Interview

Take it easy, altes Haus: Truck Stop

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Am morgigen Freitag startet das Dinslakener „Fantastival” in seine elfte Saison – wie immer mit einem bunten Programm unter freiem Himmel. Zu Gast ist erstmals auch die deutsche Kultband und Country-Legende Truck Stop (17.8.) - zuvor sprachen wir mit Gründungsmitglied und Sänger Lucius Reichling.

Herr Reichling, Sie sind seit 36 Jahren mit Truck Stop „on the road” – denkt der Cowboy von der Waterkant nicht auch schon mal ans Aufhören?

Reichling: Überhaupt nicht. Es ist ja nicht so, dass ich keine andere Interessen hätte. Aber das lässt sich alles neben diesem wunderbaren Job machen.

Wie kamen Sie Anfang der 70er auf die Idee, eine Country-Band zu gründen?

Reichling: In Hamburg gab es zu der Zeit eigentlich nur Jazz. Jede Kneipe hatte ihre Hausband, und das waren alles Oldtime-Jazzer. Auf die Dauer war das einfach nicht zu ertragen...

Wer waren denn zu dieser Zeit Ihre musikalischen Vorbilder in der Country-Musik?

Reichling: Ich selbst verstand zu dieser Zeit noch gar nicht soviel von Country. Das waren hauptsächlich Cisco, unser Vorkämpfer, und Erich, der in Süddeutschland aufgewachsen war und dort immer den amerikanischen Soldatensender AFN gehört hatte. Da gab es spezielle Country-Sendungen, und Erich hatte bereits zu dieser Zeit das Five-String-Banjo gelernt.

Sie haben mit englischen Texten begonnen und erst später auf Deutsch umgesattelt.

Recihling: Das war die pure Not: Unsere Platten haben sich immer schlechter verkauft. Damals war die Zeit einfach reif für deutsche Texte – Udo Lindenberg kam z.B. gerade groß raus. Eines Tages haben wir gesagt: „Entweder lernen wir jetzt noch einen bürgerlichen Beruf oder wir versuchen es eben auch auf Deutsch.”

Wie steht es denn heute um die deutsche Country-Szene?

Reichling: Es gibt schon einige junge Bands, Boss Hoss z.B. Die singen natürlich nur auf Englisch, und das ist ein gewisser Nachteil, wie ich finde.

Sogar Johnny Cash soll ja mal auf Deutsch gesungen haben...

Reichling: Stimmt, aber das klang schon ziemlich verboten. (lacht)

Sie haben im letzten Jahr das Plattenlabel gewechselt, nachdem Sie zuvor lange bei Ariola waren. Wie kam’s dazu?

Reichling: Eigentlich stand eine Vertragverlängerung an – wir hatten ja zuvor schon zweimal verlängert -, die haben aber nicht reagiert, die Herrschaften. Irgendwann hat Jack White mitgekriegt, dass wir uns umhören, wer noch Interesse haben könnte, und schon bekamen wir eine Mail von ihm. Wir haben uns gleich bestens verstanden und bei seinem Label „Gloriella“ einen wunderbaren Vertrag mit besseren Konditionen als vorher bekommen.

Ihre großen Charts-Erfolge liegen ja schon länger zurück – legen Sie’s heute noch drauf an, mal wieder einen richtig großen Hit zu landen?

Reichling: Natürlich sucht man die Titel für die CDs immer so aus, dass man sagt, der hätte vielleicht eine Chance. Aber heute ist alles viel schwieriger geworden – seitdem es z.B. auch die ZDF-Hitparade schon lange nicht mehr gibt. Da kann man nur hoffen, dass sich ein Titel wenigstens partiell einigermaßen durchsetzt. Dass man noch mal einen Riesenhit hat, das glaub ich eigentlich nicht mehr unbedingt. Aber manche Dinge kommen ja nach vielen Jahren auch nochmal richtig hoch – guck dir Nena an. Immerhin hatten wir in den vergangenen Jahren immer wieder kleinere Radiohits – „Country Sommernacht“ oder auch „Arizona Arizona“ liefen z.B. ganz gut.

