Musik

Warum die Nonnen von Kloster Paradiese so klug waren

Ausschnitt aus einer Sequenz zum Namensfest des heiligen Dominik aus dem Kloster Paradiese. Foto:

Ausschnitt aus einer Sequenz zum Namensfest des heiligen Dominik aus dem Kloster Paradiese. Foto:

Foto: Universitaets- und Landesbibliothek Duesseldorf

Soest.  Vor 600 Jahren dichten, malen und komponieren die Nonnen von Kloster Paradiese in Soest. Jetzt wird ihre Musik wiederentdeckt

Singen ist Männersache. Die Gregorianik erfinden Mönche nur für Mönche. Doch in einem kleinen Kloster in Westfalen lassen sich die Frauen nicht von Bildung und Kultur ausschließen. Sie lernen Latein, malen, dichten, komponieren und schaffen sich damit ein Paradies bereits auf Erden. Die vier Chorbücher der Nonnen von Kloster Paradiese in Soest sind 600 Jahre alt und damit die früheste schriftlich überlieferte Musik Westfalens. Ihre Geschichte ist spannender als Umberto Ecos „Der Name der Rose“.

Prof. Dr. Eva Schlotheuber (59) von der Universität Düsseldorf ist als Spezialistin für mittelalterliche Frauenklöster gewissermaßen eine Detektivin auf den Spuren der Soester Nonnen. Sie gehört zu dem internationalen Forscherteam, das die Chorbücher aus Paradiese jetzt wissenschaftlich erschlossen hat. Die beiden Bände sind im Münsteraner Aschendorff-Verlag erschienen und gut ihre 10 Kilo schwer. Warum können die Dominikanerinnen von Paradiese lesen und schreiben und sogar Latein? Das beherrschen doch um 1300 selbst viele Könige und Hochadelige nicht. „Wir haben die besondere Situation, dass Paradiese ein Modellkloster werden sollte“, erläutert die Historikerin. „Das hat dazu geführt, dass die Soester Dominikaner die Frauen sehr gut unterrichtet haben, auch in der Fähigkeit, selbstständig zu denken.“

Frauen von den Ketzern weglocken

Die Dominikaner handeln nicht uneigennützig, als sie – ganz gegen ihre späteren Gepflogenheiten – die Frauenseelsorge für sich entdecken. Das Umdenken geschieht als Reaktion auf großen äußeren Druck. Denn die Massen strömen zuhauf den sogenannten Ketzern zu, den Katharern und Albigensern. Frauen haben im Mittelalter in der Kirche ebenso wenig zu sagen wie heute. Bei den am Urchristentum angelehnten Gruppen wie den Waldensern und der großen Häresiebewegung wie den Katharern dürfen sie aber sogar predigen. Diese Bewegungen erhalten einen derart großen Zulauf, dass der Amtskirche Angst und Bange wird. „In Südfrankreich war die Kirche in großer Not, da gab es schon regelrechte häretische Bistümer“, schildert Eva Schlotheuber. „In dieser Situation gründen die Dominikaner neue Frauenklöster, um diese große Gruppe von den Häretikern wegzulocken und ihnen ein religiöses Leben innerhalb der Kirche zu ermöglichen. Die theologische Idee dahinter ist: Wenn die Frauen für die Erbsünde der Menschen verantwortlich waren, dann sind sie auch wichtig für die Erlösung.

Auch verheiratete Frauen dürfen ins Kloster

Bis Westfalen sind die Katharer nicht gekommen, aber die Dominikaner übertragen das Erfolgsmodell der Frauenklöster des Südens auf den Norden. Das geht nicht ohne Konflikte ab, denn in die Konvente, auch ins Kloster Paradiese, dürfen anfangs nicht nur unverheiratete Frauen aus allen Schichten eintreten, sondern auch Witwen und sogar verheiratete Frauen mit ihren Kindern. „Anfangs hatten die Dominikaner Schwierigkeiten, Frauen für Paradiese zu finden. Das Konzept war eine soziale Gratwanderung, weil nun plötzlich Frauen die Möglichkeit gegeben wurde, sich von ihren Männern zu trennen“, so Eva Schlotheuber.

Möglich wird die Gründung von Paradiese in einer wirtschaftlichen Aufbruchphase. „Eine mittelalterliche Warmzeit führt zu einem Siedlungsaufschwung. Städte werden gegründet. Mehr Kinder werden erwachsen. Es rentiert sich nun, auch die Hochlagen in Mittelgebirgen wie dem Sauerland zu erschließen. Viele davon fallen nach der Pest wieder wüst.“ Im Jahr 1255 hat der damalige Ordensprovinzial Albertus Magnus aus Köln die Professgelübde der ersten zwölf Nonnen des Klosters Paradiese entgegengenommen.

Die schönsten Bücher schreiben die Nonnen für sich selbst

Heute wissen wir nur noch wenig über das Leben der Frauen im Mittelalter. Die Chorbücher der klugen Nonnen vom Hellweg öffnen uns ein Fenster in die Vergangenheit. Nur vier dieser wunderbaren Handschriften haben sich erhalten, zwei Antiphonarien (Sammlungen liturgischer Lieder) und zwei Graduale (liturgische Bücher). Möglicherweise haben die Soester Nonnen auch Bücher im Auftrag kopiert und illustriert, doch die schönsten und unkonventionellsten Exemplare schreiben sie für die eigene Gemeinschaft, wobei sie die Liturgie mit eigenen Musikkompositionen und knapp tausend lateinischen Beischriften liebevoll kommentieren und ausdeuten. Eva Schlotheuber ist begeistert: „Sie hatten die Freiheit, der Liturgie neue Texte, sogenannte Sequenzen, hinzuzufügen.“

Und was noch ungewöhnlicher ist: Die Nonnen schreiben sich selbst in die Liturgie hinein, ordnen sich mit ihren Initialen der Liturgie zu. „Damit machen sie klar: Das ist unsere Sache. Sie nähern sich der Liturgie als Handelnde, indem sie sie selber durchdringen und sehr selbstständig auf die eigene Situation anpassen.“

Mittelalterliche Gesänge aus Kloster Paradiese erklingen am 4. August um 11.30 uhr in Neu St. Thomae Soest: https://www.soesterfehde.de

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