Musik

Rag’n’Bone Man Rory Graham über sein Album „Human“

Rory Graham.

Rory Graham.

Foto: Ami Barwell

Brighton.   Ein Recycle-Künstler, der altmodischen Blues mit modernem Hip­Hop vereint und so ein ganz neues Genre kreiert. Rory Graham im Interview.

Ein Rag’n’Bone Man ist ein Lumpensammler. Rory Graham (32) aus Brighton ist ein auch so ein Recycle-Künstler, der altmodischen Blues mit modernem Hip­Hop vereint und so ein ganz neues, bislang namenloses Genre kreiert. Worauf der bullige Mann mit kahlem Schädel, Rauschebart und großflächigen Tattoos genauso stolz ist wie auf seinen aktuellen Erfolg, der nur der Auftakt zu mehr sein dürfte. 2017 stehen eine flächendeckende Tournee und Auftritte bei den größten deutschen Festivals auf dem Programm.

Rory, was ist es für ein Gefühl, plötzlich so populär zu sein?

Rory Graham: (lacht) Es ist toll! Also das, worauf ich mein ganzes Leben hingearbeitet habe, ohne dass ich es je für möglich gehalten hätte. Es ist wunderbar, Komplimente von wildfremden Menschen zu bekommen oder umsonst in meiner Stammkneipe zu trinken.

„So etwas wie „Human“ hatten wir noch nie gemacht“, sagt Rory Graham

Hat Sie der bahnbrechende Erfolg von „Human“ zumindest ein bisschen geschockt?

Hat er. Obwohl: Als ich das Stück mit meinem Freund Jamie Hartman geschrieben habe, war uns sofort klar, dass da etwas „klick“ gemacht hat. Wir haben schon viel zusammen geschrieben, aber noch nie so etwas wie „Human“. Selbst im rauen Demo-Format mit einer Gitarre und einem Drum-Beat war es schon so, dass alle, denen wir es vorgespielt haben, meinten: „Das ist ja richtig gut!“ Als es veröffentlicht wurde, hat es sich ausgebreitet wie ein Lauffeuer.

Gibt es dafür eine Erklärung? Dass das Stück so simpel ist? So ehrlich?

Es liegt daran, dass es von Herzen kommt. Mein Kumpel Jamie und ich saßen zusammen und unterhielten uns darüber, wie viele Leute meinen, sie hätten wer weiß was für Probleme – obwohl die im Grunde völlig banal sind. Also im Vergleich zu anderen Menschen, denen es wirklich übel geht und die nicht wissen, was sie machen sollen.

„Mir wurde schon oft das Herz gebrochen“, sagt der Sänger aus Brighton

Wobei sich die meisten Songs Ihres Albums um Herzschmerz und Trennungen drehen. Wissen Sie denn, wovon Sie da singen?

Aber sicher! Mir wurde schon oft das Herz gebrochen. Es ist reinigend, darüber zu singen, um es loszuwerden. Und es kommt tatsächlich vor, dass jemand sagt: „Du hast mich echt zum Weinen gebracht.“ Was mir fast ein wenig peinlich ist.

Wie fallen die Reaktionen Ihrer Ex-Freundinnen aus, die in den Stücken auftauchen?

(lacht) Darüber versuche ich nicht nachzudenken. Aber wer weiß: Vielleicht ist das auch für sie ein kleines bisschen Therapie.

Weil Sie sich fragen, wie sie Ihnen das antun konnten?

Ganz genau – ich glaube an das Gute im Menschen. Selbst wenn das wahrscheinlich sehr naiv ist…

„Wir haben nie gelernt, uns zu öffnen uns unsere Gefühle zu teilen.“

Sind Sie jetzt glücklicher?

(lacht)Keine Frage! Und sei es nur, weil ich gelernt habe, emotional ein bisschen stärker zu sein und mich nicht wie alle anderen Typen zu verhalten. Die meisten von uns wissen doch gar nicht, wie man richtig über bestimmte Themen spricht – schon gar nicht mit einer Frau. Das ist der Grund, warum wir so viel Mist bauen und es immer wieder verbocken: Weil wir nie gelernt haben, uns zu öffnen und unsere Gefühle zu teilen. Dabei ist es doch so: Wenn wir emotional ein bisschen zugänglicher sind und ehrlicher, wird vieles leichter.

Die meisten Leute halten Sie für einen Newcomer. Dabei sind Sie schon länger im Geschäft . . .

Seit ich 19 bin, also über zehn Jahre. Ich habe da eine Menge Arbeit investiert, habe in winzigen Hallen vor einer Handvoll Leuten gespielt und war schon froh, wenn es Gratis-Bier gab.

Wie kamen Sie auf die Idee, Blues und HipHop zu kombinieren?

Weil ich lange in der HipHop-Szene von Brighton unterwegs war – und mit der Plattensammlung meiner Eltern aufgewachsen bin. Zuerst habe ich das strikt getrennt, und entweder Blues- oder HipHop-Gigs bestritten. Aber dann dachte ich: „Warum kann ich nicht beides machen?“ Und das tue ich auf dem Album.

Die Musik sollte ein eigenständiger Sound sein und keine Persi­flage,

Was nahe liegt, weil Hip­Hop und Blues einiges gemeinsam haben.

Ganz genau! Hip­Hop gilt als Musik der Straße, die in den 70ern an Orten wie Queens und Harlem aufkam, und mit der Leute ihren Frust abließen. So ähnlich fing auch der Blues an, und deshalb haben sie einen vergleichbaren Ursprung.

Demnach ist das eine nur eine zeitgemäße Version des anderen?

So ist es. Als ich das erkannte, habe ich angefangen, beides miteinander zu kombinieren. Wobei es mir wichtig war, dass es ein eigenständiger Sound wird und keine Persi­flage, als würde man Muddy Waters mit einem HipHop-Beat unterlegen. Das wäre zu billig. Ich wollte ein neues Genre.

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