West Side Story

West Side Story macht Dortmund zur Musical-Metropole

West Side Story in Dortmund: Viel Action, große Gefühle 

West Side Story in Dortmund: Viel Action, große Gefühle 

Foto: Anke Sundermeier / Stage Picture GmbH

Dortmund.   Die West Side Story in Dortmund muss man sehen. Wir verraten, warum

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Der Mambo hat sich noch nicht ausgetobt, da hält die Welt den Atem an. Maria begegnet Tony. Nichts sonst zählt mehr. Dieser Erstkontakt des zweitberühmtesten Liebespaares nach Romeo und Julia wird in der Dortmunder West Side Story so sachte und so verwundert und doch auch so existenziell erzählt wie in keiner anderen Inszenierung des Musical-Dauerbrenners. Nicht nur wegen solcher überraschender Momente steht das Publikum im ausverkauften Haus, sobald der Schlussakkord verklingt. Dem engagierten Ensemble und dem Regie-Team um Gil Mehmert gelingt es tatsächlich, eine der besten West Side Storys jenseits vom Broadway auf die Bühne zu bringen.

Verteilungskämpfe im Brennpunkt

Eine Reifenreklame markiert den Horizont der Jugendlichen in der West Side. Auf dem Plakat führt eine Straße schnurgerade ins wunderbare Irgendwo (Somewhere). Doch soweit werden die Jets und die Sharks niemals kommen. Das Glücksversprechen des amerikanischen Traums lässt sie im Stich. Die weißen Jets sind Einwanderer der zweiten Generation, die es nicht geschafft haben. Die braunen Sharks kommen frisch aus Puerto Rico und merken rasch, dass das gelobte Land sie gar nicht braucht. So bleiben beiden Seiten nur Verteilungskämpfe in der schäbigen Arena der sozialen Brennpunkte. Überschießendes Testosteron trifft auf Depression, eine explosive Mischung.

Folkwang-Professor Gil Mehmert ist der profilierteste Musical-Regisseur Deutschlands. Für Dortmund hat er bereits mehrere erfolgreiche Inszenierungen geschaffen. Nun also die West Side Story, eine Kooperation mit den Domfestspielen Magdeburg. Mit „Tarzan“ Anton Zetterholm fährt Dortmund einen Tony auf, der das Musical-Publikum von weither anlockt, aber auf den bekannten Namen alleine verlässt man sich nicht. Bühnenbildner Jens Kilian hat eine Raumlösung mit Wow-Effekt entworfen, einen großen Platz, gesäumt von heruntergekommenen Backsteinhäusern, in den eine typische gekachelte 50er-Jahre-Tankstelle geschoben werden kann, mit Laden, Klos, Werkstatt und sogar einem Geschäft für Brautmode, in dem Maria und Anita arbeiten.

Die Architektur bietet viele Möglichkeiten für die Tanz- und Kampfszenen, für Mopeds und den Polizeijeep und erzeugt trotzdem das Gefühl klaustrophobischer Enge. Wer hier landet, der kommt nie wieder raus.

Die West Side Story funktioniert im Theater eigentlich immer. Aber richtig gut wird es erst, wenn das Ensemble die kaum verborgene Aggressivität im Alltagston auch zeigen kann, ohne zu überdrehen. Das gelingt in der Choreographie von Jonathan Huor umwerfend gut. Beim Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Kulturen in der Disco heizt die latente Gewaltbereitschaft eine knisternde Sexualität an. Wenn die Jets in „Gee, Officer Krupke“ die Polizei verhöhnen, geht Straßenakrobatik eine Verbindung mit Comedy ein, die auf den ersten Blick zum Schießen lustig ist und an der man sich auf den zweiten Blick verschluckt.

Anton Zetterholm und Iréna Flury leben in diesen Angsträumen als Tony und Maria ihre Liebe mit einer solchen Unschuld und einer solchen Unmittelbarkeit, dass das unvermeidliche Ende selbst den hartgesottensten Premierenabonnenten die Tränen in die Augen treibt. Gil Mehmert schenkt dem Publikum aber auch nichts, vor allem nicht den „Somewhere“-Traum von einem Amerika, bei dem es tatsächlich einen Platz für sie alle gibt, die Jets und die Sharks.

Eine gemeinsame Stimme

Fast könnte man kritisieren, dass die Bilder, die Dortmund in dieser West Side Story auf die Bühne zaubert, schon zu groß, zu perfekt, zu überwältigend sind. Wären da nicht die Dortmunder Philharmoniker, welche unter Philipp Armbruster die zündenden Rhythmen ohne Weichspüler spielen und damit zum Chronisten der tödlichen Liebesgeschichte werden. Ja, dem Orchester gelingt, was auf der Bühne Utopie bleiben muss: all die ethnisch scharf abgegrenzten Klangfarben zu einer gemeinsamen Stimme zu verschmelzen. Und wäre da nicht Gil Mehmerts Talent, inmitten der ganzen Perfektion immer wieder Momente wahrhaftiger Poesie aufscheinen zu lassen.

www.theaterdo.de

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