Interview

Bernd Stelter: „Vor Premieren stampfe ich wie ein Tiger“

Für ihn ist nicht nur Samstag und Sonntag Wochenende: Bernd Stelter.

Für ihn ist nicht nur Samstag und Sonntag Wochenende: Bernd Stelter.

Foto: Manfred Esser

Essen.   Mit neuem Programm kommt Komiker Bernd Stelter auf Tournee. Warum er nichts von dem Begriff „Work-Life-Balance“ hält – und was er bereut.

Auf 150 Auftritte zwischen Hoppeditz-Erwachen und Rosenmontag folgt direkt die nächste Tour: Bernd Stelter (57) denkt gar nicht erst an längere Bühnenpausen. Nach seinen Karnevals-Shows stellt der aus Unna stammende Komiker nun sein neues Soloprogramm „Hurra, ab Montag ist wieder Wochenende“ in zahlreichen Städten in der Region vor. Über Versäumnisse, Zukunftspläne und Familienangelegenheiten sprach der Vater einer angehenden Lehrerin mit Patrick Friedland.

Was machen Sie denn am liebsten zwischen Montag und Freitagnachmittag, wenn Sie nicht gerade auf der Bühne stehen?

Leben. Und einfach Genießen – im Gegensatz zu vielen anderen. Wenn ich montags Auto fahre, höre ich fast immer von einem Radiomoderator: „Montag, das ist nicht unser Tag – aber in fünf Tagen ist ja wieder Wochenende.“ Was soll das? Das ist Zeitvergeudung pur. Wir freuen uns montags aufs Wochenende, morgens auf den Feierabend und das ganze Leben lang auf bessere Zeiten. Da müssen wir von weg. Wenn ich nachts im Bett liege, überlege ich immer, was mir an dem Tag Gutes passiert ist. Holt man sich das nach vorne, geht’s einem prima.

Sie sind auch kein Freund des Begriffs „Work-Life-Balance“. Warum das?

Der Begriff wird immer automatisch als richtig hingestellt. Ist er aber nicht. Zu einem guten Leben gehört ein Job, der Spaß macht. Ich denke: Wenn deine Arbeit nicht mehr zum Leben gehört, dann hast du verloren.

Haben Sie denn jemals daran gezweifelt, ob Ihr Job noch der richtige für Sie ist?

Nee. Natürlich gibt es auch mal Momente, in denen einem der Job nervt. Zum Beispiel, wenn irgendwelche Frauen die Bühne stürmen. Aber: Mein Job ist ein toller Job.

Klingt nicht so, als ob Sie sich schon mit dem Ruhestand beschäftigen.

Gar nichts tun könnte ich nicht. Wenn das mit der Bühne irgendwann nicht mehr so klappt, dann würde ich halt was schreiben oder fotografieren. Ich habe schon genug Leute erlebt, die mit 60 oder 65 aufhörten und dann nichts mehr gemacht haben. Die bleiben nicht mehr lange fit! Ich gehe zu gerne auf Bühnen und erzähle den Leuten Geschichten.

Damit füllen Sie dann bald wieder zwei Stunden Programm – was kann das Publikum erwarten?

Bei der letzten Show betrug der Musikanteil 70 Prozent und der Redeanteil 30, jetzt ist es wieder umgekehrt. Mit dabei sind meine beiden Kunstfiguren, der Bauer, der Probleme mit Computern hat, und der 15-jährige Hip-Hopper, der nur Jugendsprache spricht. Es sind aber auch ernste Stücke dabei.

Sie zitieren auf Ihrer Homepage Rudi Carrell: „Wenn du den Leuten einen tollen Abend machen willst, bringe sie zum Lachen und zum Weinen.“ Was ist daran schön, andere zum Weinen zu bringen?

Weinen ist ein Gefühl, Lachen ist ein Gefühl. Wenn man einen ganzen Abend lang nur ein Gefühl hat, ist mir das zu wenig. Es gibt eine riesige Palette an Gefühlen. Und wer einen tollen Abend haben will, muss diese Palette ausschöpfen. 45 Minuten nur lachen – dann wird mir langweilig. Im Karneval geht das. Da geht’s 20 Minuten lang nur darum, einen Knaller-Gag nach dem nächsten rauszuhauen, das ist mit meinen Solo-Shows aber nicht vergleichbar.

Die Deutschen gelten ja generell als Volk, das zu wenig lacht. Warum ist das so?

Weil wir zu selten raus gehen, uns zuhause einschließen, zu selten Leute treffen. Das läuft z.B. in Skandinavien, Mexiko oder Kolumbien ganz anders. Vielleicht, weil da die Familie einen ganz anderen Stellenwert hat als in Deutschland.

