Literatur

T.C. Boyle nennt Trump einen „Faschisten“

Ein Literatur--Star und seine Fans: T.C. Boyle in der Essener Lichtburg.

Ein Literatur--Star und seine Fans: T.C. Boyle in der Essener Lichtburg.

Foto: Stefan Arend

Essen.   „Ihn interessiert nur seine eigene Macht und sein eigenes Geld“: Der US-Star-Schriftsteller im Gespräch über Drogen, Schreiben und das Alter

Dem Rausch hat sich T.C. Boyle in seinem neuen Roman „Das Licht“ verschrieben. Vor der Lesung in Essens Lichtburg nahm sich ein höchst entspannter Schriftsteller-Star Zeit für ein Gespräch mit Britta Heidemann – in der Bar seines Hotels. Und bestellte dort: schwarzen Tee, gerne mit Milch und Zucker.

Herr Boyle, Sie haben nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass Sie in Ihrer Jugend Erfahrungen mit Drogen gemacht haben.

Ja, das war in meinen frühen Zwanzigern. Es gab Tage, da wachten wir auf, noch stoned von der Nacht vorher. Und wir fragten uns, hatte Jo nicht noch Hasch? Und dann fuhren wir alle los zu Jo, und rauchten, und gingen in den nächsten Club, und alles begann von vorn. Das war großartig. Aber halt kein Schriftstellerleben. Natürlich, William Borroughs lebte so – aber für mich ist er nicht der größte Schriftsteller, den ich je gelesen habe. Er ist interessant, weil er war, wer er war. Ich liebe Jack Kerouacs „On the road“, aber zweifle doch sehr an der Idee des automatischen Schreibens.

Sie haben seither keine Drogen mehr genommen?

Nein – kein LSD, kein Heroin oder irgendeine andere Droge. Der Grund ist: Ich wurde erwachsen. Ich verließ New York und ging nach Iowa, zum Schriftsteller-Seminar. Ich blieb dort fünf Jahre, machte meinen Abschluss. I

ch hatte etwas im Leben, dem ich mich ganz verschrieb, meiner Kunst, meiner Arbeit. Das änderte alles. Ich habe nie darüber nachgedacht, in einem anderen Zustand zu schreiben als vollkommen nüchtern. Das einzig Anregende, as ich mir während der Arbeit genehmige, ist heißer Tee. Und Musik – Klassik oder Jazz; ich liebe Rock‘n‘Roll, aber die Songtexte lenken mich zu sehr ab. Letztlich ist das Schreiben selbst ein Weg, den Körper zu verlassen, ganz in einer Sache aufzugehen.

Die zentrale Figur Ihres Romans ist Timothy Leary, Psychologe in Harvard – warum hat er Sie interessiert?

Vor allem hat mich interessiert, wie LSD damals für Psychiatrie-Patienten eingesetzt wurde – erst jetzt gibt es wieder neue Studien dazu. Wegen Timothy Leary und einigen anderen wurde es zur Partydroge der Hippies

und 1966 verboten. Für uns war Leary in den 70er, 80er Jahren nur noch ein Irrer, wirkte vollkommen derangiert, durchgeknallt. Aber zu seiner Zeit war er ein angesehener Wissenschaftler. Sehr charismatisch, sehr gutaussehend. Ein Guru.

Und damit eine typische Romanfigur für T.C. Boyle.

Ja, ich habe schon oft historische Romane über mächtige, charismatische Gurus geschrieben. Mich interessiert: Was ist der Effekt auf jene, die diesen Gurus folgen? Ich würde niemals ein Anhänger von irgendjemandem sein wollen. Ich bin ja selbst ein Guru, aber ein guter. Ich möchte nichts weiter von meinen Anhängern, als dass sie meine Kunst genießen (lacht). Wir sehen heute in Amerika, wie schnell Menschen bereits sind, sich einem Regime zu unterwerfen.

Würden Sie Trump als Guru bezeichnen?

Im negativen Sinne, ja. Er ist ein Demagoge, ein Faschist. Ihn interessiert nur seine eigene Macht und sein eigenes Geld. Was in Amerika passiert, ist beängstigend und zeigt, wie schnell eine Demokratie in eine Autokratie umgewandelt werden kann.

Sie haben sich stets für eine Legalisierung von Drogen ausgesprochen. Aber muss man die Menschen nicht vor sich selbst schützen?

