mehr werden“, sagte er. Marlis Tepe, Vorsitzende der Erziehungsgewerkschaft GEW, beunruhigt vor allem die Lage in den Kitas. Dort seien mittlerweile 71 Prozent der Kinder zurück in der Betreuung – und das bei steigenden Infektionszahlen. „Nachdem wir wissen, dass Kinder von der neuen Mutante stärker betroffen sind, muss hier wirklich die Notbremse gezogen werden“, sagte Tepe. „Nach Ostern müssen wir zurück zu einer echten Notbetreuung in den Kitas, bis die Kolleginnen und Kollegen geimpft sind.“ Lesen Sie auch: Curevac-Gründer: „Wir produzieren 300 Millionen Dosen“

Wie viele Sinusvenentrhombosen wurden bislang gemeldet?

Nach Angaben des für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts wurde bei "sehr wenigen Geimpften" überwiegend im Alter unter 55 Jahren nach der Impfung mit Astrazeneca "eine sehr seltene Form" einer Thrombose beobachtet. Es geht vor allem um sogenannte Hirnvenenthrombosen auch in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie). Dies sei unter Geimpften häufiger aufgetreten, "als es zahlenmäßig aufgrund der Seltenheit dieser Gerinnungsstörung ohne Impfung zu erwarten wäre". Das Institut sagt aber auch, es gebe derzeit "keinen Nachweis, dass das Auftreten dieser Gerinnungsstörungen "durch den Impfstoff" verursacht worden sei.

Das Paul-Ehrlich-Institut berichtete zuletzt am Montag, 29.03.2021, insgesamt von 31 Fällen von Sinusthrombosen, die im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung aufgetreten sind. In 19 Fällen wurde zusätzlich eine Thrombozytopenie gemeldet. In neun Fällen war der Ausgang tödlich. Mehr als 2,8 Millionen Menschen wurden laut Robert Koch-Institut inzwischen mindestens einmal mit Astrazeneca geimpft. Insgesamt haben fast zehn Millionen Menschen im Land bisher eine Erstimpfung erhalten. Mehr als vier Millionen sind zweimal geimpft.

Wie ist die Lange in anderen europäischen Ländern?

Neben Deutschland haben auch weitere Länder der EU die Nutzung des Impfstoffes eingeschränkt – so zum Beispiel Frankreich oder die Niederlande. Auch in Belgien sollen zunächst nur Menschen über 55, in Spanien und Italien nur Menschen über 60 mit Astrazeneca geimpft werden. In Großbritannien wird er nur über 30-Jährigen gespritzt. Andere impfen in allen Altersgruppen weiter auch mit Astrazeneca – beispielsweise Österreich. Lesen Sie dazu: Chaos um Astrazeneca-Impfstoff: Jedes Land geht anderen Weg

Die EU-Arzneimittelagentur EMA entschied diese Woche, der Impfstoff könne weiter uneingeschränkt verwendet werden. Zwar werden die beobachteten Blutgerinnsel im Gehirn nun als „seltene Nebenwirkung“ des Vakzins anerkannt, möglicherweise seien sie eine Immunreaktion auf den Impfstoff. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stimmt dieser Einschätzung zu und relativiert, bei weltweit inzwischen 200 Millionen mit Astrazeneca geimpften Menschen seien die problematischen Vorfälle sehr selten.

(mit san/cu/aknv/dpa/afp)

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