EMPFEHLUNGEN

Tipps der Woche: Vom Blumensammeln bis Hardcore in der Höhle

So viele Bücher, so wenig Zeit: Um die Auswahl zu erleichtern, gibt es hier die Tipps der Woche.

So viele Bücher, so wenig Zeit: Um die Auswahl zu erleichtern, gibt es hier die Tipps der Woche.

Foto: Frank Rumpenhorst

ESSEN.   Jede Menge Bücher, Filme und Musikaufnahmen landen auf den Schreibtischen in der Kultur-Redaktion. Hier stellen wir ausgewählte Werke vor.

Lesen, Hören, Schauen: Woche für Woche landen jede Menge Bücher, CDs und DVDs auf den Schreibtischen der Kulturredaktion. Hier präsentieren wir einige ausgewählte Werke, von denen wir annehmen, dass sie Ihnen viel Freude bereiten werden – von David Whitehouses Roman „Der Blumensammler“ über Paavo Järvis Sibelius-Sinfonien bis zu Nathan Grays Solo-Konzert in der Dechenhöhle.

Tipp 1: Auf Blumensuche mit David Whitehouse

Es hat mit einer Blume angefangen: ein Moorveilchen wie ein leuchtender Farbtupfer in der dreckverkrusteten Wohnung eines Toten. Als Peter Manyweather bei seiner Arbeit als Reinigungskraft aufschaut, überwältigt ihn die schillernde Überlebenskraft der Natur in dieser kleinen Blume. Bei ihrem Anblick keimt in Manyweather eine ungeahnte Leidenschaft: die Leidenschaft für Botanik, die ihn aus der Einsamkeit fliehen lässt, in entlegene Flecken der Welt führt und sein Schicksal mit dem zweier ihm noch unbekannter Männer verknüpft.

„Der Blumensammler“ ist David Whitehouses zweiter Roman. Es ist ein Abenteuerbuch, in dem sich Wissenschaft und Spiritualität berühren und das Reifen eines Ichs ins Zentrums rückt. Dem Leser verlangt der Engländer vor allem eines ab: sich betören zu lassen von blühenden Exoten und der Magie des Erinnerns. (stew)

Fazit: Nicht nur für Blumenfans! 3/5 Sterne

In Kürze: David Whitehouse: Der Blumensammler. Klett-Cotta. 346 Seiten, 20 €. ISBN: 978-3608503739

Tipp 2: Paavo Järvis und die Sinfonien von Sibelius

Wie so viele Dirigenten hat Paavo Järvi mit den Orchestern, die er leitete, Gesamtaufnahmen erarbeitet. Über die Zyklen mit Sinfonien von Beethoven und Brahms (Deutsche Kammerphilharmonie) haben wir begeistert berichtet. Nun liegen als Rückblick aufs siebenjährige Wirken Järvis als Chef des Orchestre de Paris die Sinfonien von Jean Sibelius als CD-Box vor.

Järvis oft schlanker als manch alte Aufnahmen klingender, trotz zügiger Tempi extrem sensibler Zugriff ist ein Bekenntnis zu jenen sieben Werken, die bis heute Mühe haben, einen festen Platz in Westeuropas Konzertrepertoire zu besetzen. Pathos, Todesnähe, aber auch Lebensgier und Patriotismus: Die Aufnahmen, denen der Live-Mitschnitt Wärme und Unmittelbares schenkt, bleiben keine Werkfarbe schuldig. Die Klangkultur des Orchesters, zumal in den Holzbläsern, ist von beglückendem Niveau. (LvG)

Fazit: Gefühlvolle Großtat! 5/5 Sterne

In Kürze: Jean Sibelius, Sinfonien 1-7. Paavo Järvi, Orchestre de Paris. RCA/Sony. 3 CDs, ca. 38€

Tipp 3: Annie Ernaux hören

Eine Hörcollage wie ein Rausch: Vier große Schauspielerinnen lesen die schillernden Erinnerungsfetzen eines bewegten Jahrhunderts. Die Regisseurin Luise Voigt schuf das Meisterwerk als raffiniert rotierendes Kaleidoskop. „Die Jahre“, das Werk, mit dem die 1940 geborenen Französin Annie Ernaux ihren Durchbruch über Frankreich hinaus erlebte, bringt Voigt auf die Essenz satter Hör-Bilder.