Die Regierung ist nicht Mami oder Papi. Manche Menschen können mit Drogen umgehen, andere nicht. Es gibt Menschen, die verführbar sind, erblich bedingt oder psychisch. Diese Menschen hält keine Prohibition auf. Dafür aber wurde in der Zeit der Prohibition die Mafia groß, herrschte Gewalt und wuchs eine Generation von Alkoholikern heran, denn Alkohol war verboten und folglich cool. Wir haben Mexiko komplett destabilisiert, es wird von Gangs regiert. Der einzige Weg, ihr Milliardengeschäft zu beenden, ist die Legalisierung. Und all das Geld, das heute für illegale Drogen ausgegeben wird, würde über die Besteuerung von legalen Drogen der Gemeinschaft zugute kommen.

Ist Ihre Haltung zum Waffenbesitz ebenso liberal? In Deutschland haben wir ja ein deutlich strengeres Waffengesetz als in den USA – wo es so viel mehr Tote durch Schusswaffen gibt.

Ich glaube, die Regierung hat die Pflicht, Dinge zu regeln, die eine Gefahr für die Gesellschaft insgesamt bedeuten. Alkohol und Drogen gefährden

nur den Einzelnen selbst. Aber wenn Waffen auch für Verrückte zugänglich sind, die dann in die nächste Schule gehen und um sich schießen, dann ist die Gesellschaft gefährdet. In den USA steht die National Rifle Association einer vernünftigen Lösung im Weg. Wir müssten erst einmal Lobbying verbieten, jedes Privatgeld aus dem Wahlkampf heraushalten – dann könnte man das Problem angehen.

Was haben Sie Ihren drei Kindern über Drogen erzählt, als sie jünger waren? Waren Sie als Vater auch so entspannt?

Ja, denn Kinder werden ohnehin ihre eigenen Entscheidungen treffen. Meiner Frau und mir, uns sind die Kinder so passiert. Die Idee, man könnte Kinder erziehen, ist absurd. Das, was ich vor allem von meinen Kindern gelernt habe, ist: Kinder beobachten unser Verhalten rund um die Uhr, und dies ist das Vorbild für ihr Verhalten. Und wenn sie dich etwas fragen, musst du ehrlich sein! Meine Kinder sind jetzt selbst in ihren Dreißigern, sie haben gute Jobs, ein gutes Leben. Mein Jüngster ist Computerexperte und bei Siemens beschäftigt, er hat meine Webseite gebaut. Meine Tochter macht Filme, sie hat die Booktrailer für Webseite gedreht. Und mein Ältester ist Mediziner.

Sie selbst sind gerade eben 70 geworden – ich war sehr erstaunt, das zu lesen.

Ich war auch sehr erstaunt! Ich dachte, ich wäre 46 oder so.

Verrückt, oder?

Ja, sehr verrückt. Das Alter schleicht sich so heran, wenn wir Glück haben – diejenigen, die nicht so viel Glück haben, sind nicht mehr unter uns. Ich kann noch lesen, reden und schreiben, ich habe ein tolles Leben. Alles ist gut. Die Alternative ist natürlich, sich eine Kugel in den Kopf zu jagen. Ich meine das ernst! Aber wir, die wir hier sitzen, kennen ja nur das Leben und wissen nicht, was danach kommt. Also scheint es uns sicherer, am Leben zu bleiben.

Denken Sie heute anders über ihr Leben nach als mit 30? Überlegen Sie, was sie hätten anders machen können?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe herausgefunden, was ich gerne mache, ich habe das weiter verfolgt und bin sehr, sehr glücklich mit meinem Leben. Ich mag es, die Kontrolle zu behalten. Ich hatte von Anfang an die Kontrolle über mein Leben. Auch, weil meine Bücher so früh erfolgreich waren. Ich musste niemals Aufträge annehmen, um Vorschüsse bitten. Ich war immer mein eigener Arbeitgeber. Ich schreibe, was ich möchte. Ich bin ein echter Punk. Ich lasse mir nichts sagen, von niemandem.

Was hat sich für mit dem Älterwerden verändert?

Eigentlich nichts. Ich bin viel draußen, ich fahre mit dem Kajak. Ich plane ein neues Buch! Solange ich in Bewegung bleibe, geht es mir gut.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben