Enid Blyton

Warum Erfolgsautorin Enid Blyton nie erwachsen werden wollte

Fünf Freunde, Hanni und Nanni, Dolly ... Enid Blyton schrieb jede Woche ein Buch.

Fünf Freunde, Hanni und Nanni, Dolly ... Enid Blyton schrieb jede Woche ein Buch.

Foto: Caroline Seidel

Vor 50 Jahren starb Enid Blyton. Sie verkaufte mehr Bücher als Rowling, wurde häufiger übersetzt als Shakespeare und von der BBC boykottiert.

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Diese verflixte Erwachsenenwelt mit ihren Differenzierungen, ihrem Für und Wider, ihren Menschen, die nicht eindeutig gut und böse sind – das ist nichts für Kinder. Was also hilft? Die Flucht in die Illusion. Generationen von Menschen zwischen Lesefähigkeit und beginnender Pubertät sind mit Enid Blyton geflüchtet: auf die Insel (oder den Berg, See, Fluss, das Tal etc) der Abenteuer mit Hanni, Nanni oder Dolly ins Internat und mit ihrer bekanntesten und erfolgreichsten Serie, den „Fünf Freunden“ überall hin.

Die BBC warf sie aus ihrem Programm

Mit Julius (der später Julian heißen durfte), Richard (Dick), Anne und Timmy, dem Hund. Und eben auch Georgina (später George), dem Mädchen, das sich als einzige weibliche Figur im Blyton-Universum erdreistete, auch mal die Führungsrolle der Jungs anzufechten, folglich, und darüber mögen Gender-Expert*innen richten, wollte sie eigentlich ein Junge sein...

Das aber war die größte Anfechtung an klassische Rollen und Klischees, die sich Enid Blyton erlaubte. Ansonsten war für Zwiespältigkeiten und Differenzierungen kein Platz und wohl auch keine Zeit, wenn sie wöchentlich ein neues Buch fertigstellte, so wie sie es ab 1942 machte.

Die Sucht nach seichter Ablenkung in schlichter Sprache rief Kritiker auf den Plan: Die BBC verbannte sie aus dem Programm, Bibliotheken warfen sie (vorübergehend) aus dem Bestand. Indes: Wer weiß, wie es um die Lesefähigkeit der 40- bis 80-Jährigen bestellt wäre, hätten sie nicht dutzendweise die Bücher verschlungen. Enid Blyton betonte kühl: „Kritik von Leuten über zwölf interessiert mich nicht.“

Die – und das versuchen die Pädagogen bei Neuauflagen zu korrigieren – allerdings mit rassistischen Untertönen eingefärbt waren, bei denen man streiten kann, wie weit sie Zeitkolorit sind. Die Unholde jedenfalls waren oft Gauner aus dem Ausland; Landstreicher, Menschen aus der Unterschicht und auch die übrigen Charaktere zweidimensional, der Wortschatz begrenzt, die Moral schwarz-weiß.

Mittlerweile hat man die Ohrfeigen, die Lehrer früher in ihren Werken noch verteilen durfte, in Schelte verwandelt, doch noch immer sind erwachsene Frauen als Mütter fürs Kuchen backen und Limonade verteilen zuständig.

Ihre Romanserien wurden auch nach dem Tod der Autorin im November vor 50 Jahren fortgesetzt. Noch immer gilt sie als die weltweit bestverkaufte Kinderbuchautorin – noch vor J.K. Rowling. Sie verkaufte geschätzte 600 Millionen Bücher und hat vor allem in Deutschland, Indien und Japan viele Fans.

Eine England-Idylle, die es niemals gab

Ihre 753 Abenteuer-, Internats- und Fantasie-Bücher wurden fast so häufig übersetzt wie Shakespeares Werke. Die meisten Serien spielen in der guten alten Zeit, einem imaginären England, von dem Brexit-Befürworter träumen und das so nie existiert hat: ein Empire mit Teestunde am Nachmittag, bevölkert von wohlerzogenen Kindern, Gouvernanten, überforderten Polizisten, und – natürlich - Schurken.

Blyton flüchtete in diese Welt vor der Wirklichkeit: Geboren am 11. August 1897, wuchs sie in einem südlichen Londoner Vorort in einer Vertreterfamilie auf. Keine glückliche Kindheit: „Enid und ich standen oben an der Treppe mit den Armen umschlungen, weinten und lauschten allem, was vor sich ging“, beschrieb ihr jüngerer Bruder Hanly später die Atmosphäre.

Die Streitereien erlebte Enid Blyton genau an der Schwelle, die ihre literarischen Figuren niemals überschreiten: An den Beginn der Pubertät fiel der Auszug des Vaters zu seiner Geliebten – zeitlebens hatte Blyton eine distanzierte Beziehung zu ihrer Mutter, die ihre frühen Schreibversuche laut einer neuen Biografie von Nadia Cohen als „Kritzeleien“ und „Verschwendung von Zeit und Geld“ bezeichnete.

Doch die junge Enid ließ sich nicht abbringen: Ihre Flucht in die literarische Massenproduktion begann. Statt wie vorgesehen Konzertpianistin zu werden, sattelte sie um auf Lehrerin, auch um mehr über ihre Zielgruppe zu erfahren. Mit 25 veröffentlichte sie ihren ersten schmalen Gedichtband. Als sie den Lektor Hugh Pollock traf, schrieb sie in ihr Tagebuch: „Ich will ihn für mich.“ 1924 heirateten sie. Nach außen hin baute sie sich ein perfektes Familienleben auf. Doch in der Ehe brodelte es: Er war Alkoholiker und litt an Depressionen, sie rettete sich in Affären. Nach zwanzig Jahren ließen sie sich scheiden – damals ein Skandal – und heirateten ihre Liebhaber.

„In Wahrheit war sie arrogant,unsicher, anspruchsvoll“

Ihre Tochter Imogen Smallwood beklagte 1989 in ihren Memoiren „A Childhood At Green Hedges“: „In Wahrheit war Enid Blyton arrogant, unsicher, anspruchsvoll, sehr geschickt darin, schwierige oder unangenehme Dinge aus ihrem Kopf zu verbannen, und ohne jeden mütterlichen Instinkt.“ Vielleicht, weil sie selbst nicht erwachsen werden wollte. Ihre Gebärmutter blieb kindlich, erst nach einer Hormontherapie wurde sie Mutter – später nannte sie ihre Bücher ihre wahren Kinder.

Immerhin: Mittlerweile, der britischen Tugend der Selbstironie sei Dank, lebt sie sogar ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod weiter: Parodien wie „Five on Brexit Island“ (dt: Fünf Freunde auf der Brexit-Insel) verkaufen sich in Hunderttausender Auflagen.

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