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Jessica Chastain glänzt in „Molly’s Game“ auch ohne Poker

Jessica Chastain als Molly, die nicht lange im Geld schwimmt...

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Jessica Chastain als Molly, die nicht lange im Geld schwimmt...

  Wer alles schon hat, holt sich den Kick mit Poker: Aaron Sorkins „Molly’s Game“ bietet Klischees, aber auch Jessica Chastain

Es gibt kein Naturgesetz, das schönen Frauen Intelligenz und Durchsetzungsvermögen abstreitet. Dank der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gilt aber auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch die gegenteilige Auffassung. Für eine Frau wie Molly Bloom, die schon als Kind lernte, mit Kopf und Herz gegen widrigste Umstände anzukämpfen, sind solche Überlegungen kein Thema mehr. Sie hat es geschafft. Molly organisiert Pokerrunden, in denen sehr reiche Männer ein Wochenende lang aus der Öffentlichkeit abtauchen und den Kick mit aberwitzigen Wetteinsätzen am Kartentisch suchen. In diesen Kreisen fasste Molly durch eine glückliche Konstellation aus Beziehung, Zufall und wachem Verstand Tritt.

Schillerndes Regiedebüt

Außerdem konnte sie mit Zahlen und Menschen umgehen, war vertrauenswürdig und hübsch, bewies Charme und Humor, drängte sich aber zu keiner Zeit auf. Dann begann sie erfolgreich, selber solche Runden zu organisieren. Dass irgendwann auch die Vertreter der russischen Mafia am Pokertisch Platz nahmen, war weit weniger riskant als einem armen Teufel in der Pechsträhne mit einer Summe (gegen Zinsen, versteht sich) aus der Klemme zu helfen. Postwendend präsentiert eines Tages das FBI eine Klageschrift wegen illegalen Glücksspiels. Unversehens mittellos, wendet sich Molly an einen Anwalt, der von ihr die Wahrheit erwartet – und nicht glauben mag, was er da zu hören bekommt.

Aaron Sorkin schrieb die Drehbücher zu „The Social Network“, und „Steve Jobs“, er erfand die Serien „West Wing – Im Zentrum der Macht“ und „The Newsroom“. Nun hat der auf schillernde Charaktere fixierte Oscar-Preisträger nach einer wahren Geschichte ein nicht minder schillerndes Regiedebüt realisiert; mit eigenem Drehbuch, selbstredend.

Sorkin peitscht in fast zweieinhalb Stunden Spielzeit die wohlhabende US-Gesellschaft durch das Haifischbecken der Banker, Sportler, Schauspieler und Unterweltler, in dem mit Geldscheinen und Spielkarten um einen Thrill gerungen wird, der eine letzte Hürde zum Glück braucht, weil man eigentlich schon alles hat. Spielleiter Sorkin inszeniert diesen Zirkus der schnell gereizten Eitelkeiten wie einen Sportbericht, mit Molly als Kommentatorin, die ihren Job in sündhaft schön ausgeschnittenen Abendgarderoben versieht.

Sehr tiefgründig ist das auf die Dauer nicht. Aaron Sorkin hat seinen Spaß, die reichen Alphatierchen und die Schöne mit demBlick einer Mutter zu inszenieren, die den Kindern beim Spiel im Sandkasten zuschaut. Dafür präsentiert er eine überaus schicke Oberfläche mit komplex ineinander verschachtelten Handlungs- und Zeitebenen darunter, die immer wieder an einem Schreibtisch zusammenlaufen: Dort lässt die abgebrühte Heldin mit treuherzigem Augenaufschlag ihr Leben und Wirkenvor dem erstaunten Anwalt (Idris Elba) mit ironisch gepfeffertem Wortwitz Revue passieren.

An der Grenze zur Karikatur

Bewährte Regeln und Muster aus den Genres des Gangster-, des Spieler- und des Gerichtsfilms werden dabei mal aufregend schick, bisweilen aber in allzu schlichter Küchenpsychologie und oft genug wie unfreiwillige Karikaturen arrangiert. Das hat eine gewisse Sprunghaftigkeit zur Folge, die mit fortschreitender Spielzeit ebenso anstrengend ist wie die unerklärlich milchig diffuse Lichtsetzung der Kamera. Bewährte Charaktergesichter (wie Kevin Costner als Mollys strenger Dad) helfen dem Geschehen immer wieder voran. Aber der eigentliche, einzig kraftvolle Motor des Films ist Jessica Chastain, die in der Hauptrolle mit Maschinengewehr-Dialogen, aggressivem Sexappeal (Hollywood betreibt gerade eine Renaissance des Dekolletés) und nuancierter Verletzlichkeit selbst dann wie ein Tornado durch den Film fegt, wenn sie nur auf einem Sofa sitzt und ihre Wirkung auf andere Leute abwartet. Dass diese Performance bei den Oscars durchfiel, ist angesichts der starken Konkurrenz kein Skandal, aber doch schade.

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