HÖREN UND LESEN

Tipps der Woche: von Schirachs Kaffee und Abenteuer in Hanoi

So viel zum Hören, so wenig Zeit: Um die Auswahl zu erleichtern, empfiehlt die Kulturredaktion auf dieser Seite verschiedene Hör-Erlebnisse. Ein lesenswertes Buch findet sich auch in den Wochen-Tipps.

So viel zum Hören, so wenig Zeit: Um die Auswahl zu erleichtern, empfiehlt die Kulturredaktion auf dieser Seite verschiedene Hör-Erlebnisse. Ein lesenswertes Buch findet sich auch in den Wochen-Tipps.

Foto: Rolf Vennenbernd

ESSEN.   Zum Hören und Lesen: Die Kulturredaktion hört in dieser Woche Lars Eidinger, Joyce Didonato und Walter Braunfels. Als Lese-Tipp: Doris Knecht.

Lesen, Hören, Schauen: Woche für Woche landen jede Menge (Hör-)-Bücher, CDs und DVDs auf den Schreibtischen der Kulturredaktion. Hier präsentieren wir einige ausgewählte Werke.

Der Wochen-Überblick: Wir hören, wie Lars Eidinger von Schirachs „Kaffee und Zigaretten“ liest. Mit Autorin Doris Knecht reisen wir schlaflos durch Hanoi. Im CD-Player rotiert Joyce Didonatos „Songplay“. Und wir entdecken neue Seiten an Walter Braunfels (1882-1954).

Tipp 1: Lars Eidinger liest Ferdinand von Schirach

Er liest, wie ich schreibe — sagt Ferdinand von Schirach über Lars Eidinger. Wundert es da noch jemanden, dass der deutsche Trend-Schauspieler auserkoren wurde, von Schirachs jüngstem Werk die Hörbuch-Töne beizubringen?

Mit „Kaffee und Zigaretten“ öffnet der Erfolgsautor („Verbrechen“) den Zettelkasten seines Lebens. Eidinger – nicht einmal sonderlich pointiert, aber von einer suggestiven Kraft, die das Weghören nahezu unmöglich macht – liest die Episoden, als wär’s ein Stück von ihm.

Von Schirach erzählt von früher Liebe, von Juristen (Schily, Ströbele, Horst Mahler), vom Selbstmordversuch, Fettecken in der Rechtsprechung oder Imre Kertész als Nachbarn. Das vermeintlich Wahllose hat Charme. Die CDs sind zu schade zum Durchhören – eine der 48 fatalistisch-tragischen Weltsichten genügt als starker, wenn auch nicht eben sonniger Impuls pro Tag. (LvG)

Fazit: Wortwörtlich stimmig!

In Kürze: Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten. Ungekürzte Lesung mit Lars Eidinger. 3 CDs, circa 3,5 Stunden. Erschienen bei „Der Hörverlag“, 20 Euro.

Tipp 2: Schlaflos in Hanoi mit Doris Knecht

Heidi ist noch nie geflogen. Und dann gleich nach Hanoi! Millionen Menschen, Autos, Räder, Häuser. Und irgendwo mittendrin, verschwunden: ihre nur äußerlich erwachsene Tochter Lotte. Georg wiederum hat keine Angst vorm Fliegen – aber vor Heidi. Ein, zwei, drei schöne Wiener Nächte vor Jahrzehnten und dann, bevor sie die Chance hatten zu merken, dass ihre Lebensentwürfe nicht passten: das Kind. Lotte. Und so irren zwei, die sich nicht kennen und doch mehr gemeinsam haben als die meisten Menschen, in der Fremde herum.

Autorin Doris Knecht beweist mit „Weg“ einmal mehr, wie gut sie sich mit jenen Dramen, die wir Beziehungen nennen, auskennt. Wie sie mit leichter Hand ihren Öko-Dorfgastwirt Georg, ihre Vollzeit-Vorstadt-Mama Heidi zeichnet, das entspringt einem tiefen Verständnis für die Prägungen und Traumata, die das (Familien-)Leben so bietet. (hei)

Fazit: Hin und weg!

In Kürze: Doris Knecht: Weg. Rowohlt Berlin, 304 Seiten, 22 Euro.

Tipp 3: Joyce Didonato präsentiert „Songplay“

Ein Star der New Yorker „MET“, der in Ruanda schon vierbeinig das Gorilla-Trekking absolvierte, hat sich ja wohl das Recht erkämpft, Barock frech wie Bossa Nova zu singen. Und das tut Joyce Didonato mit Hingabe. Ihr eben erschienenes Album „Songplay“ hat eine klare Botschaft: Jeder Weg, etwas zu singen ist ein guter, tu es einfach mit Liebe.

Und wie die Sängerin, der wir Referenzaufnahmen von Händel und Rossini verdanken, in, sagen wir mal: respektloser Hingabe, 70 Minuten lang bei köstlich drucklos fließendem Mezzosopran eine Fusion nach der anderen serviert, das ist ein Fest für Ohren. Offen für den Mut zum Experiment sollten sie freilich sein: Arie antiche stehen an diesem schillernden Bar-Tresen neben Duke Ellington und Richard Rodgers. Jazz-Pianist Craig Terry hat die Werke von Vivaldi bis Torelli fabelhaft arrangiert, in Terrys Quintett ist Charlie Porters Trompete ein Ereignis. (LvG)

Fazit: Mutig und magisch!

In Kürze: Joyce DiDonato. Songplay. CD, erschienen bei Erato (Warner), circa 17 Euro.

Tipp 4: Walter Braunfels neu entdecken

Walter Braunfels (1882-1954) gehört zu den vielen Komponisten, die es schwer hatten, nach der Stigmatisierung durch die Nazis einen Platz im Musikleben der Nachkriegszeit zu finden. Den Neutönern nach 1945 galten sie als zu konservativ. Dass neben dem Opernschaffen auch Braunfels’ Orchestermusik in Erinnerung gerufen wird, ist nicht zuletzt dem Einsatz des Dirigenten Gregor Bühl zu verdanken, der jetzt mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz bereits seine dritte Braunfels-Einspielung vorlegt.

Enthalten sind die „Fantastischen Erscheinungen über ein Thema von Hector Berlioz“ und die „Sinfonia brevis“. Die „Erscheinungen“ präsentieren sich voller orchestraler Opulenz, die „Sinfonia brevis“ wirkt insgesamt strenger. Bühl und die rheinland-pfälzischen Philharmoniker interpretieren die Werke mit vollem Einsatz auf hohem orchestralem Niveau. (P.Ob.)

Fazit: Ehrenrettung!

In Kürze: Walter Braunfels, Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Musikalische Leitung: Gregor Bühl, CD, bei Capriccio.

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