Wie läuft das bei Ihnen ab?

Gerade weil meine Kinder nicht mehr zuhause wohnen, treffen wir uns regelmäßig. Meist holen wir dann noch die Schwiegereltern dazu. Da geht man mal feiern, zu zehnt ins Konzert oder trifft sich in Holland. Wir tun Sachen, an die wir uns gerne erinnern. Ich denke, dass man sein Geld in Erlebnisse investieren sollte – und nicht in Autos oder sowas. Die machen nicht glücklich, da sagt das Gehirn nach zwei Tagen: „Ok, jetzt ist es Teil meines Fuhrparks“ und schaltet dann ab. Und: Wir hasten zu viel durchs Leben. Wir haben alle zu wenig Zeit und verpassen dadurch vieles.

Welches Versäumnis bereuen Sie?

Vor Urzeiten überlegte ich, auf ein Barbra-Streisand-Konzert zu gehen und habe es wegen der unverschämt teuren Karten nicht gemacht. Ich dachte mir: „Ne du doofe Ziege, so viel Geld kriegste von mir nicht.“ Hinterher schwärmten alle, wie toll der Gig war – mein Gott, habe ich mich geärgert. Hätte ich das Geld besser mal in das Erlebnis investiert.

Sie wollen Ihr Publikum aber nicht belehren?

Nein. Ein bisschen Hintergrund, etwas zum Nachdenken sollten die Geschichten aber schon haben.

Das mit dem Lehren übernimmt dann schon eher Ihre Tochter. Was lernen Sie denn von ihr?

Viel. Ich dachte bei ihr, dass sie mit ihrer tollen Stimme irgendwann etwas Ähnliches wie ich macht, sich bei einer Musical-Schule bewirbt oder sowas. Irgendwann sagte sie: „Papa, ich will das nicht. Ich will Lehrerin werden.“ Und ich war völlig baff. Überraschende Situationen wie diese, da muss man darüber nachdenken und auch für sich etwas rausziehen.

Sind Sie eigentlich nach all den Jahren noch nervös, bevor Sie auf die Bühne gehen?

Die Tage vor der Premiere sind schlimm. Meine Frau sagt immer, dass ich da Trampelpfade in den Granitfußboden stampfe, weil ich zuhause auf und ab laufe wie ein Tiger.

Gibt’s ein Mittel dagegen?

Bühne. Rausgehen. Applaus. (lacht) Aber mal im Ernst: Beim vorletzten Mal wurde es so schlimm, dass ich nach einigen Tagen ohne Schlaf von meiner Frau zu einem Konzert gezogen wurde. Es war eine Coverband, die waren total perfekt. Irgendwann in der zweiten Hälfte fiel mir dann auf, dass diese Musiker quasi nie Premiere haben, weil sie immer nur 30 Jahre alte Songs spielen. Da dachte ich plötzlich: „Schön, dass ich dieses Lampenfieber noch habe.“

Weil man bei der Vorstellung von Selbstkreiertem ganz anders fühlt?

Ja. Und ich gebe mir große Mühe, dass das nächste Programm nicht „20 Jahre Best-of Bernd Stelter“ heißen wird. Ich will immer etwas Neues machen. Hinzu kommt: Vor 20 Jahren habe ich darüber Witze gemacht, dass man mit Kindern eine ganze Reihenhaussiedlung braucht. Wem soll ich das mit 57 Jahren noch verkaufen? Ich will Texte schreiben über das, was mich im Hier und Jetzt bewegt – und das sind nicht kleine Kinder. Kann aber in vier, fünf Jahren wieder anders aussehen … (lacht)

Schon mal über das mögliche Leben als Opa nachgedacht?

Na klar. Ich empfinde da nichts anderes als Vorfreude. Stellen Sie sich mal vor: Sie haben einen einjährigen Hosenscheißer zuhause. Und wenn der zu viel geschissen hat, dann geben sie den einfach wieder ab. Das ist geil, oder?

Vielleicht. Aber spätestens dann würden Sie etwas kürzer treten, nicht wahr?

In zwei Jahren werde ich 60. Dann möchte ich ein Viertel weniger arbeiten und habe pro Jahr zwei, drei Wochen mehr für mich.

Und weniger Autofahrten. Sie fahren die ganzen Strecken zu Terminen selbst, richtig?

