Film

„Wind River“: Der Schnee und das Schweigen

Jeremy Renner als Ranger des U.S. Fish and Wildlife Service und Gil Birmingham (v.li.) in „Wind River“ Foto:Wild Bunch

Jeremy Renner als Ranger des U.S. Fish and Wildlife Service und Gil Birmingham (v.li.) in „Wind River“ Foto:Wild Bunch

Ab morgen in unseren Kinos: „Wind River“ über die Tristesse der Indianerreservate und den amerikanischen Kreislauf der Gewalt

Im Vergleich zu Europa sind die Vereinigten Staaten von Amerika ein junges Land? Nur, wenn man all die Jahrhunderte außer Acht lässt, bevor die Weißen aus Europa die Ureinwohner Amerikas unterdrückt und ermordet, umgesiedelt und ausgeschlossen haben. Aber Geschichte schreiben eben die Sieger. Dem kann sich auch US-Filmemacher Taylor Sheridan nicht entziehen, und so geriet seine zweite Regie-Arbeit „Wind River“ zu einem Paradox. Auf der einen Seite erzählt Sheridan mit angemessener Bitterkeit von den Verletzungen und Erniedrigungen, denen die Ureinwohner in Reservaten wie der Wind River Indian Reservation in Wyoming immer noch ausgesetzt sind. Auf der anderen ist auch sein Held, der für den U.S. Fish and Wildlife Service arbeitende Jäger und Fährtensucher Cory Lambert, ein Weißer.

Schönheit und Schrecken verschmelzen

Eine junge Frau rennt durch eine nächtliche Schneelandschaft. Sie ist barfuß, ihr Gesicht ist von Schlägen gezeichnet, ihr Körper auch. Eine Blutspur im grellen Weiß des Schnees erzählt von ihren Schmerzen und deutet das nahe Ende an. Sie wird trotz aller Anstrengungen in der eisigen Kälte Wyomings sterben. Schon in dieser ersten Sequenz, die auf der Tonspur nur vom Heulen des Windes und einer eindringlichen Frauenstimme beim Gedichtrezitieren begleitet wird, verschmelzen Schönheit und Schrecken auf grandiose Weise. Die verschneite und fast unberührte Landschaft – ein tödliches Idyll.

Nachdem Cory Lambert (Jeremy Renner), der die eigene Tochter auf ganz ähnliche Weise verloren hat, die Leiche der jungen Frau gefunden hat, beginnt eine klassische Krimihandlung um einen wortkargen Außenseiter, der von der Aufklärung des Mordes wie besessen ist. „Wind River“ reiht sich in die lange Tradition der amerikanischen Rachewestern wie John Fords Klassiker „Der schwarze Falke“ ein.

Der Zuschauer wird zum Komplizen

Renners Fährtenleser und Jäger ist wie John Waynes Ethan Edwards einer dieser Antihelden, denen es nicht gelingt, dem Erbe der Gewalt zu entkommen. Im atemberaubenden Showdown des Films, in dem eine Gruppe unvorbereiteter Polizisten unter Leitung der jungen FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) auf einige hemmungslose Mörder trifft, entpuppt sich Lambert als eiskalter Killer, der Menschen mit der gleichen gefühllosen Präzision tötet wie die Tiere, die er jagt. Sheridan gelingt in diesem Moment ein Balanceakt. Er bedient die Konventionen und Mechanismen des Genres perfekt und macht den Zuschauer zum willigen Komplizen Lamberts. Und deutet zugleich an, dass es noch sehr lange dauern wird, bis die USA dem Teufelskreis der Gewalt entkommen werden.

Das war auch schon ein zentrales Motiv von Denis Villeneuves Thriller „Sicario“ und David Mackenzies Neo-Western „Hell or High Water“, für die Sheridan die Drehbücher geschrieben hat. Zusammen mit „Wind River“, bei dem er erstmals eins seiner Bücher selbst in Szene gesetzt hat, bilden die beiden Filme eine Art Trilogie.

US-Geschichte, bündig zusammengefasst

Die Kämpfe und Schlachten, welche die USA im 19. Jahrhundert geprägt haben, sind längst nicht vorüber. Nur werden sie heute verdeckt auf anderer Ebene geführt. Die Mörder in „Wind River“ sind die Nachfahren derer, die einst den Indianern Land und Leben geraubt haben. Lambert erklärt seiner wohlmeinenden, aber ahnungslosen Partnerin Jane Banner einmal: „Dieser Schnee und das Schweigen – das ist das Einzige, was man ihnen nicht weggenommen hat.“ So bündig lässt sich ein Kapitel der US-Geschichte zusammenfassen.

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