Kultiviert

Stille Nacht: Mein Traum von Weihnachten 2020

Monika Willer

Monika Willer

Foto: Michael Kleinrensing / WP Michael Kleinrensing

Angst vor der Einsamkeit? Das muss nicht sein. Die Corona-Weihnacht wird anders. Das heißt nicht, dass sie traurig oder schlecht wird

Alle Jahre wieder hätte ich um das heutige Datum herum längst Schnappatmung. Denn der Weihnachtskommerz liefe wie üblich bereits vor Totensonntag auf grellen Hochtouren, die Glühweinfreunde wären tapfer im Training, und die Spekulatius-Fraktion würde langsam die ersten Plätzchenkoma-Symptome zeigen. Der Advent als Zeit der Erwartung und des Wartens droht längst, aus der Alltagskultur zu verschwinden - mit der gravierenden Folge, dass den Leuten schon am Heiligabend der ganze Deko-Overkill und die Berge von christfestlichen Leckereien von Herzen zum Halse heraus hängen und die Weihnachtsfreude zwischen Überfluss und Überdruss zerrieben wird.

In diesem Jahr warten wir alle. Wir warten jeden Tag auf die neuen Coronazahlen und darauf, dass sie endlich zurückgehen. Wir warten auf neue Regeln und Beschlüsse, hoffen auf Lockerungen und wissen tief drinnen doch, dass wir uns unter den gegebenen Umständen die üblichen Bräuche knicken können, die Weihnachtsfeiern in fröhlicher Runde, die geselligen Kaffeestündchen bei Kerzenschein, das Weihnachtsmärchen im Theater, die Konzerte. Fällt vermutlich alles aus. Man möchte heulen.

2020 wird also Stille zur Musik des Advents. Die Welt hält gleichsam den Atem an und ersehnt Zeichen der Erlösung von der Pandemie. Natürlich gibt es Störgeräusche von jenen Leuten, die meinen, wenn sie den Wolf nicht sehen, ist er nicht da. Die würden auch schreien, wenn es kein Corona gäbe, dann eben über etwas anderes. Viele Mitmenschen sind mit der Unsichtbarkeit der Krankheit schlichtweg überfordert. Wenn allen Infizierten grüne Punkte im Gesicht wüchsen, könnten wir uns viele Diskussionen sparen.

Für den Advent bringt Corona jedoch auch Chancen mit sich, neue Rituale zu entwickeln, denn wir suchen nun im Privaten Heimeligkeit und Sicherheit als Gegengewicht zur Verunsicherung draußen. Viele Alleinstehende haben Angst, dass die Kontaktbeschränkungen sie noch einsamer machen. Auch wir wissen noch nicht, wie es praktisch gehen soll, da die Kernfamilie mit sechs Personen bereits aus vier Haushalten besteht. Es wird anders. Das heißt nicht, dass es nicht gut wird. Die Chancen und Herausforderungen lauten: ideelle oder virtuelle Brücken bilden, die einen tragen.

Persönlich stelle ich mir das so vor, dass wir am Heiligen Abend um eine bestimmte Uhrzeit alle auf den Balkon oder vor die Tür treten und „Zu Bethlehem geboren“ oder „Stille Nacht“ singen. Jeder für sich, aber als Teil einer großen Gemeinschaft. Das ist mein Traum.

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