Im Karneval lasse ich mich fahren. Ansonsten gilt: Ja, aber nicht mehr als 100 Kilometer, sonst geht’s über Nacht ins Hotel. Was manchmal witzig ist, wenn mein Management aus Hamburg anruft und fragt, ob eine Heimfahrt von 104 Kilometer nicht doch in Ordnung wäre. Irgendwo muss ich eine Grenze ziehen. Nach Auftritten ist man noch vollgepumpt mit Adrenalin, doch nach einer bestimmten Distanz wird man müde – und irgendwann kommt der Punkt, an dem einem jemand den Baseballschläger über den Kopf zieht. Das muss nicht sein.

Fahren lassen ist auf Tour keine Option?

Nee. Wenn ich auf Tour bin, muss ich zum Beispiel meine Musik hören. Klassik, Hörbücher, Klassiker als Hörbücher. Mein Karnevalsfahrer steht ausgerechnet auf die Bläck Fööss, das höre ich ja dann schon ständig während der Session. Sonst gilt: Ich stehe so auf, dass ich um 10 Uhr im Auto sitze und fahre dann bei gutem Wetter auf den nächsten Golfplatz. Neun Löcher, dabei laufe ich fünf Kilometer. Dann geht’s zurück ins Hotel und ich lege mich eine Stunde aufs Ohr, bevor ich zum nächsten Termin fahre.

Abseits Ihrer Auftritte – über welche Kollegen können Sie lachen?

Dave Davis schätze ich sehr. Und das, was Oliver Welke und die „heute show“ machen, ist schon mit das Beste, was in Deutschland passiert. Generell möchte ich da gar nicht so viele einzelne Namen rausheben, ich möchte gute Geschichten erzählt bekommen. Und nicht, dass Männer und Frauen nicht zusammen passen …

Höre ich da eine Spitze gegen Mario Barth?

Nein, gegen fast alle anderen auch. Das Thema ist nun wirklich durch.

Gibt ja genügend andere Themen. Aber worüber würden Sie denn nie Witze machen?

Benachteiligte Minderheiten, Schmutziges, Geschlechterrollen. Tabus sind wichtig. Denn wenn du keine Tabus mehr kennst, worüber willst du dann noch Witze machen?

Am besten auch nicht über Doppelnamen.

Tja, die Frau hat mir einen sehr wichtigen Auftritt kaputtgemacht und ich habe nach wie vor keine Erklärung dafür. Wenn ich bei Wilfried Schmickler oder Jürgen Becker im Kabarett sitze und mich vielleicht an einer Stelle frage, was der da für einen Quatsch erzählt, dann klatsche ich einmal weniger oder auch gar nicht. Aber ich geh doch nicht zu dem auf die Bühne. Mal im Ernst: Jeder wusste, dass an diesem Abend TV-Kameras da sind. Da wollte doch jemand ins Scheinwerferlicht. Mich hat es sehr gestört und ich habe drei Wochen lang keine anderen Fragen beantwortet. Dann war ich drei Wochen im Urlaub, komme zurück, hoffe, dass das Thema durch ist – und das erste, was mich die Frau hinter der Wursttheke fragt, ist: „Was ist denn da los gewesen?“ Es hört nicht auf. Schlimm ist auch, dass jetzt Leute denken könnten: „Och, das klappt ja super“ und es eventuell bald wieder tun.

Haben Sie nach 30 Jahren im Geschäft noch Ziele?

Ich würde gerne Theater spielen, vielleicht auch mal mit meinem früheren Kollegen Kalle Pohl. Oder mit Oliver Welke in der „heute-show“ etwas machen. Solange das Kabarett-Programm aber so läuft, fehlt mir dafür die Zeit. Aber ich habe die Geschichte für ein neues Buch im Kopf. 60, 70 Seiten sind geschrieben, noch fehlen 270.

Worum wird’s gehen?

Es ist wieder ein Holland-Krimi. Ein älterer Muschelfischer wird eingenäht in einen Jutesack unter einem Pier gefunden – und er ist nicht sehr lebendig.

>>>INFO: Bernd Stelter auf Tour

Viele Termine sind schon ausverkauft, hier gibt’s noch Karten:

28.4. Duisburg (Rheinhausen-Halle), 1.5. Iserlohn (Parktheater), 21.6. Marl (Theater der Stadt), 30.6. Dinslaken (Freilichtbühne Burgtheater), 25.9. Witten (Saalbau), 28.9. Langenfeld (Schauplatz), 1.10. Olpe (Stadthalle), 3.10. Arnsberg (Sauerlandtheater), 21.11. Ratingen (Dumeklemmerhalle), 8.12. Unna (Erich Göpfert Stadthalle), 11.3.20 Mülheim (Stadthalle), 22.4.20 Menden (Wilhelmshöhe), 15.5.20 Düsseldorf (Capitol-Theater). Karten ab ca. 29 € auf www.ruhrticket.de.

Leserkommentare (1) Kommentar schreiben