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Zeitzeuge aus Frohnhausen leistete filmreifen DDR-Widerstand

Dietrich Garstka in seiner Frohnhauser Wohnung.

Foto: Klaus Micke

Dietrich Garstka in seiner Frohnhauser Wohnung. Foto: Klaus Micke

Essen.   Der Film „Das schweigende Klassenzimmer“ läuft derzeit im Kino. Er handelt von einem Schüler-Protest 1956. Dietrich Garstka aus Essen war dabei.

In Frohnhausen wohnt seit Jahrzehnten ein Mann, der in den Fünfziger Jahren deutsch-deutsche Zeitgeschichte geschrieben hat. „Das Schweigende Klassenzimmer“ ist im Moment im Kino zu sehen – ein Film über eine Abitur-Klasse in der DDR, Storkow, Brandenburg. 1956 legten die Schüler aus Solidarität mit den Opfern des Ungarn-Aufstandes eine spontane Schweigeminute ein – und wurden später kollektiv des Landes verwiesen. Dietrich Garstka (79) war einer dieser Schüler. Er war bis zu seiner Pensionierung Deutschlehrer an der Alfred-Krupp-Schule, gibt noch heute Literatur-Kurse an der VHS.

„Wir hatten von dem Aufstand im Rias-Radio gehört“, erzählt Garstka heute. Er sitzt in seinem Wohnzimmer in einer Frohnhauser Altbauwohnung, umgeben von Weichholzmöbeln und Bücherwänden bis unter die Decke. „Da hab’ ich sofort gesagt, wir müssen was machen.“

„Wir kosteten jede Sekunde aus“

Fünf Minuten lang schwiegen die Schüler zum Beginn der ersten Stunde. „Wir kosteten jede Sekunde aus, starrten an die Uhr an der Wand.“ Der Geschichtslehrer reagierte irritiert, er war der örtliche FDJ- und Parteisekretär: „Was ist das hier?“ Wenige Wochen später, die Schüler dachten, die Sache hätte sich längst erledigt, rauschte eine dunkle Limousine an auf dem Schulhof der Kurt-Steffelbauer-Oberschule. Es war Kurt Lange, der Minister für Volksbildung der DDR höchstpersönlich.

Er stand da in feinem Zwirn und vernahm jeden Schüler einzeln, warf ihnen „ungebührliches Verhalten“ vor. Dass sie der Ehre nicht gerecht würden, eine DDR-Oberschule zu besuchen. Dass es sich um einen „konterrevolutionären Akt“ gehandelt habe. Dass sie den „Klassenfeind decken“ würden.

Doch Garstka hörte gar nicht zu, denn ihm war ein bekannter Geruch in die Nase gestiegen: „Ich war früher schon zweimal in Duisburg gewesen, dort wohnte mein Onkel“, erinnert sich Garstka. „Deshalb wusste ich, wie neue Westkleidung riecht. Bei Lange roch ich sie sofort. Da dachte ich: ,Du alter Hund.’“

Eine Ausrede funktionierte nicht

Die Schüler hatten sich eine Ausrede einfallen lassen; man habe an Ferenc Puskás erinnern wollen, den ungarischen Fußball-Nationalspieler von 1954, der angeblich beim Aufstand ums Leben gekommen sei. Doch erstens war er das nicht, und zweitens nahm ihnen das sowieso niemand ab. „Sie werden nirgendwo in der DDR ihr Abitur ablegen können“, hieß es. Garstka und seine Mitschüler gingen in den Westen – erst nach Berlin, später ins hessische Bensheim, in ein Internat. „Dort machten wir Reifeprüfung, und später erfuhren wir, dass die DDR einen Spitzel in die Schule eingeschleust hatte.“

Garstkas Eltern folgten ihrem Sohn, der Vater, ein Elektriker, bekam eine Anstellung als Lehrer am Berufskolleg West in Frohnhausen. So kam auch Garstka nach Essen, studierte in Köln und kehrte fürs Referendariat zurück: Zwei Jahre war er am Maria-Wächtler-Gymnasium in Rüttenscheid, dann wechselte er zur Krupp-Schule. Dort blieb er bis zur Pension: „Einmal Krupp, immer Krupp.“

Er wollte nur Lehrer sein, „kein Held“

Mit seiner Geschichte ging er nicht hausieren, obwohl die Presse im Westen groß berichtet hatte: „Niemand verriet den anderen“, titelte eine Illustrierte kurz nach Bekanntwerden des Vorgangs. „Ich wollte für die Schüler ein Lehrer sein und kein Held.“

Erst im Jahr 2006 vollendete Garstka die Arbeiten an seinem Buch, das die Geschichte seiner Schulklasse erzählt. Das Buch lieferte die Vorlage für den Film, der Ende Februar in die Kinos kam. Auch Garstkas Buch erschien noch mal neu, mittlerweile wird die dritte Auflage gedruckt.

„Ich war immer ein kritischer Mensch“, sagt der Pädagoge über sich selbst. Natürlich war er in seiner Jugend Mitglied der Jungpioniere und der FDJ, „aber mir hat vieles von dem nicht gefallen, wie in der DDR der Sozialismus verstanden wurde.“ So begehrte er schon in jungen Jahren laut auf, als in Storkow der Posten des örtlichen Chefs der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) an den Genossen mit den meisten Partei-Orden ging. „Wenn wir auf diese Art Stellen besetzen“, kritisierte Gartka damals laut, „machen wir uns alles kaputt.“ Er erntete kritische Blicke.

„Die Angst war immer da“

Und die Angst beim Schweigen im Klassenzimmer oder später beim Verlassen des Landes? „Die war immer da, wir wussten ja, dass wir das nicht tun durften.“ Und trotzdem musste es sein. Garstka war übrigens der erste in seiner Klasse, der die DDR verließ – obwohl „Republikflucht“ selbsverständlich unter Strafe stand. Um seine Eltern zu schützen, inszenierte er das Ganze als Flucht, die mit niemandem abgesprochen war. „Sonst hätten die ja Schwierigkeiten bekommen. Das wollte ich verhindern.“

Also tat er so, als würde er spontan handeln: „Ich sprang aus dem Fenster, hinterließ extra Spuren und einen Zettel.“ Auf dem stand: „Ich komme erst zurück, wenn meine Unschuld bewiesen ist.“ Dabei hatte er das damals nie vor: Zurückzukehren in die DDR. So wie viele andere Menschen in seinem Land zu dieser Zeit ja auch: Fünf Jahre später wurde die Mauer gebaut.

>>> FILM LÄUFT DERZEIT IN DEN KINOS

Der Film „Das Schweigende Klassenzimmer“ läuft derzeit in den Essener Kinos Astra (Teichstraße) und Lichtburg (Kettwiger Straße). Er ist geeignet für Zuschauer ab zwölf Jahren.

Dietrich Garstkas Werk „Das schweigende Klassenzimmer: Eine wahre Geschichte über Mut, Zusammenhalt und den Kalten Krieg“ gibt es in neuer Auflage als Taschenbuch, erschienen im Ullstein-Verlag. ISBN-Nummer: 978-3548377599.

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