Architektur

So planen Studierende die Zukunft vom Welterbe Zollverein

Die Ventilatorenkühler auf dem Kokerei-Gelände. Für eine künftige Nutzung haben Studierende Vorschläge gemacht.

Die Ventilatorenkühler auf dem Kokerei-Gelände. Für eine künftige Nutzung haben Studierende Vorschläge gemacht.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen.  Rund 90 Studierende aus NRW haben Pläne für die Nutzung von Zeche Zollverein gemacht. Das Projekt kann die Zukunft des Welterbes beeinflussen.

Der Geruch von harter Arbeit und altem Metall: Er hält sich auch nach 30 Jahren noch. Hinter der schweren Stahltür der Fördermaschinenhalle 1/2/8 auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen scheint die Zeit stillzustehen. Doch die große Seilscheibe, sie dreht sich schon lange nicht mehr. Seit der letzten Schicht ist in dem roten Backsteinbau mit den schönen großen Fenstern nicht viel passiert – anders als etwa in der benachbarten Waschkaue, in der heute das Theater Pact seine Heimat hat.

Den Dornröschenschlaf, in dem das Gebäude bis heute schlummert, möchte Andreas Hungerbühler am liebsten beenden. Der Architekt ist auf dem Welterbegelände Teil eines größeren Teams in der Standortentwicklung und hat alle Hände voll zu tun. Denn Zollverein ist mehr als Kohlenwäsche und Fördergerüst. Auf dem rund 100 Hektar großen Gelände stehen zahlreiche Gebäude und Anlagen, die noch einer zukünftigen Nutzung zugeführt werden müssen. „Es geht darum, das Gelände zugänglich und Gebäude nutzbar zu machen.“

Gebäude auf Zollverein sind Herausforderung für Architekten

Herausfordernd ist dabei nicht nur der Denkmalschutz, sondern auch die Beschaffenheit vieler Bauten: „Wir haben teilweise sehr herausfordernde Objekte, weil es keine Gebäude sind, sondern technische Anlagen.“ Wie eben die Fördermaschinenhalle, mit der mächtigen Seilscheibe in der Mitte des Raums und den wuchtigen Fundamenten, oder die drei großen Ventilatorenkühler auf dem Kokerei-Gelände – massive eckige Betonklötze, ohne Fenster und Dach, dafür mit großen, beidseitig angebrachten Ventilatoren. Für eine Nutzung als Büro, Café oder Werkstatt keine optimalen Voraussetzungen – gelinde gesagt.

Deswegen ist die Stiftung Zollverein immer auf der Suche nach Ideen, wie solche Bauten sinnvoll und im Rahmen der Denkmalpflege entwickelt werden können. Sie setzt dabei auch auf Unterstützung vom Architektur-Nachwuchs. Mehr als 90 Studierende aus Köln, Dortmund, Siegen und sogar Graz haben sich im Rahmen von Semesterprojekten mit verschiedenen Gebäuden auf dem Welterbe-Gelände befasst und Entwürfe für deren Umgestaltung entwickelt.

„Wir haben viel zu interessante Objekte hier auf Zollverein, um sie nicht für die Lehre einzusetzen“, sagt Hungerbühler, „die Arbeiten aus den Instituten sollen als offene Diskussionsgrundlage dienen.“ Ziel sei es, das Potenzial der Bauten auszuloten und frische Ideen von außen zu bekommen. „Die ersten Resultate der studentischen Arbeiten sind eine große Hilfe“, sagt Architekt Hungerbühler, „sie sind eine gute Grundlage, über Dinge zu diskutieren, auf die man sonst vielleicht nicht kommt.“

Arbeit auf Zollverein ist attraktiv für Studierende

Auch für die Studierenden selbst ist die Arbeit mit den Bauten auf einem Weltkulturerbe besonders, wie Peter Karle, Professor für Architektur an der Universität Siegen, betont: „Für die Studierenden ist das attraktiv, die genießen das sehr.“ Karle ist zur Ergebnisvorstellung und -besprechung zur Zeche wiedergekommen, nachdem er das Gelände mit seiner Arbeitsgruppe im vergangenen Oktober für vier Tage besucht und vorgestellt hatte. „Teilweise waren die Studierenden zum ersten Mal hier.“

Das Programm in diesen Tagen war gut gefüllt: Führungen besuchen, die entsprechenden Objekte und Planungsunterlagen sichten und die Historie von Zollverein kennenlernen – zum Abschluss noch einen Abstecher zum Sanaa-Gebäude. Über das Semester hinweg feilten die Studierenden dann an ihren Entwürfen. Bei den Ergebnissen, die Peter Karle auf Zollverein präsentiert, wird schnell klar: Denkmalpflege ist eine Herausforderung für Architekten, aber auch eine Chance für neue Ansätze.

Konzepte für Ventilatorenkühler sehr unterschiedlich

„Wir haben sieben ganz verschiedene Möglichkeiten, mit dem Gebäude umzugehen“, sagt Karle bei der Präsentation der Ideen für die Ventilatorenkühler. Ein so kurioses Gebäude erfordere eben kreative Lösungen – manche gelungen, andere weniger. Bei der Fördermaschinenhalle hingegen ähneln sich die Konzepte deutlich mehr. Die entscheidende Frage bei dem Gebäude, nämlich ob die große Seilscheibe in der Halle bleiben soll, haben die künftigen Architekten alle gleich gelöst: Sie soll bleiben. Mal in ein Treppenhaus integriert, mal unter einer Tribüne versteckt. „Die Geschichte der Gebäude“, fasst Karle zusammen, „läuft als Subtext in jedem Entwurf mit.“

Dass einer der studentischen Entwürfe – ganz gleich wie ausgefeilt er sein mag – auch direkt umgesetzt wird, ist aber ausgeschlossen. Viel mehr stehen die Arbeiten am Anfang eines langen Weges bis zur Neugestaltung. „Wir lassen die Studierenden Gebäude bearbeiten, die wir perspektivisch in einigen Jahren angehen wollen“, sagt Andreas Hungerbühler. Vielleicht finden sich Nutzungsideen aus den studentischen Arbeiten dann in den Ausschreibungen der Bauvorhaben wieder.

Und das nicht nur bei den Ventilatorenkühlern und der Fördermaschinenhalle, sondern auch bei weiteren Gebäuden. Denn die Zusammenarbeit zwischen Welterbe und Universität wird auch im kommenden Semester fortgeführt, dann mit anderen Bauten auf dem Gelände. Eine Partnerschaft, von der beide Seiten profitieren werden.

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