Miefige Provinz-Kindheit, Frauwerdung zwischen Druck und Aufbegehren, ein Land zwischen Algerienkrise und der Sphinx Mitterrand: Man will diese fast 80-minütige Montage wieder und wieder hören, schon weil die für vier Lebensalter stehenden Stimmen von Nicole Heesters (überragend!), Corinna Harfouch, Birte Schnöink und Constanze Becker einen so bedingungslos nah hineinziehen in eine Autobiografie-Landschaft, die faszinierend universelle Züge trägt. (LvG)

Fazit: Ohren-Performance! 5/5 Sterne

In Kürze: Annie Ernaux: Die Jahre. Hörspiel von Luise Voigt. 1 CD, ca 78 Minuten. Erschienen bei DER AUDIO VERLAG, ca. 15€

Tipp 4: Ein Star Amerikas

Der legendäre Ruf Leonard Pennarios (1924-2008) hat die Alte Welt nie recht erreicht. Dabei hatte der Pianist aus Buffalo schon mit sieben Konzerte gegeben, kaum zwölfjährig paukte er sich binnen Wochenfrist Griegs Klavierkonzert ein, um es mit den bass erstaunten Sinfonikern von Dallas aufzuführen.

Der frühe Ruhm machte aus ihm keine Diva. Im Gegenteil: Geduld und Güte wurden Markenzeichen. Das letzte Quäntchen zum Publikumsliebling gaben seine vielen Konzerte auf weltweiten US-Militärbasen im Zweiten Weltkrieg. Selbst ein verstimmtes Klavier im Wüstensand von Karatschi soll Pennarios Virtuosenhänden gedient haben. Eine eben erschienene Box erzählt vom stupenden Können des Pianisten, seinem stilvollen Erkunden der Universen Debussys und Rachmaninow ohne eitle Pose. Eine Perle: Schumanns Klavierkonzert mit dem blutjungen Seiji Ozawa am Pult. (LvG)

Fazit: Etwas für Sammler! 4/5 Sterne

In Kürze: Leonard Pennario. 12 CDs mit Werken von Rachmaninow, Debussy, Liszt, Beethoven, Mendelssohn, Strauss, Dvorak u.a. RCA (Sony), ca 43€

Tipp 5: Nathan Gray, der leise Schreihals

Die Melancholie hat Nathan Gray nicht verlassen. Der 46-jährige Sänger der legendären Post-Hardcore-Band „Boysetsfire“ ist solo um einiges leiser, doch die starken Emotionen hat er mit auf Tour genommen. Neben der Ringkirche in Wiesbaden hat es den Sänger im Mai 2018 auch in die Iserlohner Dechenhöhle verschlagen. Die Aufnahmen sind bestechend klar, Grays Gesang gewohnt intensiv.

Obwohl beide Konzerte eine fast identische Setlist bieten, macht der Klang den Unterschied; die volle Akustik der Dechenhöhle hat ebenso viel Charme wie die hallende Ringkirche. Ausgerüstet mit Gitarre und Streichern unterlegt Gray Lieder seines Soloalbums „Feral Hymns“ und ein paar „Boysetsfire“-Klassiker mit genug Dichte, um die teils traurigen, aber auch lebensbejahenden Stücke zu transportieren. Rundum gelungene Aufnahmen zweier besonderer Konzerte. (ksim)

Fazit: Traurig-schön! 4/5 Sterne

In Kürze: Nathan Gray: „Live in Wiesbaden / Iserlohn“ (End Hits Records/Cargo).

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