Kulturgeschichte

Sie schritten mit Musik und Mescalin über Bodenbilder

Keramikgefäße der Nasca zwischen Comic und Höhlenmalerei.

Foto: dpa Picture-Alliance / CHRISTIAN MERZ

Keramikgefäße der Nasca zwischen Comic und Höhlenmalerei. Foto: dpa Picture-Alliance / CHRISTIAN MERZ

Bonn.   Die Bonner Bundeskunsthalle zeigt, wie Forscher das Rätsel der Bodenbilder in Peru gelöst haben. Grabfunde und ein lebendiges Panorama der Nasca.

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Die Ägypter hatten Hieroglyphen, die Nasca in Peru hatten Geoglyphen: Ihre kilometerlangen Bodenbilder, entstanden zwischen 200 v. und 650 n. Chr., gaben lange Zeit Rätsel auf. Nun scheinen sie gelöst: Die Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckten gigantischen Linien, die Blumen, Tiere oder geometrische Formen darstellen und aus der Luft wie akkurate Zeichnungen von Giganten wirken, waren – Prozessionswege.

Die Nasca, deren Zivilisation ein halbes Jahrtausend älter als die der Inka ist, hatten so viele Musikinstrumente (etwa Panflöten aus Ton) wie kein anderes Anden-Volk. Wahrscheinlich war es bei seinen Prozessionen nicht nur von Klang und Rhythmus berauscht, sondern auch vom bewusstseinserweiterendem Kakteenextrakt namens Mescalin. Das würde die nicht immer sehr geradlinige Anordnung der Schrittspuren erklären, durch die man überhaupt erst auf die Idee mit den Prozessionen gekommen ist.

Sie entstand im Nasca-Projekt mit Forschern aus Deutschland, der Schweiz und Peru: „Wir haben das Skelett aus naturwissenschaftlich ermittelten Daten“, sagt Peter Fux vom Zürcher Museum Rietberg, „und diese Ausstellung soll jetzt ein wenig Fleisch liefern.“ Zuvor in Lima und im Rietberg zu sehen, gastiert sie ab heute in der Bundeskunsthalle.

Einmal mehr die Chance, eine Kultur in Augenschein zu nehmen, die in unserem Geschichtsunterricht von Persern, Römern und Griechen beherrscht wird. Zumal die Nasca eben nicht auf ihre XXL-Bodenbilder zu reduzieren sind, die sich dank einer dünnen, durch Eisen rötlich gefärbten Geröll-Schicht an der Oberfläche und einem hellen aus den Anden herbeigespülten Untergrund leicht zu malen waren: Man musste nur die dünne Geröllschicht beiseiteschieben. Der Ausstellungs-Film „Das Geheimnis der Nasca-Linien“ macht die Entstehung sehr anschaulich, mit 3D-Brillen kann man die Bilder gar im Raum sehen.

Die Nasca, die in fruchtbaren Flusstälern mitten in einer der trockensten Wüstenlandschaften der Erde lebten, waren vergleichsweise reich, sie bauten Bohnen, Mais, Kartoffeln, Kürbis und Fruchtsorten an, die in Europa niemand kennt. Ab und zu gab es Flusskrebse, und insgesamt müssen sie immer mehr Kohlehydrate zu sich genommen haben – die Archäologen schließen das aus den Zähnen, die bei den Nasca immer kariöser wurden.

Einen Sensationsfund machte man 1925: Flaschenförmige Schachtgräber, wo die Toten in „Grabbündeln“ bestattet waren: Man wickelte die hockenden Leiche in Dutzende von Tüchern und steckte das Ganze in einen Korb. Die Trockenheit der Wüstenlandschaft und der luftdichte Verschluss sorgten für einen sensationellen Erhaltungszustand der Tücher – ihre farbstarken Muster sind in Bonn ebenso zu bestaunen wie die furiose Keramik-Malerei der Nasca, die irgendwo zwischen Ornament und Comic mit einer gewaltigen Dynamik daherkommt.

Einige Rätsel aber bleiben den Forschern immer noch zu lösen: Was es etwa mit dem kultischen „Maskenwesen“ und seinem Vorläufer, dem „Augenwesen“ auf sich hatte, das in der Ausstellung so vielfältig abgebildet ist. Oder mit den sorgfältig mumifizierten Menschenköpfen, die vor allem privilegierte Nasca offenbar an Schnüren mit sich zu führen pflegten: Ahnenverehrung? Trophäenschädel? Vielleicht klärt das ja die nächste Nasca-Ausstellung.

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