Kunst

Schöner schaudern in Münster mit William Turner

„Turner. Horror And Delight“ heißt die Ausstellung im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Kooperation mit der Tate Britain in London.

„Turner. Horror And Delight“ heißt die Ausstellung im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Kooperation mit der Tate Britain in London.

Foto: Fabian Strauch / dpa

Münster.  80 Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen von Turner im Münsterschen LWL-Museum für Kunst und Kultur am Domplatz werden die Massen anziehen. Zu Recht.

Es sind ab Freitag in Münster zwar nicht einmal halb so viele Turner-Werke wie in der fabelhaften „Licht und Farbe“-Schau des Folkwang-Museums 2001 zu sehen – aber die Anreise lohnt sich allein schon wegen der Aquarelle dieses Malers, der so einsam herausragt aus der Klassik und Romantik seiner Zeit und uns ein ums andere Mal wie ein Zeitgenosse des 20. Jahrhunderts vorkommt.

Mit 26 schon Mitglied der Londoner Akademie und ein gemachter Mann aus den ärmlichen Verhältnissen einer Barbiersfamilie, baute Joseph Mallord William Turner (1775-1851) zwei Jahre später eine Galerie an sein Londoner Wohnhaus an – die Kunstkritiker mochten spotten über ihn, Turner wusste sich, auch darin hochmodern, zu vermarkten, die Sammler zählten und zahlten für ihn mehr als alle wichtigtuerischen Fachexperten.

Heimelige Unheimlichkeit schon in den Anfängen nach Claude Lorrain

In seinen Anfängen, die ja noch dem 18. Jahrhundert gehörten, malte er bei aller Könnerschaft eher konventionell da weiter, wo sein großes Vorbild Claude Lorrain aufgehört hatte, idyllische Landschaften, in denen mit Burgruinen oft aber auch schon der typisch englische Schauder der Vergänglichkeit wohnte, eine Art heimelige Unheimlichkeit. Seine Seestücke feierten nicht nur Glanz und Glorie der nationalen Flotte, sondern begleiteten auch Fischer in bewegter See beim nächtlichen Fang im dramatischen Mondenschein.

Mit Könnerschaftsbeweisen dieser Art setzt auch die „Horror And Delight“-Schau in Münster ein (die ungefähre Übersetzung „Schrecken und Schönheit“ wäre vielleicht auch kein schlechter Titel gewesen, aber für Münster vielleicht nicht internäschenel genug); wer kein Kunsthistoriker ist, kann hier denn auch getrost seine Schritte beschleunigen.

In der Schweiz kommt das Turner-Licht

Aber bis zur ersten Sensation ist es ohnehin nicht weit, der „Sonnenübergang über einem See“ mit einer vollendet fließend komponierten Sinfonie in Rot, Gelb und Weiß wartet schon im zweiten Saal, in dem überhaupt die Sonne aufgeht. 1802 war Turner zum ersten Mal im Leben in der Schweiz – und damit kommt das berühmte Turner-Licht in seine Bilder. Er malt den Schrecken der Alpen und die Lieblichkeit ihrer Seen, und immer weniger malt er, was mit bloßem Auge zu sehen, immer mehr malt er, was er fühlt und in der Landschaft als deren ureigene Atmosphäre erspürt.

Der Vierwaldstätter See und Luzern (wo diese Ausstellung zuerst und mit einem Schweiz-Schwerpunkt zu Gast war) werden zu seinen Lieblingsorten, an denen er jahrelang die Sommer verbringt. Turner reist nach Venedig, und was er dort malt und aquarelliert, hätte eine eigene fulminante Ausstellung verdient, so glühen hier die Farben, so souverän übertrifft er Canaletto, desen Bilder er entgrenzt und jenseits der Schauwerten mit Gefühlen bis zum Platzen füllt.

Seemonster und die Radikalität des Alters

Turner war, wie nur vor ihm Rembrandt, beflügelt von der Radikalität des Alters, das keine Rücksichten mehr nehmen, keine Kompromisse mehr schließen muss. In seinen 60ern löst er die Konturen seiner Malerei komplett auf in Farbfelder, deutet „Seemonster“ auf seinen Bildern an und lässt die Zerfleischung Aktäons durch Hunden als puren Farbenwirbel auftreten, genau wie Goethes Farbentheorie in runder Bewegung.

Diese Ausstellung im Kunst-und-Kultur-Museum am Münsterschen Domplatz wäre um ein Haar die erste Ausstellung nach dem Brexit geworden. Doch die 80 Turner-Werke, die weiterreisen werden nach Nashville/Tennessee und Quebec, mögen aufbewahrt werden in der Tate Gallery in London, aber sie gehören der Menschheit, die solche Kühnheit und Grenzensprengung braucht.

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