Früher waren Truck Stop der definitive Soundtrack für die Brummifahrer auf den deutschen Autobahnen. Ist das heute auch noch so?

Reichling: Ja, ganz viele haben immer noch Truck Stop im CD- oder mittlerweile Mp3-Player. Das hören wir aber auch von PKW-Fahrern oft: Wenn man bei einer längeren Tour von Verkehr und Stau genervt ist, dann legen sie alle gerne Truck Stop ein - dann läuft die Fahrt schon gleich viel entspannter...

Sie sind mit Truck Stop auch schon mal in den USA aufgetreten.

Reichling: Das erste Mal war 1983 glaube ich, da wurden wir als beste deutsche Country-Band nach Fort Worth bei Dallas eingeladen. Auf dem riesigen Festivalgelände hatte es vorher eine Woche lang geregnet – dort, wo seit Menschengedenken niemand mehr Regen gesehen hatte. Die Bühne war entsprechend zur Hälfte im Matsch versunken. Aber die Organisatoren konnten das Ganze notdürftig abstützen, und wir hatten noch jede Menge Spaß.

Wir haben die Amis auf die Countryband aus Germany reagiert?

Reichling: Die waren eigentlich positiv überrascht. Wir haben natürlich auch deutsche Sachen gespielt. Es bringt ja nichts, denen ihre eigene Musik vorzuspielen, die sie selbst meist besser beherrschen. Wir waren danach noch zwei weitere Male drüben und haben da schon ziemliche Begeisterung ausgelöst.

Hatten Sie auch schon mal die Gelegenheit, mit amerikanischen Country-Stars aufzutreten?

Reichling: Ja, wir haben z.B. mit Hank Williams Jr. oder Bobby Bare gespielt, und mit Dave Dudley waren wir sogar mal drei Wochen in Deutschland auf Tournee. Nur Johnny Cash sind wir leider nie auf der Bühne begegnet...

Mit dem Song „Take it easy, altes Haus” waren Sie zweite beim nationalen Grand-Prix-Vorentscheid 1979...

Reichling: ...und wenn alles fair zugegangen wäre, dann hätten wir auch gewonnen! Dschinghis Khan und Ralf Siegel haben damals Playback-Auftritte durchgesetzt – das hatte es zuvor nie gegeben. Bei ihrer Tanzerei hätten die ja niemals live singen können. Damals gab es nicht mal Funkmikrofone – die hätten sich heillos in den Kabeln verheddert. So aber konnten wir gegen die aufwändige Tanzshow der Truppe und die tollen Kostüme nicht ankommen.

Würden Sie denn heute noch mal für Deutschland aufsatteln, wenn man Sie fragte?

Reichling: Nein, das ist was für die Jungen.

Sonst macht's aber vielleicht Dieter Bohlen!

Reichling: (lacht) Der lebt ja auch seinen Jugendwahn und macht jeden Tag vier Stunden Sport, damit er mit den Jungen mithalten kann...

Auf der Bühne und auf Fotos sind Sie immer in Western-Kleidung zu sehen – tragen Sie Cowboyhut und Stiefel eigentlich auch in Ihrer Freizeit?

Reichling: Nein, ich nicht. Mit Cisco haben wir aber unseren Renommier-Cowboy. Der trägt Cowboyhut, Stiefel und Weste wohl auch nachts. Früher ist er sogar mit seinem gesattelten Pferd zum Einkaufen geritten – es gibt Fotos von ihm mit der Edeka-Tüte am Sattel. Cisco ist im Grunde seines Herzens eben ein echter Cowboy. Wir andere mögen das schon auch, sind aber im Alltag eher in zivil unterwegs...

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